In Nigeria sind bei einem Luftangriff des Militärs zahlreiche Menschen auf einem Wochenmarkt im Nordosten des Landes ums Leben gekommen. Die Nachrichtenagentur Reuters nannte Schätzungen von mindestens 200 Todesopfern, andere Quellen sprachen von Dutzenden Toten. Kampfflugzeuge hätten am Samstag den Markt in der Grenzregion zwischen den Bundesstaaten Yobe und Borno beschossen, hieß es in lokalen Medienberichten. Während das Militär und die Regierungen der Bundesstaaten von einer „legitimen und erfolgreichen“ Operation im Kampf gegen islamistische Terroristen sprachen, mehren sich Augenzeugenberichte, denen zufolge viele unschuldige Zivilisten getötet wurden. Ein Militärsprecher sagte, vor dem Einsatz hätten mehrere Erkundungsmissionen stattgefunden, um die Bewegungen mutmaßlicher Terroristen in der Gegend zu verfolgen.
Die Region ist eine Hochburg von Boko Haram und eines Ablegers des „Islamischen Staats“ (IS). Tausende Menschen wurden über Jahre hinweg getötet und mehr als zwei Millionen Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Im Kampf gegen die Terroristen erhält die nigerianische Regierung auch verstärkt Unterstützung der Vereinigten Staaten, nachdem US-Präsident Donald Trump seinem nigerianischen Amtskollegen vorgeworfen hatte, Anschlägen auf Christen im Land tatenlos zuzusehen. Seitdem haben die USA militärisches Gerät geliefert, auch Ausbilder wurden nach Nigeria entsandt. An Weihnachten kam es zu einem amerikanischen Militärschlag auf Ziele im Bundesstaat Sokoto, wo eine weniger bekannte Terrorgruppe aktiv ist.
Nigeria scheint nun nicht nur mit militärischen Mitteln verstärkt gegen die vielfältigen Banden vorzugehen. Ende vergangener Woche wurden in einem Mammutprozess fast 400 Menschen mit Verbindungen zu Terrorgruppen zu langen Haftstrafen verurteilt.
„Welchen Wert haben nigerianische Leben?“
Die Militärflugzeuge waren bei dem jüngsten Angriff am Wochenende den Berichten zufolge am Nachmittag über den Markt geflogen, als dort reges Treiben herrschte. „Vier Kampfflugzeuge haben angegriffen, wobei das vierte nicht klar sichtbar war. Wir hörten nur die Explosionen“, sagte ein Augenzeuge der Zeitung „Vanguard“. Er habe 56 Leichen gezählt und zwei verletzte Personen ins Krankenhaus gebracht. „Ich glaube, die Zahl der Todesopfer wird steigen, wenn mehr Leichen geborgen werden.“ Ein Gemeinderatsmitglied sagte, die Menschen seien in Panik davongerannt, doch es sei weiter geschossen worden.
Die Regierungen der Bundesstaaten teilten mit, bei den Getöteten handele es sich überwiegend um Terroristen, nicht um Zivilisten. Der Markt sei ein berüchtigter Umschlagplatz für die Banden und ihre Zulieferer. Deswegen hätten ihn die Behörden vor fünf Jahren geschlossen.
Militäreinsätze, bei denen unschuldige Menschen ums Leben kommen, weil sie mit Terroristen verwechselt werden, sind allerdings keine Seltenheit in Nigeria. Menschenrechtsorganisationen verurteilten den Angriff scharf. Luftangriffe seien keine legitime Methode der Strafverfolgung, teilte Amnesty International mit. „Ein derart rücksichtsloser Einsatz tödlicher Gewalt ist rechtswidrig, empörend und offenbart die schockierende Missachtung des Lebens der Menschen, die das nigerianische Militär angeblich schützen soll.“
Ähnlich äußerte sich der frühere Vizepräsident Atiku Abubakar auf der Plattform X: „Hier in Nigeria müssen wir uns fragen: Welchen Wert haben nigerianische Leben?“
Source: faz.net