Luftalarm bestimmt in der Ukraine, vor allem in der Hauptstadt Kiew, die Nächte. Seitdem Russland die Ukraine im Februar 2022 angegriffen hat, schwankt die Lage für die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort zwischen Gewöhnung und Schrecken. Die Entwicklerin Julia Kosova über die jüngsten Angriffe auf ihre Stadt.
Ende August hat Russland einen der schwersten Luftangriffe auf die Ukraine seit Langem durchgeführt. In Kiew, wo Sie leben, wurden dabei 23 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Wie haben Sie die Nacht erlebt?
Ich war bei meinem Partner zu Besuch. Immer wenn die Explosionen lauter wurden, gingen wir in den Flur, weg von den Fenstern. Raketen regneten in Massen herab. Einige wurden von der Luftabwehr abgefangen. Außerdem gab es das ständige Summen russischer Drohnen. Zwei Raketen trafen ein nur einen Kilometer entferntes Wohngebiet – der Lärm war furchtbar. Aber es war nicht der schlimmste Angriff, den ich erlebt habe. Seit sie vor drei Jahren damit begonnen haben, diese Taktik anzuwenden, haben wir unzählige Nächte wie diese durchlebt. In manchen Monaten gab es nächtliche Angriffe, sodass wir wochenlang unter Schlafmangel litten.
Wie erfährt man von bevorstehenden Luftangriffen?
Informationen werden meist über Messenger-Kanäle weitergegeben. Diese enthalten Echtzeit-Warnungen von offiziellen Quellen und von der Zivilgesellschaft. Wir nutzen Bots für bestimmte Regionen und folgen Kanälen, die öffentlich zugängliche Daten verfolgen, um Anzeichen für die Vorbereitung von Luftangriffen zu erkennen. Diese Vorhersagen sind in der Regel genau, aber das Schwierigste ist es, vorherzusagen, welche Stadt getroffen wird. So kann es passieren, dass wir uns auf eine harte Nacht in Kiew vorbereiten, nur damit Russland dann woanders angreift. Nach einigen solcher „Fehlalarme“ kann einen ein echter Angriff unvorbereitet treffen.
Was passiert bei einem solchen Angriff?
In der Regel beginnt Russland einen Angriff mit einer großen Anzahl Kamikaze-Drohnen, gemischt mit Lockvogeldrohnen, die identisch aussehen und klingen, aber kleinere Sprengladungen tragen. Damit soll unsere Luftabwehr erschöpft werden. An Nächten wie diesen kann die Gesamtzahl in unserem Luftraum Hunderte Drohnen erreichen. Sie verursachen schwere Zerstörungen und massenhaft Opfer. Russland kombiniert die Drohnen jedoch oft mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern, um den Schaden und Terror zu maximieren.
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Sie erkennen den Unterschied zwischen den Flugkörpern?
Drohnen sind extrem laut und langsamer als Raketen, sodass man sie in der Regel schon von weitem hören kann. Es ist wichtig, das Geräusch zu erkennen, wenn sie sich nähern und in den Sturzflug übergehen. Dann hat man vielleicht noch ein paar Sekunden Zeit, um sich von Fenstern und Glas fernzuhalten. Raketen sind anders – sie sind viel schneller. Einige sind so laut wie Flugzeuge, aber wenn man sie hört, ist es in der Regel zu spät, um zu reagieren.
Worauf sollte man bei einem Luftangriff achten?
Am sichersten sind ausgewiesene Schutzräume mit Belüftungssystemen und mehreren Ausgängen oder U-Bahn-Stationen, aber es ist nicht immer möglich, sie rechtzeitig zu erreichen – und es ist anstrengend, jeden Abend dorthin zu gehen. Wenn man zu Hause bleibt, sollte man Fenster meiden und sich möglichst hinter mindestens zwei tragenden Wänden in Sicherheit bringen. Viele schlafen in Fluren oder Badezimmern, was jedoch nur vor Schäden durch die Druckwelle schützt. Manchmal, wenn ich zu erschöpft bin, bleibe ich trotz der Explosionen im Bett. Diese Nächte fühlen sich wie Fieberträume an: Ich wache alle 15 bis 30 Minuten durch die Geräusche auf, bin aber zu tief eingeschlafen, um aus dem Bett aufzustehen.
Wir versuchen, freundlich zu bleiben.
Können Sie in solchen Nächten die Nerven bewahren?
Wir schwanken zwischen völliger Abstumpfung, bei der man nichts mehr spürt, und intensiver Angst, bei der man auf jedes Geräusch oder jede Erschütterung mit Furcht reagiert. Humor hilft uns, damit umzugehen. Ich könnte die halbe Nacht damit verbringen, Freunden SMS zu schreiben und dumme Witze darüber zu machen, dass man auf der Toilette sterben könnte. So bleiben alle wach, aufmerksam und bei Bewusstsein – und es hilft uns wirklich, die Nacht zu überstehen.
Gehen Sie nach einem Luftangriff direkt zur Arbeit?
Ich arbeite im Homeoffice, was sehr hilfreich ist. Ich fange morgens mit der Arbeit an, auch nach schlaflosen Nächten. Die meisten Menschen tun das Gleiche, wir lassen uns nicht unterkriegen. Nach jedem Angriff frei zu nehmen, ist keine Option, denn wenn wir das alle täten, würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Aber wir versuchen, freundlich zu bleiben. Wenn einige Geschäfte am Morgen nach dem Luftangriff nicht sofort öffnen, macht deswegen niemand eine Szene. Es gibt immer ein Gefühl der Solidarität zwischen Menschen, die dieselbe schreckliche Nacht durchlebt haben.
Hat sich Ihr Verhalten während der Luftangriffe in den letzten Jahren verändert?
Mit der Zeit haben wir Luftangriffe ernster genommen, da die Risiken deutlicher wurden und zivile Ziele häufiger getroffen wurden. Jetzt kennt jeder jemanden, der direkt betroffen ist. Auch Videos von Menschen, die in brennenden Trümmern gefangen waren, haben einen tiefen Eindruck hinterlassen. Während man die Möglichkeit eines schnellen Todes durch eine Raketenexplosion akzeptieren kann, ist der Gedanke, in Schutt gefangen zu sein und langsam zu verbrennen, absolut erschreckend. Meine Einstellung hat sich von „dieses Mal werde ich Glück haben“ zu einer aktiven Verantwortung für meine Sicherheit gewandelt.
Haben sich die Luftangriffe verändert?
Sie sind tödlicher geworden: Es gibt mehr Drohnen und ballistische Raketen, die schwerer abzufangen sind. Das fordert seinen Tribut, aber wir konzentrieren uns auf das Überleben und betrachten es als Teil unseres Widerstands: Angriffe abzuwehren und Gegenmaßnahmen zu unterstützen. Was uns wirklich Sorgen bereitet, ist der Rückgang der ausländischen Hilfe, insbesondere der Unterstützung bei der Luftverteidigung, denn wir sind darauf angewiesen. Wenn wir alle Bedrohungen abfangen könnten, wäre der Schaden minimal. Jeder Mensch, der bei diesen Angriffen ums Leben kommt, ist eine echte Tragödie.
Julia Kosova, 32, arbeitet als Unternehmensentwicklerin im IT-Bereich und hat im vergangenen Jahr eine kleine Modemarke gegründet. Sie lebt in Kiew und hat zahlreiche russische Luftrangriffe erlebt.