Vor nicht allzu langer Zeit fuhr ein Hirsch durch Berlin. Man sah ihn in Kreuzberg vor der DAAD-Galerie, dann verbrachte er einen Tag am Eingang des Kunstquartiers Bethanien, am Abend wurde er in wechselnden Farben magisch beleuchtet. Rund um ihn geschah ein Happening – einige tanzten zu einem DJ-Set, andere kamen, um einfach in seiner Nähe zu sein – fast wie zu einer Heiligenverehrung.
Der Origami-Hirsch, ein Werk der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova, stand auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens – und so, den Blicken ausgesetzt, hatte er seinen Weg aus der Frontregion der Donezker Oblast nach Winnyzja und nach Kiew zurückgelegt. Wie ein Gastspielreisender war er zu einer Tournee aufgebrochen, auf der er sich selbst präsentiert – über Lemberg nach Warschau, Prag und Berlin. Er war in Brüssel und Paris, um schließlich Venedig zu erreichen. Dieser Hirsch ist nicht nur eine ungewöhnliche Zementskulptur, er wird die Ukraine auf der Biennale im Projekt „Security Guarantees“ repräsentieren.
Zusicherungen wurden zu wertlosem Papier
Der Titel verweist auf das Budapester Memorandum von 1994, unterzeichnet von der Ukraine, Großbritannien, den USA und Russland, als die Ukraine, damals drittgrößte Atommacht der Welt, aus eigenem Willen und einseitig auf ihr nukleares Arsenal verzichtete, im Austausch für die Garantie ihrer Souveränität und Sicherheit. Die friedliche Eigenständigkeit des damals jungen ukrainischen Staates war ein prägender Moment. Russland, eines der Unterzeichnerländer, griff die Ukraine 2014 an und führt gegen sie einen Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist. Die damals gegebenen Zusicherungen haben sich in wertloses Papier verwandelt.
Und so kam 2019 der Origami-Hirsch von Zhanna Kadyrova als Gewinner eines offenen Wettbewerbs auf den Sockel über dem Park im Zentrum von Pokrowsk. Der Hirsch nahm den Platz eines ausgemusterten Flugzeugs vom Typ Su-7 ein, das einst nukleare Sprengköpfe trug – ein typisches Monument der sowjetischen Epoche, wie sie zu Tausenden die städtischen Landschaften „schmückten“. Einige erinnerten an den Zweiten Weltkrieg, andere waren ein Tribut an den sowjetischen Militarismus. Als sie wieder aus den ukrainischen Orten verschwanden, bekamen sie wieder ein eigenes Gesicht.
Der Origami-Hirsch wurde nicht zufällig zum Boten der „Security Guarantees“. Er ist buchstäblich ein Zeuge dieser fehlenden Garantien, ein Survivor. Als sich im August 2024 die russische Armee Pokrowsk näherte und die Menschen massenhaft aus der Stadt flüchteten, wurde er von der Initiativgruppe „Museum offen für Reparatur“, die Kulturgüter in Sicherheit brachte, demontiert und gerettet.
In Venedig wird er zum fliegenden Hirsch
Die Evakuierung erneuerte die Frage nach den nicht eingelösten Sicherheitsgarantien, auf die sich die Ukraine stützte, als sie auf ihr nukleares Arsenal verzichtete. In Pokrowsk wird inzwischen gekämpft, die Bewohner sind über die Ukraine und über ganz Europa verstreut. In gewisser Weise verkörpert dieser Hirsch – und alles, was mit ihm geschieht – das Schicksal dieser Menschen: die Flucht, die Bewegung, die Unsicherheit. In Venedig soll er an einem Kran aufgehängt werden – in der Nähe der Arsenale (des einstigen Symbols militärischer Macht des mittelalterlichen Venedigs), und dieser „schwebende“ Zustand soll an Geflüchtete und die Unsicherheit des ganzen Landes, erinnern.
Der Origami-Hirsch ist ein Objekt zeitgenössischer Kunst, mit dem Kadyrova ein Paradox vorführt: mit Zement wird die Papier Origami-Technik imitiert, während sich die „eisernen“ Sicherheitsgarantien in Papier verwandelt haben.
Origami selbst ist im Bewusstsein meiner Generation durch die Geschichte des japanischen Mädchens Sadako Sasaki aus Hiroshima verankert: Um zu überleben, folgte sie einer Legende und faltete tausend Kraniche. Sie wurden zu einem Symbol gegen den Atomkrieg und für den Überlebenswillen (Kadyrova schuf später einen riesigen Origami-Kranich aus Zement für einen Park in Iwano-Frankiwsk). Wie japanische Papierblumen sich entfalten, so entfalten sich in der Hirschskulptur viele Bedeutungen. Seine Reise durch Europa wird zu einer Art Antikriegserklärung. Doch wo sind die Garantien des Friedens?
Der Hirsch wirkt zugleich wie eine Reliquie und wie ein Träger politischen Willens. Während seiner Fahrt (durch einen Zufall ist der Fahrer des Lastwagens, der ihn durch Europa transportiert, ein ehemaliger Soldat aus der Westukraine, der bei Pokrowsk verwundet wurde – jenem Ort also, aus dem auch der Hirsch „stammt“), verwandelte er sich allmählich vom Objekt der Evakuierung in ein Subjekt der Reise: Die Künstlerin, die Kuratoren und das technische Team wurden gleichsam zu seinem Ehrengeleit. Der Hirsch scheint lebendig zu werden, beseelt, als hätten sich in ihm Naturkräfte freigesetzt.
Archetypisch nimmt der Hirsch Bilder in sich auf
In jeder Stadt wurde er empfangen – von Vertreterinnen und Vertretern der Stadtverwaltungen, von lokalen Künstlern, Ukrainern im Ausland, von Passanten; Zehntausende sahen ihn unterwegs auf den Straßen. Darin liegt eine ihm eingeschriebene demokratische Dimension: Die Venedig Biennale ist ein Forum für sich, aber unterwegs sehen ihn Tausende Menschen, auch Ukrainer: Der Hirsch ist „ihr“ Geflüchteter. Es bildet sich eine Community, es wird gefeiert. Zu „ihrem“ Hirsch kamen auch Geflüchtete aus Pokrowsk und zeigten Fotos, die sie von ihm dort aufgenommen hatten. Werden sie eines Tages alle zurückkehren? Auch ich bin zu dem Hirsch mit Freude gegangen, und schon die Berührung von ihm erfüllte mich mit einer unerklärlichen Hoffnung.
Das Projekt erlaubt, ein wenig zu träumen. In ihm entfaltet sich etwas Magisches, vielleicht sogar Totemisches. Archetypisch nimmt er Bilder in sich auf, in denen sich verschiedene Register überlagern: von Bambi aus dem Disney-Film, das seine Mutter verliert, bis zum heiligen Eustachius, der sich zum Christentum bekehrte, als er auf der Jagd im Geweih eines Hirsches den gekreuzigten Christus sah – und eine Offenbarung erlebte. Zugleich ist der Hirsch die ewige Beute der Jagd.
Der Origami-Hirsch, Leittier der Herde – zeichnet mit seiner Reise gleichsam den Raum einer garantierten europäischen Sicherheit nach, einer Sicherheit allerdings, die jetzt infrage steht, denn auch der Ukraine wurde sie einst „garantiert“. Je weiter er fährt, desto größer wird sein Gefolge. Es liegt etwas Königliches in ihm, doch er bleibt verletzlich, wie alles, was er verkörpert. Er erinnert sogar an religiöse Prozessionen, bei denen Menschen zu Ikonen oder Heiligenfiguren hinausziehen, um sich zu verneigen und zu beten.
Der Hirsch verkörpert – über das Zeugnis hinaus – ein Bedürfnis nach Frieden. In ihm liegt das Potential, die Friedenstaube zu ersetzen. Während die Taube als Zeichen in der letzten Zeit missbraucht wird (unter „Frieden“ verstehen manche Unterwerfung und Verzicht auf Selbstbestimmung, man wirft dem angegriffenen Land gar Militarismus vor!), steht der Hirsch für Würde ein. Wird dieser Hirsch nicht zu einem neuen Friedenssymbol, sogar zu einem Meme?
Source: faz.net