L’Oreal-Film in Frankreich: Diese armen, reichen Leute!

Der Spielfilm „La Femme la plus riche du monde“ von Thierry Klifa erzählt die tragikomische Geschichte der vermögendsten Frau der Welt. Die Alleinerbin des Gründers des weltgrößten Kosmetikkonzerns, durch Isabelle Huppert mit gewohnt raubkatzenartiger Gewissenlosigkeit verkörpert, hat in ihrem Privatleben nur die Rollen der Tochter des Vaters, dann der Gemahlin des Gatten gekannt. Bis der Blick eines Fotografen auf sie fällt, der sie als eine selbstbestimmte Frau sieht.

Laurent Lafitte verleiht diesem Parvenü etwas unwiderstehlich Unausstehliches, eine Mischung aus Chuzpe, Kindlichkeit, Vulgarität und Phantasie. Die Erbin verfällt dem schillernden Schwulen sogleich platonisch. Er nutzt das schwer definierbare, durchaus auf gegenseitigem Geben und Nehmen gegründete Verhältnis, um ihr im Laufe der Jahre immer horrendere Summen abzulocken. Bis die Tochter der Erbin eingreift, diese unter Vormundschaft stellen lässt und dem Erbschleicher via Gericht den Garaus macht.

François-Marie Banier wollte sogar adoptiert werden

Klifas Film, der seit Kurzem in Frankreichs Kinosälen läuft, wird die Film­geschichte nicht revolutionieren. Seine Stärke sind Dialoge und darstellerische Leistungen, die den Hauptfiguren ein jeweils markantes Profil verleihen. Das Problem liegt woanders, wie Fabrice Arfi nun in „Mediapart“ ausgeführt hat. „La Femme la plus riche du monde“ sei mitnichten „sehr frei inspiriert“ vom ­Leben der 2017 verstorbenen L’Oréal-Hauptaktionärin Liliane Bettencourt, wie der Vorspann behauptet, vielmehr bis in zahllose Details hinein echten Begebenheiten und existierenden Orten abgekupfert. Der Film erscheine mehr als ein an der Realität klebendes Biopic denn als freie Phantasie über Themen aus Bettencourts Vita. Allerdings werde ein essenzielles Element fast völlig ausgeklammert: der nach einem Sturz im September 2006 zunehmende körperliche und geistige Verfall der Milliardärin.

Auf diesen berief sich ein Bordelaiser Gericht, das 2016 den Fotografen François-Marie Banier in zweiter Instanz zu vier Jahren Gefängnis wegen Ausnutzung einer willensgeschwächten Person verurteilte. Die Richter betonten, die 1922 geborene Erbin sei aufgrund „ihres hohen Alters, ihrer zerrütteten Gesundheit, ihres depressiven Zustands, ihrer affektiven Einsamkeit, ihrer rekurrenten Gedächtnisstörungen, endlich ihrer tiefen Taubheit“ in hohem Grad gefährdet.

Pfleger, Anwälte, Notare, Vermögens- und Gutsverwalter hatten die alte Dame ausgenutzt – aber niemand so ruchlos wie Banier. Diesem war es, auch und gerade nach 2006, gelungen, Geld, Kunstwerke, Immobilien und Lebensversicherungen im Gesamtwert von geschätzt einer knappen Milliarde Euro zu ergattern. Damit nicht genug, hatte Banier sich als Alleinerbe auf Bettencourts Testament betten lassen und drang gar auf Adoption.

Bei Klifa erscheint die Milliardärin weder alt noch hinfällig, weder taub noch verloren. Anders als die L’Oréal-Erbin nach ihrem Sturz weiß die Filmheldin, was sie will und was sie tut. Huppert gab freimütig zu Protokoll, Marianne Farrère, wie Bettencourt bei Klifa heißt, sei „absolut kein Opfer, weder vor der Begegnung mit der von Laurent Lafitte verkörperten Figur noch selbst dann, als diese aus ihrem Leben getreten ist“. Eine kurze Gedächtnislücke, ein melancholischer Anflug und eine durch Medikamente entschuldigte Müdigkeit sind die einzigen Anspielungen auf den in der Realität gravierenden kognitiven Niedergang der reichsten Frau der Welt. Und auch von der im zitierten Gerichtsurteil gegeißelten „niet- und nagelfesten Organisation“, mit der Banier die „durch ihn gelenkten extravaganten Gaben“ in seine Taschen fließen ließ, ist auf der Leinwand nichts zu sehen. So gleicht das Ganze einem Weißwaschunternehmen zugunsten des Fotografen.

Mit literarischen Mitteln haben sich der bedeutende Dramatiker Michel Vinaver (2014 mit seinem Abschiedsstück „Bettencourt Boulevard ou une histoire de France“) und im vergangenen Jahr der Romancier Mathieu Larnaudie (mit „Trash Vortex“) des Stoffes ungleich phantasie- und kunstvoller bemächtigt. Im Filmbereich vermögen weder „La Femme la plus riche du monde“ noch die dreiteilige Netflix-Dokumentationsserie „Die Milliardärin, der Butler und der Freund“ von 2023 zu überzeugen. Man träumt davon, was der Paolo Sorrentino von „Il Divo“ und „Loro“ oder der Bertrand Bonello von „Saint Laurent“ aus der Bettencourt-Materie zaubern könnten.

Source: faz.net