Lokführer: Wie jener neue GDL-Chef die eigenen Leute bremst

Claus Weselsky hätte jetzt schon den Bahn-Vorstand beleidigt, wahlweise als „Vollpfosten“ oder „Nieten in Nadelstreifen“. Er hätte mit lautem Getöse einen Streik angedroht und den Abbruch der Verhandlungen angekündigt. Doch der legendäre, stets polternde Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL ist nicht mehr im Amt. Und so hört man in den aktuellen Tarifgesprächen der Gewerkschaft mit der Deutschen Bahn bisher nichts dergleichen. Obwohl die Diskussionen offenbar kaum Fortschritte machen.

Denn seit September 2024 ist Mario Reiß der neue Bundesvorsitzende der GDL. Und er will es anders machen als Claus Weselsky, der vorher 16 Jahre lang die Regie führte. „In der Sache bin ich mit Claus einer Meinung. Aber ich trete anders auf“, sagt der Neunundfünfzigjährige. „Ich bin ein Mensch, der lieber hinter verschlossenen Türen verhandelt und nicht in der Öffentlichkeit.“ Und der offenbar auch nicht so schnell eskaliert wie Weselsky. So sind nun bis Freitag schon neun Verhandlungstage vergangen, aber eine Einigung ist nicht in Sicht. Die Mitglieder werden unruhig, sie sind streikbereit. „Die Mannschaft hat eine Wut im Bauch. Die sagen schon, tickert nicht so lang, sagt uns, wann es losgeht“, erzählt Reiß.

Doch er bremst die eigenen Leute, er will der Bahn noch die Möglichkeit einräumen, etwas Substanzielles auf den Tisch zu legen, über das ernsthaft verhandelt werden kann. Weselsky hätte das vermutlich nicht gemacht, aber Reiß will das Image der GDL verbessern. Sie ist verschrien als Gewerkschaft, die immer gleich poltert und streikt, wenn sie ihre Forderungen nicht durchbekommt. „Wir wollen am Verhandlungstisch bleiben, solange die Möglichkeit für einen Abschluss besteht.“

Ein erstes Angebot der Bahn kam am Dienstag. Sechs Prozent mehr Lohn – das klingt erst mal ganz gut. Aber er soll über 30 Monate erhöht werden. „Wenn der erst im September steigt, sind das nur 0,4 Prozent mehr in diesem Jahr. Netto, nach Inflation, ist das ein Verlust. Aber die GDL verhandelt keine Reallohnverluste“, schimpft er. Die Gewerkschaft fordert acht Prozent – im Jahr.

Reiß erhöht den Druck

Reiß sah sich genötigt, gegenüber dem Bahn-Vorstand die Zügel anzuziehen, auch um seinen Mitgliedern Kampfbereitschaft zu signalisieren. Die Öffentlichkeit hatte den Eindruck bekommen, die GDL sei ganz brav geworden. Am Mittwoch sagte er daher: „Wir kommen nicht so richtig vorwärts. Es besteht die Gefahr, dass wir den Tariftisch verlassen. Wir haben heute deutlich gemacht, dass wir nicht mehr so viel Zeit haben.“ Und stellte dann klar: „Wir versuchen, den Streik zu vermeiden, aber zahm sind wir sicher nicht.“ Ein Streik wäre nach Ende der Friedenspflicht Anfang März möglich.

Der neue, moderatere Ansatz von Mario Reiß hat zumindest das Klima zwischen der Gewerkschaft und dem Bahn-Personalvorstand Martin Seiler verbessert. Haben sich Weselsky und Seiler auch persönlich angegriffen und einen Kampf zweier Alphatiere ausgefochten, so verlaufen die Gespräche nun sachlicher und respektvoller. „Wir werden ernst genommen“, bestätigt Reiß. Auffallend war, wie vor wenigen Tagen die Bahn schon einmal ein erstes Angebot der Öffentlichkeit präsentieren wollte, das die GDL aber rundweg ablehnte. Statt es öffentlichkeitswirksam bekannt zu machen, zog die Bahn es intern in den Verhandlungen zurück. Details blieben vertraulich. Bis vor Kurzem war das undenkbar. Das passt zum Satz, den Martin Seiler bei Reiß’ Amtsantritt 2024 sagte: Er reiche der GDL die Hand, „es gemeinsam besser zu machen, denn das sind wir den Bahnkunden schuldig“. Er forderte mehr Sozial- statt „Konfliktpartnerschaft“. Es sollte früher gelingen, „von der Maximalposition runterzugehen und zu Kompromissen zu kommen“.

Viele Gemeinsamkeiten mit Vorgänger Weselsky

Es war gar nicht so selbstverständlich, dass Reiß die moderatere Linie wählen würde. Schließlich hat er die Tarifverhandlungen jahrelang zusammen mit Claus Weselsky geführt und mitgetragen. Auch jetzt nach seinem Abschied tauschen sich beide regelmäßig aus, wie Reiß bestätigt. Selbst biographisch gibt es Parallelen. Beide stammen aus Sachsen, Reiß aus einem Dorf in der Nähe der Elbstadt Torgau. Beide sind bei der Deutschen Reichsbahn groß geworden, beide bauten 1990 nach der Wende die GDL im Osten auf, weil sie als kritische Wesen galten. Beide erlebten, dass die ostdeutschen Lokführer nicht verbeamtet wurden – im Gegensatz zu ihren Kollegen aus dem Westen. Es dürfte ein Grund sein, warum die GDLer aus dem Osten besonders kampfwillig sind.

Auch charakterlich sind sich Reiß und sein Vorgänger näher, als es auf den ersten Blick erscheint. „So unterschiedlich sind wir gar nicht. Ich habe auch schon immer schnell und laut den Mund aufgemacht, wenn mir etwas gestunken hat. Schon in meinem Schulzeugnis wurde mein Verhalten negativ bewertet“, gesteht er. In seiner Lokführer-Lehre 1984 schwänzte er mit einem Freund die letzte Ausbildungswoche, die wie in der DDR üblich für Wehrerziehung vorgesehen war. Die Strafe: Er musste als Heizer auf den damals noch üblichen Dampflokomotiven arbeiten und dabei die Kohle in den Kessel der Lok schaufeln. „Im Nachhinein war das gar nicht so schlecht. Ich konnte den Lokführer mit all meinen Fragen löchern und verdiente über einen Kohlepfennig sogar mehr als er.“

Reiß wollte gar nicht Lokführer werden

Lokführer war eigentlich gar nicht sein Traumberuf. In seiner Familie hatte niemand einen Bahnbezug, der Vater war Maurer, die Mutter arbeitete am Fließband im Steingutwerk. Reiß wollte eigentlich Zimmermann werden. „Ich wollte etwas erschaffen, mein Werk in den Händen halten.“ Doch der Beruf war beliebt und die Zahl der Lehrstellen klein. Für ihn war nichts frei. Die Berufsberatung schlug ihm Autoschlosser vor, doch alle Bewerbungen scheiterten. „Die ausschließlich älteren Automeister haben mein Zeugnis gesehen und meine Verhaltensnote und dann abgewunken.“ So wurde er vor die Wahl gestellt: Lokschlosser oder Lokführer. Er wählte die Lokführer-Lehre, weil die besser bezahlt war. Glücklich war er anfangs nicht. „Mich nervte der Schichtbetrieb, ich wollte doch abends lieber mit meinen Freunden weggehen. Doch ich habe den Beruf rasch schätzen gelernt. Ich liebte die Verantwortung für den Zug, die Abwechslung zwischen Güter- und Personenzug, die Romantik eines Sonnenaufgangs im Führerstand“, erinnert er sich. „Das fehlt mir heute.“

Bis 1996 fuhr er noch, dann wurde ihm die Lizenz wegen fehlender Pflichtfahrzeiten entzogen – während eines Streiks. „Ein bisschen Strafmaßnahme war das wohl auch.“ Aber viel Fahren war da auch schon gar nicht mehr möglich. Immer stärker rutschte er in die Arbeit als Arbeitnehmervertreter hinein, in der Gewerkschaft, aber auch als Personalrat. Und alles anfangs eher ungewollt als aus voller Leidenschaft. Denn ein Büromensch ist Reiß eigentlich nicht.

Doch wie mit dem Beruf des Lokführers hat er sich auch mit der Aufgabe als Gewerkschaftsfunktionär nach Zögern zum Start angefreundet. An der Seite von Claus Weselsky stieg er rasch zur Nummer zwei in der GDL auf, einer der ältesten Gewerkschaften Deutschlands mit mehr als 150 Jahren Geschichte. Jetzt, als ihr Bundesvorsitzender, führt er erstmals Tarifgespräche mit der Deutschen Bahn und parallel mit rund 60 ihrer Wettbewerber auf der Schiene. Er vertritt dabei nicht nur Lokführer, sondern zum Beispiel auch die Fahrdienstleister in den Stellwerken und die Zugbegleiter.

Anspruchsvolle Gewerkschaftsmitglieder

Es ist seine Bewährungsprobe. Die Mitglieder sind anspruchsvoll und an gute Abschlüsse gewöhnt. Die ausgehandelten Tarife haben sich in den vergangenen zehn Jahren nominell fast verdoppelt, 2024 gelang der Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Reiß muss daran anknüpfen. Er muss beweisen, dass die etwas moderatere Gangart in den Verhandlungen auch erfolgreich sein kann. Im Mai sind Betriebsratswahlen bei der Deutschen Bahn, und da tritt die GDL gegen die Konkurrenzgewerkschaft EVG an, die den viel größeren Teil der Belegschaft vertritt. Ziel der GDL ist, dass sie mehr Betriebsräte als bisher stellt, und dabei kann ein attraktiver Tarifabschluss helfen. Er könnte auch die Zahl der Mitglieder steigern. Beides hilft bei der Einschätzung, welche der beiden Gewerkschaften für welche Bahnbereiche die Tarifverhandlungen führen darf. Nach dem Gesetz ist das die Gewerkschaft, die im jeweiligen Bereich mehr Mitglieder hat. Über die Zählweise gibt es regelmäßig Streit. Die GDL unterstellt der Bahn-Führung, dass sie zugunsten der EVG rechnet, weil sie sie für kooperativer als die GDL hält. Ein neutraleres Zählverfahren mithilfe eines Notars ist ein Vorschlag in den aktuellen Tarifverhandlungen.

Die Konkurrenz zwischen den beiden Gewerkschaften wird mit harten Bandagen geführt, es geht ein Riss durch die Belegschaft. Da werden auch schon mal Mitglieder der einen Gewerkschaft aus den Aufenthaltsräumen geworfen, wenn die der anderen gerade in der Überzahl sind. Hier muss Mario Reiß moderieren. Der Wechsel an der Spitze eröffnet die Chance dazu. Sein Konkurrent bei der EVG, der Vorsitzende Martin Burkert, ist offen dafür: „Wir haben vereinbart, dass wir auf unsere Mitglieder so einwirken, dass die Konkurrenz nicht handgreiflich ausgetragen wird, wie es schon geschehen ist. Wir müssen Ruhe in den Betrieb bekommen.“

EVG-Chef lobt

Mit Reiß scheint die Chemie besser zu passen als mit Weselsky. Die beiden kennen sich über die gemeinsame Arbeit im Aufsichtsrat im Bahn-Konzern und bei der Frachtsparte DB Cargo. „Wir sind zwar Konkurrenten, aber ich nehme Mario Reiß als sachlich und besonnen wahr. Er verzichtet auf Polemik. Ich komme mit seiner Art besser klar als mit der seines Vorgängers. Ich bin per Du mit ihm, mit Claus Weselsky bin ich über ein Sie nicht hinausgekommen.“ Beim Sicherheitsgipfel, der kürzlich die Folgen der tödlichen Attacke auf einen Zugbegleiter debattierte, vertraten sie ähnliche Positionen. Eine Annäherung in Tariffragen scheint aber auch unter Reiß nicht denkbar, die Abneigung der beiden Gewerkschaften untereinander bleibt.

Reiß will nicht nur in den Verhandlungen mit der Bahn anders auftreten, er will auch die Gewerkschaft anders aufstellen. Sie soll mehr als Team wirken und nicht nur durch ihren Vorsitzenden sichtbar sein. Und sie soll sich mehr in die politische Debatte um die Bahn einmischen. Reiß ist der Meinung, dass die Politik nicht nur durch die Lobbyarbeit der Bahn-Führung beeinflusst werden sollte.

Privat ist er gerne im Auto unterwegs

Aber seine Liebe zur Bahn ist nicht unbegrenzt. Er nimmt auch gerne den eigenen Wagen, zum Beispiel nach dem Wochenende auf dem Weg von seinem Haus bei Torgau, wo er mit seiner Frau lebt, in die Dienstwohnung im Süden Berlins. „Ich fahre privat oft lieber Auto, dann habe ich die Freiheit, über meinen Weg zu entscheiden. Beruflich – und besonders bei der Reise zwischen Großstädten – ist der Zug schon besser, weil man die Zeit zum Arbeiten nutzen kann.“ 40.000 Autokilometern im Jahr stehen mehr als 100.000 im Zug gegenüber, schätzt er. Die erwachsene Tochter hat er nicht von der Bahn überzeugen können. „Ich habe ihr ein Praktikum bei DB Cargo vermittelt. Davon kam sie ziemlich frustriert zurück, sie fühlte sich ausgequetscht.“

Auch den Traum, Zimmermann zu werden, hat Reiß nie ganz aufgegeben. Am Wochenende baut er viel mit Freunden, egal ob ein Carport fertig werden muss oder das Dach erneuert wird. Auch sein Haus hat er viel in Eigenregie gebaut, schon mit 26 Jahren war er damit fertig. Und wenn das mit dem Gewerkschaftsjob irgendwann mal vorbei sein sollte, dann ist klar, wie es weitergeht: „Mein Traum wäre, mich mit einem Freund als Zimmerer selbständig zu machen. Er hat den Meisterbrief, das würde passen.“

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