„Mir ist zu Mute, als wenn man mit etwas Scharfem immerfort über mein Herz streichen würde.“ Diejenige, die solche verzweifelten Worte in einem Brief an ihren Geliebten richtet, ist Anna Seghers. Zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 1924, ist sie allerdings noch unter dem Namen Netty Reiling bekannt. Oder eben nicht bekannt, denn die Jahrhundert-Schriftstellerin, die mit ihrem Buch Das siebte Kreuz über Nacht zum Weltstar wird, ist sie noch nicht.
Vorerst adressiert sie, die Studentin, ihren zukünftigen Ehemann László „Rodi“ Radványi. Erschienen sind die Briefe der großen Autorin, deren Geburtstag sich in diesem Jahr, am 19. November, zum 125. Mal jährt, bei Aufbau unter dem Titel Ich will Wirklichkeit. Jean Radvanyi, der Enkel des Paares, und Christiane Zehl Romero treten als Herausgeber auf. Dass es diese Briefe noch immer gibt, dass sie die Flucht vor der Shoah und das mexikanische Exil der Autorin überstanden, das ist für sich genommen eine Sensation.
Wortreiche Liebesbekundungen
Jean Radvanyi entdeckte sie im Hause seines Vaters als Teil eines Konvoluts von Dokumenten. Der Liebesbrief, er ist doch ein heikles Genre. Eine solche Lektüre versetzt die Leserin in die Position der Spannerin. Mehr noch hier, wo sich mit den wortreichen Liebesbekundungen ein dichtes Psychogramm der Autorin herstellt: Eine Frau, die trotz oder gerade wegen ihrer ungeheuren Begabungen unsicher, suchend, zweifelnd und nicht selten verzweifelt anmutet.
In Seghers Briefen wird der Geliebte zu einem „Rodlizipf“, sie adressiert ihn als Vater, Bruder, als einzigen Freund und Kind. „Mein teures Kind, mein einziges Brüderchen, ich kann unser Wiedersehn so schwer abwarten. Nichtwahr, jetzt kann es doch nicht mehr verhindert werden? Ich bin tief in Dir / Dein Kind.“
All das Durchdeklinieren der Rollen, die Verwandlungen, die Rodi durchmacht: Sie verweisen auf eine besondere Form der Verwandtschaft. Es wäre ein Fehler, die Anrufung Rodis als „Vater“ als eine Geste der Unterwürfigkeit zu deuten. Im Grunde verleibt sich Seghers den Geliebten ganz und gar ein. Diese verbale Umarmung des Geliebten grenzt an ein Würgen.
Anna Seghers war ein Mädchen aus gutem Hause
Gut möglich, dass Rodi in der Rolle des Total-Angerufen genüsslich aufging. Schmeichelhaft ist solch eine Umarmung ja durchaus. Obendrein ist er abgesichert durch die Distanz, etwa wenn Seghers in ihren frühen Briefen aus der Studienstadt Köln schreibt und eine Aufenthaltsgenehmigung für Rodi, der in Wien lebt, erwirken will.
Es ist beinahe tröstlich (oder traurig?), dass einige Probleme der Großstadt sich über die Dauer von hundert Jahren nie zu verändern scheinen: „Du weißt selbst, lieber Bruder, wie schwer Wohnungssuche in großen Städten ist.“ Der Geliebte wird für 300 Mark im Monat in einem frisch renovierten Zimmer einquartiert. Die Briefe setzen am Übergang zu Seghers Studienzeit im Jahr 1921 ein und damit mit dem eigentlichen Beginn des Erwachsenenlebens.
Sie zeichnen das Bild einer Tochter aus gutem, aus bestem Hause. Insgesamt verhandeln diese frühen Liebesbriefe die Zukunft des Paares. Wann wird man heiraten können? Wo kann Rodi eine Anstellung finden? Seghers bläut Rodi ein, was er ihrem Vater gegenüber zu tun und zu lassen habe, damit dieser endlich den potenziellen Schwiegersohn akzeptiere.
Bereits als junge Frau beginnt Seghers, die materielle Versorgung, das offenkundige materielle Surplus der Familie, zu hinterfragen. Der Vater stattet die Tochter zum Studienbeginn mit 21.000 Mark aus; sie empört sich beinahe trotzig. Ihre spätere Zuwendung zum Sozialismus stellt so auch einen Bruch mit der Herkunftsklasse dar. Andeutungsweise erklärt Seghers in den Briefen, dass sie die sozialistischen und kommunistischen Ideen mit den Eltern diskutiere.
Die Atemlosigkeit der Briefe
Sie stößt auf Ablehnung, nicht nur wegen ihrer politischen Ideale: „Ich ergreife oder vielmehr ich lebe alles mit solcher Heftigkeit, daß es mich selbst schmerzt u ich die andren damit erschrecke. Indem ich von mir zeige, indem ich mich lebe, (vielleicht tue ich es im Einzelnen zuweilen durch Irrtum unrichtig) beunruhige ich die Menschen, unter denen ich leben muß.“
Stilistisch bemerkenswert ist die Atemlosigkeit, mit der die Gedanken und Gefühle dem Geliebten übermittelt werden. Immer wieder ist da das „U“, das abgekürzte „Und“, das die rasenden Gedanken in taumelnde Parataxen verwandelt. Ein wenig so, wie ein Kind, das dem Vater am Ende eines langen Tages eine ganze Überfülle der Gedanken mitteilen will und dabei atemlos erzählt.
Die Atemlosigkeit der Briefe steht im eigentümlichen Kontrast zur fein gearbeiteten Prosa Seghers’. Nun handelt es sich beim Brief um ein Egodokument, das Ich tritt in völlig anderer Form auf als die Autorin, die ihre Gedanken in eine Erzählstimme und ihre Charaktere verwandelt. Trotzdem verblüfft der Umschwung im Duktus.
Feine Beobachtungsgabe der Autorin
Was nur ein weiterer Beweis sein mag für die Stärke des Affekts, in dem die Briefe verfasst wurden. Einmal bemerkt sie in einer Reihe von Ellipsen: „– Meine Arbeit – ein Gefühl weiter Entfernung vom Ziel, – ob ich nicht ganz anders schreiben müßte – irgendwie spartanischer, daß das Ethische im Künstlerischen nicht gerade meine starke Seite ist –.“ Ausgerechnet der letzte Satzteil lässt den Leser mit heutigem Wissen auflachen. Seghers, die wie kaum eine Autorin des 20. Jahrhunderts das Ethische im Poetischen stark gemacht hat, ausgerechnet diese Autorin vermutet hier ihre Schwäche?
Kaum erahnen lassen die Briefe die feine Beobachtungsgabe der Autorin, ihren Blick für Klassenkonflikte und habituelle Differenzen. Sie geht noch ganz in ihrer bürgerlichen Welt auf. Gut möglich, dass die Wirtschaftskrise und der Aufstieg des Nationalsozialismus Seghers Wendung von der eigenen Gefühlswelt zur Außenwelt bewirkten. Die Briefe markieren den Beginn eines Reifeprozesses, der aus einer jungen Frau eine der wichtigsten Stimmen der engagierten Literatur des 20. Jahrhunderts werden ließ.
Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925, Anna Seghers, Jean Radvanyi, Christiane Zehl Romero (Hrsg.), Aufbau 2025, 405 S., 28 €