Literaturfestival „Kindly Invited“: Ohne Insta-Reichweite kein Verlag?

Auch wenn die Anfangsbuchstaben des Titels anderes befürchten ließen, hatte das Kölner Literaturfestival „Kindly in­vited“ zum Glück (fast) nichts mit KI zu tun. Das fünftägige Mammutprogramm, ausgerichtet vom Literaturhaus Köln mit der Kunststiftung NRW und kuratiert von Svenja Reiner, drehte sich vielmehr darum, wie man Menschen dazu einladen kann, sich für Literatur zu begeistern.

Die Möglichkeiten dazu sind hierzulande au­ßergewöhnlich – wem das nicht klar ist, der hat wohl noch nie mit Leuten anderer Herkunft gesprochen, die ungläubig staunen: zweihundert Leute bei einer Lesung? Fünfhundert? Zweitausend? Wo gibt es denn so was? Deutschland, Österreich und die Schweiz seien sogar „Weltmarktführer“ in Sachen Literaturver­anstaltungen, sagte auf einem Podium Hauke Hückstädt, der das Literaturhaus Frankfurt leitet und derzeit Vorsitzender des Netzwerks der Literaturhäuser ist.

Jederzeit rein- oder rausgehen

Dass Literaturveranstaltungen inzwischen weit mehr sind als bloße Lesungen, gehört mit zum Markenzeichen und ist gerade in Köln durch die demnächst wieder beginnende lit.Cologne bekannt; aber inwiefern die Formen noch zu erweitern und zu verbessern seien, das eben war Thema bei „Kindly Invited“. Sein Programm hatte eine Jury aus Bewerbungen ausgewählt, und darunter waren Diskussions-Panels über digitale Literatur und Barrierefreiheit, Arbeitsgruppen, Performances mit und ohne Musik, Live-Podcasts und Audio-Spaziergänge oder gar „Theorie dem Dancefloor“. Dass hier Konzepte sowohl abstrakt diskutiert als auch praktisch ausprobiert wurden, war interessant: etwa jenes des Veranstaltungsmodus „relaxed: Ihr könnt euch bewegen und jederzeit rein- oder rausgehen“.

„Betriebsversammlung“ in Köln: Ninia LaGrande, Rebekka Endler, Elina Penner und Svenja Gräfen diskutieren über Freiheiten und Zwänge der Selbstvermarktung im Literaturbetrieb.Heiwa Wong

Er offenbarte Vor- und Nachteile. Es kann ja entspannend sein, etwa bei einer Podiumsdiskussion etwas später dazuzustoßen oder früher zu gehen. An­dererseits birgt das die Gefahr, dass das Publikum auch „mit den Füßen abstimmt“ und reihenweise den Saal verlässt, wenn es mal auf der Bühne nicht so interessant ist. Die Möglichkeit des Späterkommens oder Saalverlassens zu gewährleisten, ohne dass sie andere stört, ist zudem je nach räumlichen Gegebenheiten eine große He­rausforderung.

Die Grenzen der Mischkalkulation

Ein anderer Schwerpunkt galt am Samstag im Kölner Comedia Theater dem Verhältnis von ambitioniertem Literaturprogramm zur Marktgängigkeit. „Übernimmt der Markt?“ lautete die zugespitzte Frage eines Podiums, auf dem auch der unabhängige Verleger Sebastian Guggolz sprach, der seit 2025 zudem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist und somit zwischen Indie-Geist und Mainstream-Zwängen ständig abzuwägen hat. Das Zauberwort heißt hier weiterhin: Mischkalkulation. Die sei, so Guggolz, bei Konzernverlagen das Erfolgskonzept, spätestens seit dort Unternehmensberater An­fang des neuen Jahrtausends die Macht übernommen hätten. Aber sie habe eben auch Grenzen.

„Diese Woche seid ihr das Publikum und wir die Autoren, nächste Woche tauschen wir wieder“: Monika Rinck bei der Eröffnung des Kölner Literaturfestivals „Kindly Invited“.Heiwa Wong

Manchen Kulturpolitikern, so Guggolz, müsse man erklären, „dass nicht jeder kleine unabhängige Verlag einfach auch ‚New Adult‘-Literatur machen kann“. Und er wurde noch deutlicher: Dem Kulturstaatsminister seien derzeit rote Teppiche offenbar wichtiger als Vielfalt. Diese auf Literaturbühnen zu bewahren, sehe er als seine Mission, sagte Hauke Hückstädt – aber nicht nur schrumpfende Budgets, sondern auch erfolgreiche Autoren machten das manchmal schwer, wenn sie größere Veranstaltungsorte den Literaturhäusern vorzögen, wo sie zudem viel höhere Ticketpreise aufrufen könnten.

Ein weiteres Panel über die Macht des Marktes ließ ob des Titels „Das Ende des Elfenbeinturms?“ zunächst Elitenschelte erwarten, die bei Literaturveranstaltern zur Folklore gehört. Es ging aber vielmehr darum, dass Literatur heute kaum noch zurückgezogen entstehen kann, weil ihre Verfasser ins Rampenlicht gerückt werden. Bei der Frage, ob Verlage jemandes Buch publizieren, geht es längst oft darum, ob die Person Reichweite in den sozialen Medien hat. Wer sie hat, bekomme sogar Angebote, doch mal ein Buch zu veröffentlichen, verbunden mit dem Hinweis „Du musst es ja nicht selbst schreiben“, so die Autorin und Moderatorin Ninia Lagrande in einer Anekdote.

Auch die beiden Autorinnen Rebekka Endler und Elina Penner gaben sich bei der Diskussion, gemessen daran, wie wichtig die mediale Selbst­vermarktung für ihre bisherigen Karrieren offenbar war, erstaunlich kritisch gegenüber Social Media, haderten mit gewissen Zwängen, dort präsent zu sein, und äußerten sogar den Wunsch, aus medialen Räumen, in denen man das Gefühl habe, „dass alle schreien“, relaxed mal rauszugehen. War das etwa der Anbruch der Insta-Dämmerung? Dann wäre das eine bemerkenswerte Entwicklung.

Source: faz.net