Die Jury-Auswahl zum Preis der Leipziger Buchmesse zeigt, weshalb Bücher mehr denn je gebraucht werden
Grafik: der Freitag
Als die deutsch-ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja in ihrer Jugend während eines Krankenhausaufenthaltes in Wilhelm Hauffs Geschichte von dem Gespensterschiff eintauchte, traf es sie wie der Blitz. Der darin verhandelte Tod war für sie spürbarer und erschütternder als das Verscheiden ihrer eigenen Großmutter Jahre zuvor. Mehr noch: „Vielleicht habe ich durch das Lesen auch verstanden, dass ich selbst in Gefahr war.“ Der Text, abgedruckt in dem vor einigen Jahren bei Suhrkamp erschienenen und noch immer zeitlos gültigen Band Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, mag sehr persönlich geschrieben sein, zeigt aber zugleich die universelle Bedeutung des Lesens auf. Vielerorts hört man derzeit wieder die Sorge, das Interesse an Büchern könne abnehmen, ginge gar verloren in der Generation der unter 18-Jährigen. Zwar stimmt der Vorwurf so pauschal nicht, da die Heranwachsenden überdurchschnittlich Mangas und Comics nutzen. Allerdings haben es viele Kleinverlage heute immer schwerer, auf dem Markt zu bestehen. Zudem gerät schon manch großer Verlag aufgrund sinkender Absatzzahlen ins Straucheln.
Zum Lesen neu und anders begeistern könnte die Auswahl der diesjährigen Shortlist, die einen aufklärerischen Effekt haben könnte, nämlich dass wir uns unserer Menschlichkeit vergewissern. So erzählt zum Beispiel Cemile Sahins Roman Kommando Ajax von einprägsamen Fluchterfahrungen, derweil geht Kristine Bilkau in Halbinsel den verheerenden Wirkungen von Kapitalismus und Fortschrittsstreben, das Depressionen und Unmut hervorruft, auf den Grund. Es sind Texte, die uns sensibilisieren für das Leid unseres Gegenübers. Schon bei Petrowskaja macht sich dieser Grundgedanke bemerkbar. Liest man ihre Erinnerungsgeschichte genau, so verbirgt sich hinter dem Bewusstwerden der eigenen und fremden Sterblichkeit letztlich die Vergewisserung von Empathie. Sich selbst im anderen zu begreifen, darum scheint es ihr wie auch den Nominierten für den Preis der Leipziger Messe zu gehen. Lesen versteht sich dabei als dringlicher Raum der Begegnung, des Zuhörens, des Erfahrens, mithin auch der Zurücknahme unserer übersteigerten Egos.
Und auf einmal fühlt man sich frei, versinkt in Geschichten, die uns wie in Wolf Haas’ Wackelkontakt, einem Illusionsspiel auf mehreren Ebenen, allen Lärm und alle Konventionen vergessen lassen. Die Welt mag in Zwängen verhaftet sein, die Literatur jedenfalls nicht. Sie stellt damit den Gegenort zu einer vermeintlich alternativlosen Gegenwart dar. Ihre utopische Kraft entfaltet sie im Offenen, das gleichsam der Philosoph des Möglichkeitsdenkens schlechthin, Ernst Bloch, als Ideal beschworen hat. Kein anderer auf der Nominiertenliste nutzt dieses Potenzial ausgiebiger als Christian Kracht mit Air, worin es einen Designer nicht nur auf eine Reise in ein fremdes Land, sondern auch ins Innere verschlägt – in Zeiten von wiedererstarkenden Diktaturen kann diese emanzipative Leistung belletristischer Zeugnisse gar nicht als wichtig genug eingestuft werden! Darin vornehmlich einen Fluchtreflex zu sehen, griffe zu kurz. Die Lektüre fiktionaler Texte setzt voraus, dass man als Leser:in aktiv teilnimmt, sich in den Gedanken ausmalt, was Buchstaben nur vage umschreiben. Auf eine berührende Weise verdeutlicht diese Herausforderung eine fragmentarische Miniatur der verstorbenen Friederike Mayröcker (auch abgedruckt in dem erwähnten Suhrkamp-Band). „Ein Buch“, so heißt es dort, „ist eine blaue Nelke ich kann die Farbe der Nelke lesen, du hast mir eine verwelkte Nelke in eines der Bücher gelegt die ich geschrieben habe: obwohl verwelkt duftete sie noch ein wenig, man betört uns und man verführt uns, wenn wir lesen, wenn ein verblasstes Wort in einem Buch“. Der Satzabbruch scheint stimmig. Denn es gilt, den Faden selbst fortzuspinnen. Aus einer Spur, wie dem nachlassenden Geruch einer Nelke, muss man sich eigenständig die volle olfaktorische Wirkung vorstellen.
Ähnlich verhält es sich bei historisch gelagerter Prosa. Die Zeitzeugen des Holocaust sterben aus und uns bleiben nur noch Erzählfetzen. Wenn etwa Esther Dischereit in ihrem nominierten Werk die Shoa in Splittern und Bruchstücken darbietet, so will sie ihr Publikum genau zur notwendigen Text- und damit Imaginationsarbeit anhalten. Lesen ist Einladung und Zwang zur Erinnerung gleichermaßen, zielt auf Aufklärung und uneingeschränktes Mitfühlen. Die Auswahl der diesjährigen Jury liefert dazu eindrucksvoll den Beweis.