Literarische Gegenwart: Eine Tüte Glück zum Buch

Als der Briefträger letzten Freitag die nicht in den Briefkasten passenden Sendungen im Laden abgibt, fällt Susann Thiel der DIN-A4-Umschlag mit der Aufschrift „Bundeskanzleramt“ sofort auf. 2020 wurde ihr Kinderbuchladen Serifee zum ersten Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet; coronabedingt gratulierte Monika Grütters per Post. 2023 hatte dann Claudia Roth nach Stuttgart, ins Neue Schloss, geladen. „Die Reise war zeitlich nicht drin.“

Nun also: „Beste Buchhandlung“, zusammen mit Aegis in Ulm und Prinz Eisenherz in Berlin. Das Anschreiben nüchtern, die Preissumme, 25.000 Euro, steht auf der Urkunde. „Die möchte man sich eher nicht in den Laden hängen“, sagt Thiel, „wenn Stammkunden in Zeiten explodierender Kosten mit nur einem Buch statt zweien oder dreien zur Kasse kommen.“ Einen der beiliegenden Aufkleber hat sie neben die Tür gepappt. „Beste Buchhandlung, das ist schon ein Label, das man mit Stolz tragen kann.“

Eigentlich wollte sie Goldschmiedin werden

Eigentlich. „Für mich als Leipziger Buchhändlerin ist die Messe so arbeitsintensiv, dass ich bis jetzt kaum Zeit gefunden habe, mit Wolfram Weimer zu hadern.“ Blumen wären gut gewesen. Das Gefühl, sichtbar zu sein und wertgeschätzt. Zu der vor einer Woche lieblos zwischen Leipziger Buchpreis und Hallenschluss gequetschten, schließlich vom BKM abgesagten Verleihungsprozedur wäre Susann Thiel gekommen. Stattdessen steht sie sich zehn Stunden im Leipziger Haus Auensee die Beine in den Bauch: Ihre Buchhandlung betreut den Büchertisch für zwei ausverkaufte Marc-Uwe-Kling-Lesungen. Zwei Mal „Känguru-Rebellion“, zwei Mal spricht der Autor vor 1500 Leuten. Die Blumen gibt es dann von ihrem Mann. Und von einem Verlagsvertreter.

Als Buchhändlerin ist Susann Thiel, die vierzehn wurde, als die Mauer fiel, und nach dem Abitur erst einmal Goldschmiedin lernte, Seiteneinsteigerin. Als die zweifache Mutter in den Nullerjahren arbeitslos wird, ebnet ihr eine „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ in einem Verein den Weg in die Welt der Bücher. Im Herbst 2009 eröffnet sie im Kulturzentrum Feinkost auf einem ehemaligen Fabrikgelände in der Leipziger Südvorstadt ihren eigenen Kinderbuchladen: Serifee. Den Namen hat sie sich von einem Typographie-Buch ausgeborgt: „Die kleine Serifee“ von René Siegfried, erschienen im Verlag Hermann Schmidt Mainz. Die Serifen, die Füßchen an den Antiquaschriften, zaubern den Erwachsenen ein Lächeln ins Gesicht, und die Fee funktioniert für die Kinder.

Ein Stapel Bilderbuchschätze

Bis sich der Laden trägt, dauert es: „Ich habe sieben Jahre an einer sehr schwach ansteigenden Erfolgskurve gearbeitet.“ Irgendwann können Rechnungen beglichen werden, wenn sie fällig sind, müssen Verlage nicht mehr um Zahlungsaufschub gebeten werden. Was für ein Luxus!

Man betritt den Laden über den Hof der Feinkost, da er keine straßenseitigen Schaufenster hat, muss man ihn finden. Der raumlange Tisch in der Mitte, auf dem sich jetzt Bilderbuchschätze stapeln, verwandelt sich bei Veranstaltungen in sechs mobile Sitzbänke. Die Buchhandlungshündin Nani liegt die meiste Zeit des Tages brav in ihrer Höhle unter der Treppe.

Muss ein Saug-und-WischRoboter her?

In ihrem Businessplan hatte Susann Thiel den Laden als einen „Ort der Begegnung“ beschrieben – und genau das ist er geworden: „Ich möchte, dass die Menschen möglichst fröhlich hier rausgehen. Ganz oft sind sie selig und dankbar für das gute Gespräch, für die gute Beratung, für den schönen Ort, die schönen Bücher. Whatever! Und dann gibt es bei mir eben immer eine Tüte Glück dazu. Im Zweifel auch einfach nur die Tüte Glück ohne Buch.“ Betriebsberater würden da wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber: Thiel ist auch gut dafür, jemandem das gerade gefundene Buch wieder auszureden.

Vom Preisgeld werden wohl neue Rollen für die mobilen Mitteltische angeschafft, vielleicht ein Saug-und-WischRoboter? Für die beiden Mitarbeiterinnen – eine Praktikantin, die gekommen ist, um zu bleiben, und eine langjährige Stammkundin, die nun einen Mini-Job hat – wird es, logisch, eine Prämie geben.

Wenn Susann Thiel ihre „Komme gleich wieder“-Schilder mit „Serifee“ und einem Smiley unterzeichnet, geht das komplett in Ordnung: Ohne die Buchhandlung Serifee wäre Leipzig ein anderer Ort. Vielleicht ist es das, was Wolfram Weimer meint, wenn er auf seiner Preis-Website schreibt: „Gerade in diesen Zeiten sind Bücher und Literatur für eine lebendige, demokratische und freie Gesellschaft unverzichtbarer denn je.“

Source: faz.net