Literarisch kinderlos: Geschlechterpolitik in dieser Weltliteratur

In einer Welt des Überflusses ist eine Sache mittlerweile Mangelware: Kinder. Kein Wunder also, dass die grenzüberschreitenden beziehungsweise an Grenzen nicht glaubenden Silicon-Valley-Unternehmer einen regelrechten Nachwuchs-Fetisch prägen. Der Tesla-Chef Elon Musk ist nicht nur selbst vierzehnfacher Vater, auf seiner politischen Agenda rangiert Kinderlosigkeit neben Migration als größte Gefahr für die westliche Zivilisation: Noch bevor eine Rakete von ihm den Mars erreiche, drohe der Westen wortwörtlich auszusterben. Und Schuld daran, so heißt es heute von rechtspopulistischer Seite öfter, seien emanzipierte Frauen, die lieber ihre Freiheit auskosteten, als Kinder auf die Welt zu bringen. Für den „Untergang des Abendlandes“ stehen exemplarisch die von JD Vance beschworenen kinderlosen „cat ladies“.

Dass die um sich greifende Kinderlosigkeit westlicher Gesellschaften weniger ein Produkt ausufernder weiblicher Emanzipation als Folge eines modernistischen Gesellschaftsbildes ist, legt indes ein Blick auf die Literaturgeschichte der letzten zweihundert Jahre nahe. Mit Kinderlosigkeit als gesellschaftlichem Ideal hatten paradoxerweise nicht zuerst junge Frauen kokettiert, die in der Abwägung des Für-und-Wider einer Schwangerschaft zu deren Ablehnung gekommen wären, sondern Vertreter jener männlichen Geisteselite der Weltliteratur, die in ihrem bildungsromantypischen Entfaltungsdrang und der daraus resultierenden Abneigung gegenüber postnataler Bindung inhaltlich auf Kinder gern verzichten konnten. Kurzum: Kinderlosigkeit ist auf den zweiten Blick keine weibliche Verfallserscheinung, sondern Erfindung einer von Männern geschriebenen modernen Literatur.

Unfähige Geistesgrößen pflanzen sich nicht fort

Wer seinen bildungsbürgerlichen Kanon im Kopf hat, wird da schnell auf Beispiele stoßen. In dem mittlerweile mehr als hundert Jahre alten Roman „Der Zauberberg“ hatte Thomas Mann nicht nur ein Sanatorium der Kranken, Reichen und Schönen skizziert, sondern auch eines der Kinderlosen. Gut, die intellektuellen Zeitgenossen Settembrini und Naphta verkörpern wohl die zur Intimität unfähigen Geistesgrößen, mit denen Gesellschaften immer umgehen mussten. Aber was ist mit Clawdia Chauchat, der „entzückenden Frau“ mit „tatarischer Physiognomie“, oder mit dem majestätischen Peeperkorn? Egal ob am „guten“ oder „schlechten Russentisch“: Kinder existieren entweder nicht oder bleiben bewusst unerwähnt – ein Sanatorium funktioniert schließlich auch ohne sie.

Ist Kinderlosigkeit hier also nur Folge einer kinderlosen Umgebung? Ist es Ausdruck jener nachwuchsabstinenten Ruhe, die auch Manns Frau Katia, immerhin Mutter von sechs Kindern, während ihres Davoser Aufenthaltes genießen konnte? Nein, Zufall ist die umgreifende Kinderlosigkeit im „Zauberberg“ schon deswegen nicht, weil dessen Protagonist Hans Castorp den Normalzustand einer Figur der mannschen Bildungsromane verkörpert. Auch Felix Krull, der mit vierzig nur noch müde von seiner bewegten Vergangenheit berichten will, durfte schon wegen der ausbleibenden Fortsetzung des nach ihm benannten Romans keine Kinder bekommen. Und bei Adrian Leverkühn, dem feingeistigen Komponisten aus „Doktor Faustus“, konnte man wiederum fast dankbar sein, dass er wegen seiner metaphorischen Funktion – als Repräsentant des nationalsozialistischen Irrwegs – keine Kinder zeugte. Der verwitwete Gustav Aschenbach bestaunt in „Der Tod in Venedig“ zwar einen Knaben, hat aber selbst keine Nachkommen.

Hatten viele Kinder, bevorzugten aber meist kinderlose Protagonisten: Thomas Mann und Hermann Hesse

Wie gesagt: Thomas Mann selbst hatte sechs Kinder. Ein Widerspruch muss das nicht sein; auch Hermann Hesse war mehrfacher Vater, inszenierte im Roman „Der Steppenwolf“ aber sein Alter-Ego Harry Haller als ebenso gesellschafts- wie beziehungsunfähigen Außenseiter. Gleiches galt für den Landstreicher Knulp in der gleichnamigen Erzählung, und auch in „Narziß und Goldmund“ war zwischen freigeistiger Liebhaberei und stillem Klosterleben eines undenkbar: eigene Kinder. Diese neue deutsche Weltliteratur war aber nicht nur Taktgeber einer großstädtischen Lebensart, die in ihren Verirrungsabgründen und Entfaltungsmöglichkeiten Kinder aus dem Zeitgeist strich, sondern auch Abbild der sozialen Wirklichkeit: In der Weimarer Republik pendelte sich die Geburtenrate bei 2,4 Kinder pro Frau ein und hatte sich damit innerhalb von dreißig Jahren halbiert. Ein neuer Schub der Modernisierung war angebrochen. Seine Begleitlektüre war der Bildungsroman.

Männer beleuchten literarisch die weibliche Emanzipation

Weil Frauen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend gebraucht wurden und die Kindersterblichkeit dank der modernen Medizin sukzessive sank, war nun auch ein Leben abseits beständiger Schwangerschaften denkbar. In James Joyce „Ulysses“ wird dieser Epochenbruch in Form von Leopold Blooms ästhetisch verdichteter Chronik deutlich. Sein Sohn, elf Tage nach der Geburt gestorben, gehörte der alten Zeit an, seine Frau, in eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten verstrickt, repräsentiert gewissermaßen die neue, und Bloom versinkt irgendwo mittendrin. Nur für ihn als einen Juden in einem katholischen Viertel verbleibt das Leben des Menschen noch „garstig, brutal und kurz“ – für die selbstbewussten Massen und ihre künstlerische Avantgarde war das neue Freiheitsversprechen spürbar.

Dass der „rührend sentimentale Schleier“ des traditionellen Familienverhältnisses weggerissen wurde, hatte den Grundstein der weiblichen Emanzipation gelegt, wurde aber – paradoxerweise – primär von männlicher Seite literarisch beleuchtet. Das Draufgängertum, von früheren Konventionen und sexueller Zurückhaltung befreit, konnte man fortan bei Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ oder Hemingways „Die Sonne geht auch auf“ als Teil der Pariser Abenteuer der „verlorenen Generation“ bestaunen. Der Mythos der polyamourösen „Rive Gauche“-Intellektuellen begann auch mit amerikanischen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg.

Reich, aber unglücklich: Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) verkörpert das doppelte Gesicht der Moderne in Baz Luhrmanns „Der große Gatsby“ (2013).AP

Auf der jenseitigen Seite des Atlantiks leitete F. Scott Fitzgerald mit „Der große Gatsby“ aber die Demontage jener neuen Freiheitsverheißung ein. Dessen Titelheld ist ein mysteriöser Emporkömmling, der in seinem Herrenhaus wilde Partys feiert, aber die Moderne so vollständig verinnerlicht hat, dass er an ihrer Einsamkeit zerbrechen muss. Kinderlos bleibt Jay Gatsby am Ende nicht nur, weil die Chancen der sich industrialisierenden Gesellschaft keinen Raum für Kinder gelassen haben, sondern auch, weil im Rausch des Erfolgs die Intimität des Privatlebens verloren gegangen ist.

Kafka hielt Heirat für das Äußerste, was Menschen gelingen kann

Nicht nur die helle, auch die dunkle Seite der Moderne hat das Kinderkriegen an den narrativen Rand des Romans gerückt. Wenn Ulrich in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ ein Jahr „Urlaub von seinem Leben“ nehmen will, dann weil er sich seiner Rolle in der Gesellschaft nicht mehr sicher ist, weil ein Ziel seines Schaffens fehlt. Wenn alles möglich ist, muss nichts mehr passieren – für den großen Pessimisten Musil war Nietzsches Diktum „Gott ist tot“ auch gesellschaftliches Programm. Am Ende der allumfassenden Erzählungen und religiösen Verheißungen hat das Individuum plötzlich in erster Linie mit sich selbst zu kämpfen, wie dann Samuel Beckett in „Der Namenlose“ monologisch-meisterhaft demonstriert hat.

Wenn Kinder das eigene Leben nach dem Tod fortsetzen sollen, so die metaphysische Rationalisierung der Schwangerschaft, muss das eigene Leben erst lebhaft sein. In einem Brief an seinen Vater, hat der junge Franz Kafka gestanden, dass „Heiraten, eine Familie gründen, (. . .) in dieser unsicheren Welt das Äußerste“ sei, „das einem Menschen überhaupt gelingen“ könne. Doch nicht nur privat, auch in Kafkas Romanen blieb für Kinder am Ende kein Platz. Der Landvermesser K. in „Das Schloss“ oder Josef K. in „Der Process“ teilen nicht nur den gleichen Nachnamen, sondern auch das Schicksal in einem undurchschaubaren bürokratischen Gebilde, das willkürlich und undurchdringlich zugleich erscheint. Noch heute bleibt den großen Literaten Mitteleuropas auf den Spuren Kafkas – von Milan Kundera bis László Krasznahorkai – vor allem ein in sich gekehrter Kulturpessimismus, bei denen Kinder höchstens als entfernte Randnotiz auftreten.

Ein alleinstehender Bankangestellter: Kafkas Josef K. (Anthony Perkins) in Orson Welles‘ „Der Proceß“-Verfilmung von 1962.Allstar

Die umgreifende Kinderlosigkeit des frühen zwanzigsten Jahrhunderts war aber nicht nur dem Zeitgeist, sondern auch dem intellektuellen Einfluss der Schriftsteller geschuldet. Mann, Kafka oder Musil: Sie alle hatten in ihrer Jugend Maupassant, Flaubert oder Balzac gelesen. Das Frankreich von 1870, so eine Erklärung bis heute, hatte den deutsch-französischen Krieg auch wegen einer zu niedrigen Geburtenrate verloren. Französische Frauen bekamen damals im Schnitt 1,5 Kinder weniger als die deutschen, und auch Figuren in den Romanen der Pariser hommes de lettres konnten auf Nachwuchs gern verzichten. Von Julien Sorel in Stendhals „Rot und Schwarz“ bis Balzacs Lucien Chardon in „Verlorene Illusionen“ brachte der rasante gesellschaftliche Auf- und Abstieg Affären, feuilletonistische Schlachten und bittere Enttäuschungen mit sich, aber keine Kinder. Egal, ob im aristokratischen Fin de Siècle bei Proust oder im kleinstädtischen Rentnerdasein bei Flauberts „Bouvard und Pécuchet“: Im französischen Roman herrschte genügend Ablenkung, um auf Nachkommen verzichten zu können.

Familie als beständiger Verfall

Natürlich gibt es Gegenbeispiele von berühmte Romanen, deren Hauptfiguren Kinder bekommen. Doch während Ausnahmen gemeinhin die Regel bestätigen, sind diese hier schon für sich interessant. In Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ wird die Geliebte des Franz Biberkopf zwar schwanger, aber das Kind hat sie gewollt, nicht er – und verlieren wird sie es obendrein. In Flauberts „Madame Bovary“ kommt das Kind der Titelfigur zur Welt, doch Emma Bovary hasst es so sehr, dass man meinen könnte, ihr Untergang hätte mit der Geburt begonnen. Die Familie als beständiger Verfall, das ist auch das Motiv des größten aller Familienromane, Thomas Manns „Buddenbrooks“. Und bei Gabriel García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ setzt der Verfall zwar erst in der zweiten Hälfte ein, aber von Beginn an herrscht ein unüberblickbares Chaos, bei dem das Familienoberhaupt Ursula die einzige Konstante darstellt.

Für selbsterklärte Nachfolger von Dschingis Khan wie Elon Musk ist das Schicksal der Buendías – die García Márquez eine Zivilisation erschaffen lässt – vermutlich vorbildlich. Aber dieser südamerikanische Geschichtsroman ist ein Bruch mit jenem westlichen Ideal, das erst die Aufklärung und dann der moderne Roman hervorgebracht haben: der Freiheit des Individuums. Gerade im Erfolg des Bildungsromans spiegelte sich der finale Siegeszug des Subjekts, die Befreiung von Gott und Familie. Vom metaphysischen Ballast losgelöst, war man(n) plötzlich auf sich allein gestellt. Und gerade in den Städten multiplizierten sich Chancen und Gefahren. Diese von Thomas Mann beschworene „große Gereiztheit“ in Gestalt rauschhafter Nervosität machte den Einzelnen für vieles empfänglicher – aber nicht für Nachwuchs.

Kinderlosigkeit ist also eine jener Begleiterscheinungen der Moderne, von deren Früchten lange nur Männer kosten konnten. Von den Konventionen, die Jane Austen oder Emily Bronte noch literarisch würdigten, konnte sich die männliche Avantgarde der Urbanisierung schnell befreien. Dass ausgerechnet heute, nachdem die gleiche Wahlfreiheit nun auch jenem Geschlecht zugestanden ist, das die Kinder am Ende bekommen muss, manche Männer plötzlich Bedenken anmelden, ist bezeichnend. Kinderlosigkeit ist sicher auch Folge weiblicher Befreiung, aber damit in erster Linie Abbild des mittlerweile genderübergreifenden Emanzipationsprojekts der Moderne. Oder in den Worten eines weiteren Kinderlosen, Goethes Zauberlehrling: Es sind die Geister, die man rief. Von gesellschaftlicher Isolation über schillernde Ekstasen bis zu durchgetakteten Arbeitstagen: Wer Gründe für die Kinderlosigkeit sucht, wird in der Weltliteratur noch heute fündig.

Source: faz.net