Lieferengpässe für Medikamenten: Warum Hersteller abwandern

Stand: 15.03.2026 • 07:20 Uhr

Medikamentenengpässe gehören inzwischen zum Alltag in Apotheken und Kliniken. Die Lage könnte sich verschärfen, denn immer mehr Hersteller verlagern die Produktion aus Deutschland und der EU.

Von Jörn Kersten, SR

Monatelang haben in der Klinik im Kölner Stadtteil Holweide wichtige Antibiotika gefehlt. „Das ist eine fortlaufende Mangelverwaltung“, beschreibt Chefärztin Frauke Mattner die Situation. Ein wichtiges Präparat zur Wunddesinfektion sei erst seit Kurzem wieder verfügbar gewesen. Die Suche nach Alternativen sei eine ständige Belastung für Abläufe und Personal.

Verbesserung ist nicht in Sicht. Mehr als 550 Lieferengpässe listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Schlagzeilen macht das nur selten – zum Beispiel vor gut drei Jahren, als Fiebersaft für Kinder knapp wurde.

Erst eine Lockerung der sogenannten Rabattverträge, mit denen gesetzliche Krankenkassen günstige Preise mit Herstellern aushandeln, sorgte damals für Entspannung. Ein Beispiel ist der Fiebersaft Ibuflam, der im Prager Werk des Pharmaunternehmens Zentiva hergestellt wird.

Generika sichern die Versorgung

Das tschechische Unternehmen versorgt von Prag aus große Teile Europas mit Generika – also mit Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist. Diese Präparate sind zentral für die medizinische Versorgung. 2024 entfielen laut Branchenverband Pro Generika rund 80 Prozent der verordneten Tagestherapiedosen in Deutschland auf Generika.

Gleichzeitig verursachen sie nur etwa 6,9 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben. Mit einem Durchschnittspreis von rund sechs Cent pro Tagesdosis ist das Geschäft für Hersteller jedoch wenig profitabel.

Neue Regeln erhöhen den Kostendruck

Für Generika-Hersteller könnten die Produktionskosten in Europa künftig weiter steigen. Seit Januar 2025 gilt eine neue EU-Abwasserrichtlinie. Sie soll die Wasserqualität verbessern und sieht unter anderem eine zusätzliche Reinigungsstufe in Kläranlagen vor, die auch Arzneimittelrückstände aus dem Wasser filtert.

Nach dem Verursacherprinzip sollen Pharma- und Kosmetikunternehmen 80 Prozent der Kosten in Milliardenhöhe tragen. „Im Unterschied zu anderen Industrien dürfen wir Preissteigerungen nicht einfach an die Kunden weitergeben“, sagt Josip Meštrović, Deutschlandchef von Zentiva.

Für Medikamente, die in der EU produziert werden, stelle sich daher zunehmend die Frage, ob sich die Herstellung noch rechne. Für einzelne Präparate könnte die Produktion ins Ausland verlagert werden oder ganz vom Markt verschwinden.

Produktion wandert seit Jahren ab

Auch andere Hersteller verweisen auf steigende Kosten durch neue Vorgaben. So stellte der Generikahersteller Sandoz ein Asthmaspray ein, nachdem eine EU-Verordnung künftig umweltfreundlichere Treibgase vorschreibt.

„Aufgrund neuer regulatorischer Anforderungen wären erhebliche Investitionen notwendig gewesen, die unter den bestehenden Preisregulierungen wirtschaftlich nicht tragfähig gewesen wären“, schreibt Sandoz auf Anfrage von Plusminus.

Produktion wandert seit Jahren nach Asien

Für David Francas, Professor für Data and Supply Chain Analytics an der Hochschule Worms, ist die Entwicklung nicht neu. „Wir sehen seit zwei Jahrzehnten eine Verlagerung vor allem niedrig profitabler Produktion nach China und Indien.“ Das Ergebnis: Standortschließungen.

Insgesamt ist der Anteil der generischen Wirkstoff-Produktion in der EU laut einer Studie des Branchenverbands Pro Generika seit dem Jahr 2000 von 59 auf 33 Prozent geschrumpft. Vor kurzem kündigte der Generikahersteller Aristo an, seine Berliner Produktionsstätten zu schließen.

Der Anteil der generischen Wirkstoffproduktion in der EU ist laut Branchenangaben seit dem Jahr 2000 von 59 auf 33 Prozent gesunken. Zuletzt kündigte der Generikahersteller Aristo an, seine Berliner Produktionsstätten zu schließen.

Gesamtstrategie fehlt

Außerdem würden immer wieder Inhaber von Zulassungen entscheiden, den europäischen Markt nicht mehr zu beliefern. „Das ist etwas, das in einem gesunden Marktumfeld nicht passiert, ein großer Hersteller freiwillig das Feld räumt“, so Francas.

Für Fachleute zeigt sich hier ein grundlegender Zielkonflikt. Einerseits sollen Umweltstandards steigen und Gesundheitskosten niedrig bleiben. Andererseits möchte die Politik die Arzneimittelproduktion wieder stärker in Europa ansiedeln.

„Diese Zielkonflikte muss man über eine entsprechende Gesamtstrategie auflösen“, sagt Francas. Ohne solche politischen Entscheidungen könnte die Produktion wichtiger Medikamente weiter aus Europa abwandern, und Lieferengpässe könnten häufiger werden.

Source: tagesschau.de