Lidl, Aldi und Co.: So klimafreundlich sind deutsche Supermärkte

Für viele Menschen ist der Supermarktbesuch eine lästige Pflichtaufgabe. Doch der Einkauf hat enorme Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Allein auf Ernährung gehen laut dem Umweltbundesamt im Durchschnitt 15 Prozent der Treibhausgasemissionen eines Deutschen zurück. Allerdings ist es für den Einzelnen eine fast unlösbare Herausforderung, all die verschiedenen Produkte hinsichtlich ihres CO2-Fußabdrucks zu vergleichen. Wäre es nicht viel leichter, die Supermärkte und Discounter übernähmen die Verantwortung für den Klimaschutz?

Die gute Nachricht für deutsche Kundinnen und Kunden: Europaweit scheinen die deutschen Lebensmittelhändler beim Klimaschutz eine Vorreiterstellung einzunehmen. Der Discounter Lidl gehört neben Konkurrent Aldi Süd und Vollsortimenter Rewe zu den fünf nachhaltigsten Lebensmitteleinzelhändlern Europas. Das geht aus der Superlist Umwelt Europa hervor, die der F.A.Z. vorab vorliegt.

Insgesamt standen für die Analyse 27 Händler in acht nationalen Märkten auf dem Prüfstand. Für die Bewertung waren zwei Faktoren entscheidend: die Übereinstimmungen mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens und Anstrengungen, einen höheren Anteil pflanzlicher Lebensmittel zu verkaufen. Die Rangliste geht auf eine Zusammenarbeit der Organisationen WWF Niederlande, Madre Brava und ProVeg International unter der Leitung der niederländischen Denkfabrik Questionmark zurück.

Lidl räumt europaweit Spitzenplätze ab

Die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) ist der viertgrößte Einzelhändler der Welt und in zahlreichen Ländern aktiv. Lidl ist gleich dreimal in den Top fünf vertreten: Lidl Niederlande (Platz eins) und Polen (Platz zwei) schnitten besonders gut ab. Lidl Deutschland landete im europaweiten Vergleich auf dem fünften Platz. Laut dem Bericht gehen diese Platzierungen nicht nur auf einen konkreten Klimaschutzaktionsplan zurück, sondern auch auf einen hohen Anteil von pflanzlichen Produkten im Verkauf. Wenn die pflanzlichen Produkte keine Rolle spielen und nur die Klimaschutzvorhaben im Fokus stehen, räumen Lidl Deutschland, Niederlande, Polen und Spanien europaweit die ersten vier Plätze ab.

Im deutschlandweiten Vergleich landete wie im Vorjahr Lidl auf dem ersten Platz. Der deutsche Discounter ist der erste deutsche Supermarkt, der eine detaillierte Klima-Roadmap veröffentlichte, um seine Emissionsminderungsziele zu erreichen. Rewe konnte im Vergleich zum Vorjahr einen Platz vorrücken und Aldi Süd auf den dritten Rang verweisen.

Bedeutet das gute Ergebnis von Lidl, dass der als besonders günstig geltende Discounter wirklich nachhaltiger ist als etwa der als teurer wahrgenommene Vollsortimenter Edeka? Stephan Rüschen ist Professor für Lebensmittelhandel an der DHBW Heilbronn und warnt: „Diese Platzierung allein macht Lidl noch nicht zum Nachhaltigkeitschampion.“ Er betont: Viele kleinere Supermärkte wie Globus, Tegut und auch die Biosupermärkte Denn’s und Alnatura waren nicht Teil der Untersuchung.

Wichtige Daten fehlen

Außerdem sieht er strukturelle Unterschiede. Alle Filialen von Lidl gehören auch wirklich Lidl. Edeka hingegen greift auf ein großes Netz von selbständigen Kaufleuten zurück – was es Rüschen zufolge für Edeka viel schwieriger macht, einen Klimaplan zu erstellen und den tatsächlichen Erfolg zu messen. „Allein deswegen wird in diesem Ranking Edeka wohl nie auf Platz eins stehen“, sagt er.

Achim Spiller ist Professor für Lebensmittelmarketing an der Universität Göttingen und meint: Allgemein sei es methodisch sehr schwierig, die Supermärkte zu vergleichen. Nicht alle Händler erfassen oder veröffentlichen Daten zu allen Bereichen. Aldi Nord zum Beispiel hat laut dem Bericht von Ques­tionmark seit 2020 keine Daten über die Treibhausgasemissionen entlang der Lieferkette gemeldet. Diese sogenannten ­Scope-3-Emissionen machen aber mehr als 90 Prozent der Treibhausgasemissionen aus. Wegen der fehlenden Transparenz ist laut Spiller eine sachgerechte Bewertung von Aldi Nord damit kaum möglich. Ein ähnliches Problem stellt sich beim Anteil der pflanzlichen Produkte. Spiller fordert deswegen: „Wir brauchen bessere, allgemeine Regeln, um Nachhaltigkeit zu messen und zu vergleichen.“

Worauf Rüschen hinweist: Nachhaltigkeit besteht aus seiner Sicht nicht nur aus einem Klimaplan und dem Anteil von pflanzlichen Produkten. Unter anderem zählen dazu auch Regionalität, die Wahrung der Menschenrechte entlang der Lieferkette, soziales Engagement und natürliche Inhaltsstoffe. Unabhängig davon findet er es sinnvoll, dass Questionmark dieses Ranking erstellt hat. „Damit wird deutlich, wie weit die Wahrnehmung der Kundschaft von tatsächlichen Ergebnissen abweicht“, sagt er.

Günstig kann auch nachhaltig sein

In einer eigenen Umfrage befragte Rüschen 2024 die Teilnehmer, wie nachhaltig aus deren persönlicher Sicht die größten deutschen Supermärkte und Discounter sind (ohne Aldi Nord). Das Ergebnis: Die Vollsortimenter Edeka und Rewe teilten sich den ersten Platz. Darauf folgten Aldi Süd, Lidl und Kaufland.

Aus der Sicht von Rüschen glauben viele Menschen: Was billig ist, kann nicht sonderlich nachhaltig sein. „Aber so pauschal ist das falsch“, sagt er. Das sei die wichtigste Botschaft aus dem Ranking von Questionmark – und nicht die konkrete Platzierung eines einzelnen Supermarktes.

Eine verzerrte Wahrnehmung herrscht allerdings auch mit Blick auf die Preise. Aldi und Lidl gelten als die Billigheimer der Republik, die Vollsortimenter Edeka und Rewe als vergleichsweise teuer. Analysen der Preisvergleichsplattform Smhaggle haben aber gezeigt: Die großen Supermärkte und Discounter haben oft auf den Cent genau dieselben Regalpreise – vor allem bei Eigenmarken. Preisunterschiede kommen laut Smhaggle vor allem durch unterschiedliche Aktionspreise zustande.

Supermärkte bleiben unter ihren Möglichkeiten

So verständlich der Fokus auf die Preise in der öffentlichen Wahrnehmung ist: Die sozialen sowie umwelt- und klimabedingten Folgekosten sind darin derzeit nicht ausreichend berücksichtigt. Um den Klimaschutz voranzubringen, sind auch die Supermärkte gefragt – und nicht nur die Politik. Darauf macht Questionmark im aktuellen Bericht aufmerksam. Zugleich warnt die Denkfabrik: „Trotz einiger Vorreiter versäumt es die Branche bislang, ihre volle Markthebelwirkung zu entfalten“, ließ sich Charlotte Linnebank zitieren, Chefin von Questionmark.

Viele europäische Händler verzeichnen dem Bericht zufolge einen Anstieg der Gesamtemissionen. Das zeige, dass die bisherigen Nachhaltigkeitsleistungen noch allzu oft an ihre Grenzen stoßen würden. Nur fünf der 27 untersuchten Supermärkte, darunter Kaufland und Rewe, hätten es geschafft, ihre Emissionen zu senken. Die Organisationen betonen dabei: „Manchmal müssen Supermärkte ihre zuvor gemeldeten Emissionen später korrigieren. Infolgedessen müssen diese kleinen Fortschritte mit großer Vorsicht betrachtet werden.“

Und dennoch: Zusammen mit den niederländischen Supermärkten Albert Heijn und Jumbo geben die deutschen Händler laut dem Bericht das Tempo für Nachhaltigkeitsbestrebungen in Europa vor – und das vor allem durch ihre Ambition, mehr pflanzliche Produkte in ihr Sortiment zu bringen. Die Organisationen betonen im Bericht: Aus ihrer Sicht haben viele Supermärkte noch enormen Handlungsbedarf, um durch einen höheren Anteil an pflanzlichen Produkten die Treibhausgasemissionen zu senken.

Aus der Sicht von Professor Spiller ist es sinnvoll, dass Supermärkte diesen Faktor in Angriff nehmen. Neben dem Einsatz von Dünger und dem Schutz von Mooren seien rein pflanzliche Produkte die wichtigsten Hebel für den Lebensmitteleinzelhandel. Was er betont: „Auf die Produktauswahl haben die Supermärkte den größten Einfluss.“ Rüschen hinterfragt diesen Ansatz allerdings: Für den Klimaschutz wäre es aus seiner Sicht effizienter, zuerst schädliche Produkte wie argentinisches Rindfleisch teurer zu machen, als pflanzliche Produkte zu fördern.

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