weltspiegel
Lettland erwartet von der russischen Minderheit, dass sie Lettisch lernt. Wer mehrmals durch eine Prüfung fällt, riskiert die Ausweisung. Für viele Russen ist das ein mühsamer Prozess – ohne Alternative.
Die Worte kommen ihm nur schwer über die Lippen. Wladimir Galotschkin setzt zu einem Satz an, verspricht sich, macht einen neuen Versuch. Der 73-Jährige muss jetzt Lettisch lernen. Im neuen Kapitel seines Lehrbuchs geht es um Wohnungskauf – gar nicht so einfach für den Mann, obwohl er seit mehr als 50 Jahren im Land lebt. In der Hauptstadt Riga besuchte er die Abendschule, studierte Physik und unterrichtete bis zum Zerfall der Sowjetunion an einer Schule. Lettisch brauchte er lange nicht.
Bis 1990 war Lettland Teil der Sowjetunion. In dieser Zeit wurden gezielt Menschen aus anderen Sowjetrepubliken im Land angesiedelt, vor allem aus Russland. Auch Wladimir kam damals ins Land. So wie er hat heute etwa ein Viertel der Bevölkerung Lettlands russische Wurzeln. Ein Teil von ihnen besitzt die lettische Staatsbürgerschaft, ein weiterer nennenswerter Teil ist als „Nichtbürger“ registriert – sie sind staatenlos im Sinne eines speziellen Status. Nur wenige haben tatsächlich einen russischen Pass.
Wladimir Galotschkin versucht, nach Jahrzehnten Lettisch zu lernen. Der Wille ist da – aber der Spracherwerb ist eine Herausforderung für ihn.
Sprachtests – eine Folge des Ukraine-Kriegs
Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine blickt Lettland sicherheitspolitisch kritischer auf seine russischsprachige Minderheit. 2022 änderte das lettische Parlament das Aufenthalts- und Einwanderungsgesetz. Russische Staatsbürger, die dauerhaft im Land leben möchten, müssen seitdem einen Lettisch-Test auf dem Niveau A2 bestehen.
Wer die Prüfung nicht besteht, kann eine befristete Verlängerung von bis zu zwei Jahren erhalten, um den Test zu wiederholen. Wird der Sprachnachweis nicht erbracht, kann dies zur Ausweisung führen. Genau das ist Wladimirs Sorge.
Eine der treibenden Kräfte hinter der Regelung war der Abgeordnete Edvīns Šnore von der rechtskonservativen Partei Nationale Allianz. Er gehörte zu den Politikern, die sich im Parlament besonders für eine härtere Linie gegenüber der russischen Minderheit einsetzen. „Diese Leute sind während der sowjetischen Besatzungszeit hierhergekommen. Sie kamen als ‚die Chefs‘ ins Land und hatten keinen Grund, unsere Sprache zu lernen. Und auch später haben sie sich nicht die Mühe gemacht. Stattdessen haben sie erwartet, dass alle mit ihnen Russisch sprechen. Deshalb haben wir diese Sprachtests eingeführt“, sagt der Politiker im Interview.
Ursprünglich waren etwa 25.000 Menschen betroffen. Die meisten davon haben die Prüfung bereits abgelegt. Wladimir steht bald ein zweiter Versuch bevor: Beim ersten ist er durchgefallen. Vor allem der schriftliche Teil machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Plattenbauten prägen das Bild von Plavniecki. Hier leben viele russischsprachige Bürger – die lettische Sprache hört man eher selten.
Die Geduld schwindet
Der 73-Jährige wohnt in Plavnieki, einer Großraumsiedlung am Rande Rigas. Die Plattenbauten hier wurden einst für Arbeiter aus der Sowjetunion errichtet, noch heute leben vor allem sie und ihre Nachfahren in dem Viertel. Lettisch hört man auf der Straße eher selten. Im örtlichen Supermarkt liegen mehr Zeitschriften und Magazine auf Russisch aus als auf Lettisch. Hier leben Russischsprachige unter sich.
Und auch wenn Wladimir auf dem Zentralmarkt von Riga einkaufen geht, spricht er seine Muttersprache. „Für mich ist es einfacher, die Verkäufer auf Russisch anzusprechen, weil es hier so spezielle Waren gibt, für die ich die Bezeichnungen auf Lettisch gar nicht kenne. In der Stadt sind wir es gewohnt, Russisch zu sprechen.“
Der frühere Integrationsminister Nils Muižnieks sieht das kritisch. Bereits während seiner Amtszeit zwischen 2002 und 2004 setzte er sich dafür ein, die lettische Sprache stärker zu fördern. „Viele Letten haben inzwischen genug davon zu warten, dass Russen Lettisch lernen. Mehr als 30 Jahre nach der Unabhängigkeit fragen sie: Wenn ihr unsere Sprache nicht lernt, respektiert ihr uns vielleicht nicht? Oder seid sogar mit Russland verbunden?“
Gleichzeitig betont Muižnieks, dass sich die Sprachsituation in den vergangenen Jahrzehnten bereits deutlich verändert habe. „Vor 20 oder 30 Jahren sprach fast kein Russe Lettisch als Zweitsprache. Inzwischen hat sich das verändert. Besonders die jüngere Generation beherrscht Lettisch ziemlich gut, weil sie es in der Schule gelernt hat. Es hat ein Prozess der ‚Lettisierung‘ stattgefunden.“
Sprachprüfung als Lernanreiz
Lettisch spricht Wladimir fast nur im Sprachkurs. Drei Mal pro Woche fährt er zu einer Sprachschule im Zentrum von Riga. Der Unterricht wird von der Stadt Riga bezahlt, die Lehrbücher und Arbeitshefte ebenfalls. Die meisten Kursteilnehmende kommen aus Russland oder Belarus. Im Unterricht üben sie Lesen, Schreiben, Sprechen und Hörverstehen. Viele haben sich nur angemeldet, weil die staatlich verordnete Sprachprüfung bevorsteht.
Wladimirs Lehrerin Edite Kapostina kennt dieses Muster. Seit vielen Jahren unterrichtet sie Lettisch als Fremdsprache. Ihrer Erfahrung nach hängt der Lernerfolg entscheidend davon ab, ob jemand ein lettischsprachiges Umfeld hat. „Die meisten meiner Schüler haben keinen Kontakt zu Menschen, die Lettisch sprechen. Russischsprachige bleiben meist unter sich, und genau das ist der Knackpunkt“, so die Lehrerin.
Viele der Schüler im Sprachkurs haben wenig Kontakt zu Menschen, die Lettisch sprechen. Das erschwert das Erlernen der Sprache.
Allmählich kommt auch bei Wladimir die Einsicht. Er bereut, Lettisch nicht schon früher gelernt zu haben, „als der Kopf noch nicht so abgenutzt war“, sagt er. Die Maßnahmen der lettischen Regierung hält er für gerecht. „Lettland ist der einzige Ort, an dem sich die lettische Sprache und Kultur erhalten und weiterentwickeln können. Und wir sind hier in Lettland Gäste. Jedenfalls betrachte ich mich als Gast – obwohl ich praktisch mein ganzes Leben hier gelebt habe.“
Vielleicht ist Wladimir auch deshalb beim ersten Versuch durch den Sprachtest gefallen. Für den zweiten Anlauf zeigt sich seine Lehrerin vorsichtig optimistisch. „Ich glaube, letztendlich wird er es schon schaffen“, sagt Edite Kapostina. Solange er regelmäßig zum Unterricht kommt und weiter lernt, hält sie eine Ausweisung für unwahrscheinlich. Tatsächlich mussten bislang nur eine Handvoll Menschen das Land verlassen, weil sie den Sprachnachweis nicht erbracht haben.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.
Source: tagesschau.de