Lesung im Schloss: Was macht Ferdinand von Schirach im Elite-Internat?

Auf der Internatsschule Louisenlund begeht man selbst den „Asi“-Tag stilbewusst. Es ist Mottowoche. Um den Schulabschluss zu feiern, verkleidet sich ein Teil des Abiturjahrgangs jeden Tag zu einem anderen Thema. An diesem Mittwochvormittag hat man sich anscheinend für etwas Volksnähe mithilfe von Leopardenleggins und Adidasjacken entschieden. Viele sehen trotzdem wie McKinsey-Praktikanten nach Feierabend aus, in Barbour- und Monclerparka hüpfen die Abiturienten zu lauter Musik im Schulgebäude herum. Sind das die künftigen Dichter und Denker Deutschlands?

Nein, die kommen ja erst noch. Ab Herbst 2026 startet das Begabtenför­derungsprogramm „plus-Kultur“, eine neue bundesweite Initiative der Internate Louisenlund in Schleswig-Holstein, Schloss Salem in Baden-Württemberg und Sankt Afra in Sachsen. Schreibkurse und Begegnungen mit „herausragenden Persönlichkeiten“ aus Kunst und Kultur ergänzen den herkömmlichen Schulstoff, insgesamt 40 Schülerinnen und Schüler pro Jahr sollen an dem Programm teilnehmen. Ziel ist es, „Literaten und Vor-Denker für gesellschaftlich relevante und herausfordernde Fragestellungen“ auszubilden, all das, um einen „Beitrag zur Stärkung der Demokratie und Zivilgesellschaft in Deutschland“ zu leisten, wie es auf der Website heißt.

Das klingt nach guten Taten, und dementsprechend frohsinnig ist der Schulleiter Louisenlunds, Peter Rösner. Um die Botschaft in die Welt und damit an potentielle Interessenten weiterzutragen, hat die private Stiftung Mitte Fe­bruar zu einem Rundgang über das Schulgelände geladen. Rösner empfängt die Besucher und geleitet sie am eis­verkrusteten Fjord vorbei, der Schnee knirscht bei jedem Schritt.

Das Hauptgebäude des Internats Louisenlund bei Güby im Sommer 2009.  Das Internat wurde 1949 von Friedrich zu Schleswig-Holstein gegründetPicture Alliance

1949 von Friedrich zu Schleswig-Holstein gegründet, bietet Louisenlund Unterricht von der ersten Klasse bis zum Abitur an. Einige der insgesamt 500 Schüler und Schülerinnen kommen aus der Umgebung und nehmen täglich einen Shuttlebus zum Gelände, ein Großteil der Jugendlichen lebt jedoch im Internat. Ein teures Unterfangen, ab 50.000 Euro aufwärts kostet ein Schuljahr, all inclusive. Rösner weist beharrlich auf Bezuschussungen und Stipendien hin, aber die Eltern, die Maseratis zum Geburtstag verschenken, und der Nachwuchs, der damit durch die Umgebung düst und Anwohnern auf die Nerven geht – so hört man es in der Nachbarschaft – gibt es eben auch. Wer Louisenlund besucht, stammt in der Regel aus einem konventionellen, gut betuchten Elternhaus, da kann auch der Veggie-Tag in der Kantine nicht drüber hinweg­täuschen. Also, Herr Rösner, wird hier die Elite ausgebildet?

Ein Schuljahr im Internat kostet ab 50.000 Euro aufwärts

„Definitiv“, sagt er. Die Jugendlichen würden später Verantwortung übernehmen, ob als politische Amtsträgerin oder Unternehmenschef. In dem finanzschweren und damit einflussreichen Netzwerk, das automatisch hier vor Ort entstehe, sehe er kein Problem, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. „Eine Demokratie ohne Elite scheitert“, sagt er, man denke nur an die Gefahr absolutistischer Herrscher. Da muss man schon ein bisschen lachen. Rösner erwähnt im Verlaufe des Tages mehrfach die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Ingeborg zu Schleswig-Holstein, er nennt sie „meine Prinzessin“.

Schon bei der Anfahrt am hauseigenen Golfplatz vorbei ahnte man, dass es sich auf Louisenlund mit Sicherheit wunderbar dichten und denken lässt. Der Rundgang mit Rösner bestätigt diesen Eindruck. Allein der Seeblick, das Teleskop oder eben diese unverschämt schicken Neubauten, in denen der meiste Unterricht stattfindet.

Ferdinand von Schirach beantwortet Fragen der Schüler und SchülerinnenPicture Alliance

Die spitzen Dächer sollen an Scheunen erinnern, eine Hommage an das ländlich geprägte Schleswig-Holstein. Die gläsernen Fassaden hingegen an Treibhäuser, in denen Luft und Licht sich zu einer blühenden Zukunft verbinden. Und zu guter Letzt, da verweist der Schulleiter auf das gewiefte amerika­nische Unternehmertum, soll die Gebäudereihe als Garage für die Jugendlichen fungieren. „Dranbleiben und tüfteln“, sagt Rösner, das sei wichtig, um Unternehmen zu gründen. Man weiß schon, was er meint, recht hat er auch, aber angesichts der Gedanken an den ehema­ligen Garagenbesitzer und Amazon-Milliardär Jeff Bezos, der die USA gerade in eine Oligarchie verwandelt, pocht das demokratiegebeutelte Herz kurz ein wenig schneller.

Drinnen im Gebäude ist der „Asi“-Tag gerade im vollen Gange, die Abiturienten singen aus voller Kehle. Rösner lacht und wünscht viel Spaß. Kinder eben, weiter geht’s.

Ferdinand von Schirach gab den Impuls für das Förderprogramm

In der Kantine sitzt in einer Ecke der eigentliche Star des Tages, Ferdinand von Schirach, in der Hand eine blassblaue E-Zigarette, um ihn herum eine schnatternde Gruppe Menschen. Der Jurist und Autor war für den Impuls zum „plus-Kultur“-Programm verantwortlich, bei ei­ner Veranstaltung auf Louisenlund, wo Kinder von Freunden von ihm zur Schule gingen, kam er mit Rösner ins Gespräch.

Er habe von Schirach von naturwissenschaftlichen Förderprogrammen vorgeschwärmt, sagt Rösner eine Stunde später auf der Bühne der Kulturhalle des Internats, rund 300 Schüler und Schülerinnen drängen sich in den Stuhlreihen. Der Autor habe zugehört und nachgehakt. Was seien die Probleme, an denen Physiker und Mathematikerinnen scheitern? Wer beantworte dringende Fragen nach Verteilung und Gerechtigkeit? „Dafür braucht es die Dichter und Denker“, sagt Rösner.

Ferdinand von Schirach bekam nach der Lesung von Ingeborg zu Schleswig-Holstein einen Schul- Schal geschenktdpa
Ferdinand von Schirach, bislang vor allem bekannt für Romane über Schuld und Verbrechen, hat sein erstes Kinderbuch geschrieben, es erscheint kommende Woche, ist aber schon seit vergan­gener Woche im Handel. Es handelt von dem mittellosen Jungen Alexander, der sich auf die Suche nach gerechten Gesetzen macht, um seine Mutterstadt zu­künftig vor königlicher Tyrannei zu beschützen.

Für die erste Lesung gebe keinen besseren Ort als Louisenlund, sagt Rösner ins Mikrofon, rot und blau schimmert die Bühne im Scheinwerferlicht. Bildung sei hier mehr als Wissen, sei eine Erkundung von Werten und Haltung: „Alexander könnte einer von uns sein“.

Literatur solle keine Botschaft haben, sagt von Schirach – mit einem Buch über Demokratie im Gepäck

Dann tritt von Schirach vors Publikum. Nach kurzer Lektüre beantwortet er Fragen der Schüler und Schülerinnen in den ersten Reihen, permanent schnellen neue Arme in die Luft. Ob es schwer sei, ein Buch zu schreiben? Man müsse sich nur jeden Tag an den Schreibtisch setzen, sagt von Schirach. Ob er eine Botschaft habe? „Nein, Literatur sollte keine Botschaft haben“, antwortet er. Das Einzige, was sie könne, sei, Trost zu spenden. Eine erstaunliche Antwort, mit einem Buch über Demokratie im Gepäck.

Ein kleiner Junge steht dem neuen Förderprogramm kritisch gegenüber. Ob es überhaupt Sinn ergebe, Literatur zu fördern; Kreativität komme doch aus ei­nem selbst heraus, fragt der etwa Zwölfjährige. Von Schirach verneint, neunzig Prozent sei Handwerk, das könne man durchaus lernen.

Von Schirach geht auf die Kinder ein, nach der Fragerunde hockt er auf Treppenstufen und verteilt Autogramme mit einem Füllfederhalter, Tintenflecke leuchten an seinen Fingern. Es war ein gelungener Auftritt. Aber wieso gerade hier? Ist das nicht ein Widerspruch, ein Buch über Demokratie, in dem alle Protagonisten handwerkliche Berufe ausüben, in einem Eliteinternat vorzu­stellen, fragt man ihn später in kleiner Runde und fühlt sich regelrecht linksradikal. Hätte von Schirach nicht eher eine Schule besuchen sollen, bei der die Schüler von dem angepriesenen Förderprogramm profitieren könnten?

Nein, die Lesung sei eine Ausnahme, antwortet von Schirach und schaut ei­nem dabei besonders lange in die Augen. Aus Scheu meide er normalerweise solche Veranstaltungen. Auch die Eliten­kritik perlt an ihm ab. Bei „plus-Kultur“ gehe es nicht um Demokratie, sagt er, sondern um Literatur. Dann muss von Schirach weiter. Draußen wartet die Prinzessin.

Source: faz.net