Während Leonora Carrington in ihrer Wahlheimat Mexiko schon seit den Sechzigerjahren neben Frida Kahlo und Remedios Varo als wichtigste einheimische Künstlerin wahrgenommen wurde, auch in den Vereinigten Staaten vergleichsweise früh bekannt war, gab es in Europa bislang nur wenige Einzelausstellungen. Selbst in England, wo sie 1917 geboren wurde, blieb sie bis zur Jahrhundertwende nahezu unbekannt. 2015, vier Jahre nach ihrem Tod im Alter von 94 Jahren, zeigte die Tate Liverpool eine Soloschau. Dass Carringtons Werk endlich mit gebührender Recherche gewürdigt wird, lässt sich der mexikanischen Kunsthistorikerin und Kuratorin Tere Arcq und deren spanischem Kollegen Carlos Martín verdanken.
2023 richtete das Duo in der Madrider Fundación Mapfre eine erste Soloschau in Spanien aus. Die Ausstellung, die nun in Paris zu sehen ist, machte zuvor in Mailand Station: auch in Italien und im Surrealistenland Frankreich eine Premiere. In Deutschland gab es bislang noch keine Einzelausstellung. Von der Perspektive des Kunstmarktes betrachtet, nimmt Carrington allerdings den fünften Platz der teuersten Künstlerinnen ein, ihr Gemälde „Die Zerstreuungen Dagoberts“ wurde 2024 in New York für 26,3 Millionen Euro versteigert.
Eine zehnjährige Schülerin und ihre Fabelwesen
Dass die europäische Spätzündung der kunsthistorischen Aufmerksamkeit nichts mit einem Mangel an Substanz und Qualität zu tun haben kann, beweist die Schau im Musée du Luxembourg mit dem bündigen Titel „Leonora Carrington“. Der Parcours mit fast 130 Gemälden, Skulpturen und Fotografien, die zumeist aus Privatsammlungen oder süd- und nordamerikanischen Museen stammen, wurde chronothematisch in sechs Sektionen gegliedert. Gleich im ersten Raum verblüffen ihre Frühreife und das zeichnerische Talent. Leonora Carrington stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie.
Mit zehn Jahren füllte sie ein Schulheft unter dem Titel „Animals of a Different Planet“ mit phantasievollen Tieren und Fabelwesen. Fünf Jahre später setzte sie in der virtuos gemalten Aquarell-Serie „Sisters of the Moon“ machtvolle Frauenfiguren in Szene, die von irischen Legenden aus den Erzählungen ihrer Mutter, von Mythologie und Märchen inspiriert wurden. Schon früh kamen fast alle Themen auf, die für Carrington ausschlaggebend werden sollten: Sororität, Tiere, die zu Symbolfiguren oder Alter Egos werden, das Interesse an Mythen, Legenden und esoterischen Lehren. Als rebellische Jugendliche, die mehrmals von der Schule flog, ließ man sie immerhin mit 15 Jahren eine Italienreise absolvieren, auf der sie die Renaissancemalerei entdeckte – ein prägender Einfluss für ihre Maltechniken und Bildkompositionen.
Der Weg der Künstlerin vom Himmel in die Hölle
Tere Arcq und Carlos Martín haben die Ausstellung unter den Leitgedanken der Reise gestellt, der sowohl psychischen als auch physischen Exploration. Leonora Carrington führte ihr Leben wie eine Initiationsreise und verstand ihr Werk, ob in Gemälden, Skulpturen oder autobiographischen Erzählungen, als Ausdruck oder Kartographie dieses Weges zu Erkenntnis. Sie entfloh 1937, nachdem sie auf einem Dinner in London in einem gegenseitigen coup de foudre den 26 Jahre älteren Max Ernst kennengelernt hatte, vor ihrer Familie und deren Erwartungen zum neuen Geliebten nach Paris.
Dort begann im Kreis der Surrealisten ihre Künstlerkarriere. Die Windsbraut, wie Max Ernst sie nannte, fliegt geradezu auf manchen ihrer Gemälde durch den Bildraum – etwa in der düster spukenden Erinnerung an das Familien-Mansion „Crookhey Hall“, in der ein junges Mädchen in zerrissenem Kleid vor einer bedrohlichen Gestalt zu fliehen versucht. In „Artes 110“ von 1944 saust Carrington als kometenähnlicher Kopf mit dunklem Haar-Schweif, von einer Windrose geleitet, von einer symbolischen Insel in eine neue Welt, wo sie ein rotes Kleid wie eine mögliche Identität erwartet. Die geographische Reise fällt mit einer Bewusstseinsreise zusammen. Artes 110 war ihre erste Adresse in Mexiko.
Denn zwischen der Pariser Zeit – 1937 – und der Ankunft fünf Jahre später im südamerikanischen Exil lagen Lebensstationen, die die junge Künstlerin gewissermaßen vom Himmel in die Hölle schickten. Die glücklichen, schöpferischen Lehrjahre waren die im Kreis der Pariser Surrealisten und mit Max Ernst. 1938 kaufte Carrington im südfranzösischen Saint-Martin-d’Ardèche ein Winzerhaus als Idyll weitab von den Fängen des wütenden Vaters. In zwei kreativen Jahren machten die beiden Künstler daraus ein Gesamtkunstwerk. Mit dem Ausbruch des Krieges begannen Jahre der Verzweiflung und dramatischen Lebensumstände. Max Ernst wurde 1939 im berüchtigten Camp des Milles interniert. Leonora Carrington emigrierte über Madrid, Lissabon und New York nach Mexiko, wo sie 1942 ankam. In Madrid wurde sie von Franco-Soldaten vergewaltigt, erlitt eine tiefe psychische Krise und wurde dann von ihrer Familie in einer psychiatrischen Klinik, die einer Folteranstalt entsprach, zwangsinterniert.
Tiefe psychische Krisen machten auch ihre Bilder noch tiefgründiger
Die Ausstellung und der exzellente Katalog legen nahe, dass sich Carringtons Werk, entsprechend den Forschungen des Jungianers und Mythologen Joseph Campbell, dessen Untersuchung „Der Heros in tausend Gestalten“ die Künstlerin selbst bewundernd gelesen hatte, als Ausdruck einer femininen Heldenreise verstehen lässt: der Abstieg in tiefste Dunkelheit, gefolgt von einem symbolischen Tod, von Transformation und Initiation. Carringtons traumähnliche Landschaften oder Bildräume erzählen Prozesse der Auflösung und Wiedergeburt.
In Mexiko änderte sich ihr Stil, und ihr Werk gewann inhaltlich an Dichte. Sie beschäftigte sich mit esoterischen Lehren oder dem spirituellen Weg des tibetischen Buddhismus, setzte sich in ihren Gemälden mit Giordano Bruno und den Lehren Zarathustras auseinander. Mit den Surrealisten teilte sie die Faszination für Esoterisches und Paranormales. Im Gemälde „Der gute König Dagobert“ stellt sie ihre Familie – sie heiratete 1946 den ungarischen Fotografen Emerico Weisz, mit dem sie zwei Kinder hatte – wie in einem Märchen, aber auch wie ein Geburtssternzeichen der primitiven Malerei dar.
Carringtons Gemälde sind kondensierte Erzählungen. So verwendet sie mehrmals das längliche Predella-Format für narrative Szenen. „Drei Nornen“ von 1998 lässt sich als Quintessenz von Carringtons lebenslänglicher Erforschung der Mythen, der Spiritualität und der Rolle des Femininen verstehen. Die drei mysteriösen Nornen ihres Gemäldes haben eine innere Reise angetreten, zu den Wurzeln des Seins, wo Tiere und die Natur keine zu besiegenden Gegner sind, sondern Elemente der Psyche, die in Symbiose integriert werden. Jedes der an Bezügen und Anspielungen reichen, phantasievollen Gemälde von Leonora Carrington lässt sich lange, mit visuellem und geistigem Vergnügen betrachten.
Leonora Carrington. Musée du Luxembourg, Paris; bis zum 19. Juli. Der Katalog kostet 45 Euro.
Source: faz.net