Leipziger Buchmesse: „Leipzig ist nicht Weimer“

Die Schlange reicht von Halle 2 nach Halle 4 und von dort bis fast in Halle 5 hinein, durch einen der gläsernen Tunnel, die auf der Leipziger Messe die Gebäude miteinander verbinden. Eigentlich sollen in diesen Tunneln, sie sind an diesem kühlen Morgen angenehm angewärmt von der Märzsonne, Mittelstreifen den Verkehr regeln, sodass die einen ungestört in die eine und die anderen in die andere Richtung laufen können. Aber jetzt läuft man nicht an der Schlange vorbei, sondern mitten durch sie hindurch, der Andrang hat die Ordnung längst aufgelöst, nur im Tunnel zwischen Halle 4 und 5 steht eine Mitarbeiterin von der Messe und hält ein Schild hoch, auf dem „Ende der Schlange“ steht.

Sie muss immer noch einen Schritt weiter in Richtung Halle 5 gehen, jemand von den jungen Menschen, manche kostümiert, ganze Schulklassen haben sich angestellt, fragt sie, wie lange es wohl dauere, „mindestens zwei Stunden“, antwortet sie, „und das ist heute erst der erste Tag!“ Es ist Signierstunde bei Lyx, dem New-Adult-Imprint des Verlags Bastei-Lübbe, anders als auf der Frankfurter Buchmesse, die sich entschieden hat, das junge, euphorische, lesende Publikum in einer eigenen Halle zu konzentrieren, verteilt es sich hier, in Leipzig – immer schon die Messe für Leserinnen und Leser jeden Alters und für die Überidentifikation mit Büchern – quer über das Gelände.

Abends, beim „Independence Dinner“ der unabhängigen Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die von den lesenden Massen nur träumen können, die da vormittags wie ein Kabel, wie eine Ader die Hallen verbunden und mit Energie versorgt haben, fragt eine Verlegerin, die sich auf feministische Literatur und Wiederentdeckungen spezialisiert, für wen die ganzen vielen jungen Leserinnen und Leser da wohl angestanden hätten, aber letztlich sei das auch gar nicht so wichtig, den Namen würde sie eh nicht kennen, „es ist nur gut, dass es sie gibt“. Eigentlich sollte da, im gläsernen Tunnel zwischen Halle 4 und 5, nicht am „Ende der Schlange“ stehen, sondern besser: am Anfang. tob

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, wird nicht zurücktreten. Nicht jetzt jedenfalls. Jemand, der ein politisches Amt wie ein Unternehmen führt, weil er nur das eine, nicht aber das andere gelernt hat, wozu Überzeugungsarbeit, Konsensherstellung und Verantwortung für das Gemeinwohl gehören, sieht in Rücktrittsforderungen vielleicht ohnehin bloß eine Störung im Betriebsablauf. Ein Problem, das sich rhetorisch wegmoderieren lässt.

Am Stand der Verlagsgruppe Droemer Knaur auf der Leipziger Buchmesse  2026dpa

Nach dieser Logik handelte er jedenfalls zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse, als er Jürgen Habermas bemühte und dessen Denken kurzerhand zur Rechtfertigungsfolie für sein eigenes Vorgehen machte: Er sei für das „Habermas-Verfahren“, sagte er in Anspielung auf das Haber-Verfahren – das interne Prüfverfahren, nach dem Behörden den Verfassungsschutz um Auskunft bitten können, ob zu einer Organisation oder Einrichtung verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse vorliegen – und verwechselte dabei offenkundig Diskursethik mit Durchregieren.

Hatte er doch gerade drei Buchhandlungen vom ihnen zugesprochenen Preisgeld ausgeschlossen und sich in der Rolle des Demokratieverteidigers gewähnt, aber nicht einmal triftige Argumente für sein Vorgehen dargelegt. Um weiterem Unmut, der ihm in Leipzig deshalb unweigerlich entgegenschlagen würde, zu entgehen, sagte er kurzerhand alle Termine auf der Buchmesse ab.

Einmal mehr selbstsicher

Einzig am Donnerstagabend ließ er sich kurz in der Deutschen Nationalbibliothek für eine Keynote im Rahmen eines Podiums zum Thema Meinungsfreiheit blicken, wo er sich am „Tag der Demokratiegeschichte“ einmal mehr selbstsicher als Opfer des Verfassungsschutzes und Verteidiger der Demokratie inszenierte. Er erzählte noch einmal die Geschichte, die er aktuell gerne erzählt, nämlich wie Bundesinnenminister Otto Schily im Jahr 2005 die Redaktionsräume des Magazins „Cicero“, dessen Chefredakteur er damals war, durchsuchen ließ.

Wer Weimer nur von diesem Auftritt kennte, würde ihm die Rolle des Kämpfers für Presse- und Meinungsfreiheit und die Demokratie im Allgemeinen ohne Weiteres abnehmen. Aber ist das nicht eine seltsame Rolle für einen Minister? Wer ist sein Ansprechpartner in diesem Kampf? Er selbst? Doch Weimer hatte diesmal noch etwas mehr als Rhetorik im Gepäck: Im Gestus des Patriarchen, der eine Lohnerhöhung verkündet, beendete er kurzerhand die Diskussion um den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig – ein Projekt, mit dessen Absage er ebenfalls letzte Woche in Schwierigkeiten geraten war – und verlautbarte: „Wenn wir bauen müssen, dann bauen wir!“ So viel Großmut. So viel Applaus. Und weiter geht’s. tam.

Der Skandal um den Buchhandlungspreis hat nicht nur für große Empörung und eine große Solidarisierungswelle gesorgt, nicht nur dafür, dass die „Tagesthemen“ am Mittwochabend fast eine Viertelstunde lang über die Leipziger Buchmesse berichtet haben, samt Buh-Bildern vom Festakt, einem langen Interview mit dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, und einem abschließenden Kommentar: Es hat auch in kürzester Zeit sein eigenes Merchandising hervorgebracht.

Ausgezeichnet auf der Leipziger Buchmesse 2026: Marie-Janine Calic (links), Katerina Poladjan (Mitte) und Manfred Gmeiner.dpa

Am Stand vom Fischer-Verlag kann man sich in einem schiefen Bilderrahmen vor dem Logo des Verlags und über dem Satz „Wir stehen fest an der Seite von The Golden Shop aus Bremen, Rote Straße in Göttingen und Zur schwankenden Weltkugel in Berlin“ fotografieren lassen. Der Hanser-Verlag, der sein neues Taschenbuch-Programm mit einer Party in der Schaubühne Lindenfels feiert, wohin er auch die Buchhändlerinnen und Buchhändler eingeladen hat, die um ihre Preisverleihung geprellt worden waren, verteilt dort Buttons, auf denen „Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz“ steht.

Und immer wieder beginnen Gespräche und Ansprachen auf und rund um die Messe damit, nicht mehr über Weimer reden zu wollen oder gar seinen Namen zu sagen, um es dann aber doch wieder zu tun, unweigerlich. Die „taz“ hat ihre Ausgabe vom vergangenen Wochenende nicht nur an ihrem eigenen Stand ausgelegt, man findet sie auch in den anderen Hallen: „Leipzig ist nicht Weimer“ steht auf dem Titel, das ist ein guter Gag, aber je länger man dann auf der Messe unterwegs ist, desto weniger kann man glauben, dass das wirklich stimmt. tob

Jüngst sind zwei Bücher über die Fluchtrouten von Menschen im Zweiten Weltkrieg, von denen etwa 80 Prozent Juden waren, erschienen. In ihrem sehr guten Buch „Die Abschottung der Welt“ (C. H. Beck) untersucht Susanne Heim die globalen Bewegungen dieser Menschen und damit die Hürden, Gefahren und Zurückweisungen, die über Leben und Tod entscheiden. Ein weiteres Buch, das die Flucht vor den Nationalsozialisten in Südosteuropa beleuchtet, gewann nun den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Sachbuch.

Eine Lücke wird geschlossen

In „Balkan-Odyssee 1933–1941“ (C. H. Beck) erzählt Marie-Janine Calic von der ersten Balkanroute, auf der Schriftsteller wie Manès Sperber und Ernst Toller sowie viele andere Flüchtlinge Zuflucht fanden oder ihre Reise nach Palästina fortsetzen wollten. „Südosteuropa ist bislang in der Exilforschung kaum beachtet“, heißt es in der Jurybegründung; Calic schließe mit ihrem „eindrucksvollen Werk“, in dem sie zahlreiche Einzelschicksale rekonstruiert, eine Lücke.

Exil ist auch das Thema eines weiteren Leipziger Gewinnerbuches: In ihrem Roman „Goldstrand“ (S. Fischer) erzählt die in Moskau geborene Autorin Katerina Poladjan die Lebensreise des Regisseurs Eli – von Bulgarien über Odessa und Konstantinopel bis nach Rom –, der schließlich in einer römischen Villa seine Einsamkeit seziert und sein Leben durch Erinnerungen ordnet.

„Wie erzählen wir unser Leben, wenn wir es selbst kaum fassen können?“, fragte die Jury und begründete ihre Entscheidung damit, dass Poladjan meisterlich zeige, wie eine Biographie aus Selbstbefragung und Erfindung entstehe und ihre Sprache zugleich leicht und abgründig sei. Den Preis für die beste Übersetzung erhielt der Wiener Manfred Gmeiner für die Übertragung des Romans „Unten leben“ von Gustavo Favéron Patriau aus dem Spanischen. Die Liste der Leipziger Nominierten war in diesem Jahr auffällig vergangenheitsgerichtet. Doch die Jury wies zu Recht darauf hin, wie viel die Vergangenheit doch über die Gegenwart erzählt – nicht in dem Sinne, dass Geschichte sich wiederholt. tam.

Und auch wenn Leipzig nicht Weimer ist und sein soll, die schönste Geschichte der ersten Messetage zum Schluss: Dass beim Festakt zur Eröffnung der Messe am Mittwochabend vor dem Gewandhaus nämlich zeitgleich zwei Protestgruppen zusammenkamen, die beide eine Demo angemeldet hatten – weswegen sie dann einfach abwechselnd demonstrierten, mal die einen gegen falsche Klimapolitik, mal die anderen gegen den Kulturstaatsminister. tob

Source: faz.net