Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat ukrainische Drohnenhersteller als „Hausfrauen mit 3D-Druckern in der Küche“ abgetan. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten – und auch Rheinmetall rudert schnell zurück.
Die Ukraine hat während des inzwischen mehr als vier Jahre dauernden Angriffskrieges durch Russland eine bemerkenswerte Innovationskraft im Bereich der Militärtechnik entwickelt. Wo in früheren Kriegen schwere Artillerie den Großteil der Verluste ausgemacht hat, übernehmen inzwischen Drohnen diese Arbeit. Sie sind präzise, günstig, haben eine große Reichweite und können angreifen, ohne dass sich Soldaten in Gefahr bringen müssen.
Für nur wenige hundert Dollar können ukrainische Drohnen militärische Fahrzeuge im Wert von Millionen US-Dollar schwer beschädigen. Kiew produziert inzwischen mehrere Millionen Stück innerhalb weniger Jahre, auch durch modernen 3D-Druck. US-Militärvertreter haben bereits mehrfach betont, dass die Ukraine außergewöhnlich schnell militärische Innovationen entwickelt.
Umso erstaunter zeigte sich „The Atlantic“-Journalist Simon Shuster bei einem Besuch der neuesten Rheinmetall-Fabrik im Norden Deutschlands und einem Gespräch mit CEO Armin Papperger. Shuster schreibt in seinem Bericht, er habe erwartet, die Führung von Rheinmetall angesichts dieser technologischen Revolution unter Druck zu erleben. Das sei jedoch nicht der Fall gewesen.
Stattdessen habe Papperger mit beißender Geringschätzung auf seine Frage nach ukrainischen Drohnen reagiert. „Das ist wie mit Legosteinen spielen“, sagte der Rheinmetall-CEO. Er erwarte nicht, dass militärische Entwicklungen aus Kiew seine Branche grundlegend verändern würden. „Was ist denn die Innovation der Ukraine?“, fragte Papperger den Journalisten. Die Ukraine könne keinen technologischen Durchbruch aufweisen. „Sie basteln Innovationen mit ihren kleinen Drohnen und sagen dann: ‚Wow!‘ Und das ist ja schön. Von mir aus. Aber das ist nicht die Technologie von Lockheed Martin, General Dynamics oder Rheinmetall.“
Als der Journalist Papperger die Namen von zwei Firmen – Fire Point und Skyfall – nannte, die er zwei Wochen zuvor in Kiew besucht hatte, antwortete ihm der Rheinmetall-CEO: „Das sind ukrainische Hausfrauen. Die haben 3D-Drucker in der Küche und stellen Teile für Drohnen her. Das ist keine Innovation.“
Tatsächlich werden die Drohnen der Ukraine größtenteils aus importierten Komponenten zusammengesetzt, darunter Rotoren, Motoren, Kameras und Computerchips. Viele Bauteile stammen aus China. Doch was Papperger als „Legosteine“ bezeichnete, hat maßgeblich dazu beigetragen, ein ganzes Land bislang zu retten, merkte der US-Journalist an. Als er Papperger fragte, ob ukrainische Drohnenhersteller eines Tages Nato-Lieferanten werden könnten, habe dieser abgewunken – die ukrainische Technik würde demnach spätestens an bürokratischen Hürden scheitern, etwa an notwendigen Zertifizierungen.
Rheinmetall rudert zurück
Die Reaktionen aus der Ukraine ließen nicht lange auf sich warten. Der ukrainische Drohnenhersteller Skyfall erklärte auf Anfrage von „The Atlantic“: „Wenn eine Drohne, die von ukrainischen ‚Hausfrauen‘ gebaut wurde, ausreicht, um Panzer und Artillerie auszuschalten, dann sind wir wohl offiziell in der Ära der ‚Hausfrauen‘ angekommen.“
Der deutsche Militärexperte Nico Lange äußerte sich ebenfalls zu den Aussagen von Papperger. „Die Überheblichkeit so mancher in Bundeswehr, Industrie und Politik gegenüber der neuen Ökonomie des Krieges mit massenweise billigen Drohnen und Raketen könnte für uns noch zum ernsten Sicherheitsrisiko werden“, schrieb er auf X zu dem Artikel der US-Zeitung.
Der britische Freiwillige Richard Woodruff, der die Ukraine laut eigener Aussage seit Kriegsbeginn unterstützt, spottete ebenfalls auf X, dass er soeben erfahren habe, dass er „eine ukrainische Hausfrau“ sei.
Der Berater des ukrainischen Präsidenten für strategische Fragen, Alexander Kamyshin, schrieb zudem auf X: „Unsere Lego-Drohnen, die von Hausfrauen in ihren Küchen gebaut wurden, haben bereits mehr als 11.000 russische Panzer zerstört.“
Darauf reagierte dann auch Rheinmetall und ruderte zurück. „Wir haben größten Respekt vor den immensen Anstrengungen des ukrainischen Volkes, sich seit nunmehr über vier Jahren gegen den russischen Angriff zu verteidigen“, schrieb das Unternehmen in einem Beitrag, in dem es den ukrainischen Berater markierte. „Jede einzelne Frau und jeder einzelne Mann leistet einen unschätzbaren Beitrag.“ Es sei der Ukraine besonders hoch anzurechnen, dass sie trotz begrenzter Ressourcen „so effektiv kämpft“. Die Innovationskraft und der Kampfgeist des ukrainischen Volkes seien Rheinmetall eine Inspiration.
saha
Source: welt.de