„Lebt er wirklich noch? Oder ist da welches dran an den Gerüchten?“

Benjamin Netanjahu sei durch einen Luftangriff getötet worden, heißt es vielfach im Internet. Während ein BBC-Experte die Gerüchte entlarvt, finden sie bei „Hopf und Kettner“ Verbreitung. Lesen Sie mehr im neuen Podcast-Radar.

Ist Benjamin Netanjahu einem iranischen Angriff zum Opfer gefallen? Seit Beginn des Iran-Kriegs kursieren diese Spekulationen, die immer wieder mit KI-generiertem Bildmaterial befeuert werden. Im Gegenzug zweifeln Online-Kommentatoren an der Echtheit offizieller Posts des israelischen Ministerpräsidenten. Als dieser etwa Mitte März ein Video aus einer Pressekonferenz postete, meinten zahlreiche Beobachter, sechs Finger an seiner Hand erkennen zu können.

„Millionen Menschen wollten glauben, Benjamin Netanjahu sei tot. Millionen glaubten, Tel Aviv sei zerstört. Und Millionen haben in den sozialen Medien die Finger seiner Hand gezählt, um herauszufinden, ob seine letzte Pressekonferenz vielleicht von einer künstlichen Intelligenz erzeugt wurde“, brachte es der Autor Ahmad Mansour auf den Punkt. „Wir leben in Zeiten, in denen Realität nicht mehr nur manipuliert wird. Sie wird produziert.“

Netanjahu reagierte spöttelnd auf die Online-Kolportage. „Im Internet wird behauptet, der Premierminister sei tot? Ich sterbe vor Verlangen nach Kaffee“, sagte er in einem auf X verbreiteten Video, während er sich vom Barista einen Cappuccino reichen ließ. „Wollt ihr die Finger zählen?“

Danach zeigte sich der israelische Ministerpräsident auf einer Aussichtsplattform. Doch egal, was Netanjahu tut – die Spekulationen reißen nicht ab.

„Um es ganz klar zu sagen: Er ist definitiv nicht tot“, betonten die Hosts von „The Global Story“, dem Nachrichten-Podcast der BBC, sicherheitshalber einleitend. Während echte Aufnahmen des israelischen Ministerpräsidenten von Online-Kommentatoren zum Deepfake erklärt würden, würden KI-generierte Fotos, die Netanjahu tot oder verletzt nach einem Luftangriff zeigen, „millionenfach“ angesehen und für glaubwürdig befunden. „Ist der KI-Dschinn schon so außer Kontrolle geraten, dass wir unseren eigenen Augen nicht mehr trauen können?“, fragte Moderatorin Asma Khalid dazu den Journalisten Thomas Copeland von „BBC Verify“, dem Team des Senders, das Behauptungen mithilfe von öffentlich zugänglichen Quellen wie Satellitenfotos und Datenanalysen untersucht.

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„Ich verbringe meine Tage damit, KI-generierte und gefälschte Aufnahmen in euren Social-Media-Feeds zu entlarven und zu erklären, was echt ist und was nicht. Und das ist eine Aufgabe, die heutzutage immer schwieriger wird“, beschrieb dieser seine Aufgabe in der britischen Rundfunkanstalt. Unter einem TikTok-Post über Netanjahu von „BBC Verify“ seien ihm erstmals Kommentare aufgefallen, die behaupteten, dieser habe sechs Finger an einer Hand. „In Wirklichkeit hatte er natürlich keine sechs Finger. Die HD-Version der Pressekonferenz zeigte, dass in einem einzigen Bild während der ziemlich langen Pressekonferenz ein winziger Schatten auf seinem fünften Finger zu sehen war.“

Netanjahu sei zu der Erkenntnis gekommen, sich zu den Online-Beiträgen äußern zu müssen. Das Lebenszeichen aus dem Coffee-Shop in Jerusalem sowie ein Video, in dem er mit dem US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, über die Todesgerüchte witzelte, haben jedoch wenig bewirkt. „Nichts davon hat die Kritiker zum Schweigen gebracht“, sagte Copeland, „und der Grund dafür ist, dass wir seit Beginn dieses Konflikts eine Flut von KI-generierten Inhalten erlebt haben. Und das hat viele Menschen, selbst in den drei Wochen, in denen dieser Konflikt nun schon andauert, verunsichert.“ Sie wüssten nicht mehr, was sie glauben sollten.

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„Wir haben die Behauptung mit den sechs Fingern widerlegt, indem wir HD-Aufnahmen zeigten, die eindeutig belegen, dass er keinen sechsten Finger hat. Wir haben das Lebenszeichen-Video aus dem Café gezeigt. Wir hatten Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven, die vom Café in den sozialen Medien geteilt wurden“, berichtete er. „Aber natürlich sind die Kommentare dann wieder voll von Leuten, die behaupten, das sei KI-generierter Inhalt. Und als Reporter befindet man sich in einer schwierigen Lage.“ Einerseits wolle er sich nicht in Online-Verschwörungstheorien verstricken, andererseits glaubten immer mehr Menschen diese Inhalte.

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„Das wiederum ermutigt immer mehr Leute, KI-generierte Videos zu erstellen, die angeblich zeigen, dass er getötet oder verletzt wurde. Und so dreht sich das Rad immer weiter“, skizzierte der Journalist den sich selbst verstärkenden Kreislauf. „Die Behauptung kursiert immer wieder, wird von denen weiterverbreitet, die damit Geld verdienen wollen, und von denen, die eine politische Botschaft verbreiten möchten, bis sie schließlich auch in deiner Timeline auftaucht – selbst wenn dich beides nicht interessiert.“

Die am Wahrheitsgehalt der Videos zweifelnden Menschen ließen sich laut Copeland in zwei Kategorien einordnen. „Zum einen gibt es Menschen, die wirklich aufrichtig sind und in den vergangenen Wochen massiv verwirrt, irregeführt und ausgenutzt wurden – zum Beispiel von denen, die mit solchen Inhalten Geld verdienen wollen“, beschrieb er bei „The Global Story“. „Sie wissen nicht mehr, ob sie dem, was sie sehen, trauen können. Zum anderen gibt es aber auch diejenigen, die genau das ausnutzen wollen. Und tief im Inneren wissen sie wahrscheinlich, dass das Bild, das die ‚New York Times‘ veröffentlicht hat, echt war. Aber es liegt in ihrem Interesse, Unsicherheit zu verbreiten und zu sagen: ‚Oh, das könnte KI sein.‘“

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Einzuschätzen, zu welcher der beiden skizzierten Gruppen der Finfluencer Philip Hopf gehört, bleibt vorerst wohl dessen Hörerschaft überlassen. Nach dem ungestümen Ende seines Podcast-Formats „Hoss & Hopf“ hat dieser mit Dominik Kettner einen neuen Geschäftspartner gefunden.

Der vielfach als „Crashprophet“ bezeichnete Unternehmer veranstaltet Webinare, in denen er Anleger zur „finanziellen Selbstverteidigung“ aufruft. Abhilfe verschafft er gleich selbst, indem er in seinem Online-Shop „Kettner Edelmetalle“ Gold- und Silberbarren verkauft – auch gebündelt als „Gold Krisenschutzpaket XXL“ für aktuell 112.271,78 €. Vergangenen Winter hatte er dank seines obskuren Interviews mit Dieter Bohlen für Schlagzeilen gesorgt. Bei „Hopf und Kettner“ widmete er sich intensiv dem Geraune um Netanjahu.

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„Es sollte die Menschen wahrscheinlich ein bisschen beruhigen, oder es ist wirklich eine gezielte Desinformationskampagne – beides nicht auszuschließen“, munkelte Kettner im Hinblick auf das Café-Video des israelischen Ministerpräsidenten. „Israel ist sicher im Besitz der besten künstlichen Intelligenz der Welt, wenn es um Videobearbeitung geht. Wenn man dann solche Videos offiziell raushaut, muss man sich wirklich die Frage stellen: Lebt er denn wirklich noch? Oder ist da was dran an den Gerüchten?“

Kettner gab vor, die vermeintlichen KI-Videos genauestens beäugt zu haben. „Mehr als randvoll“ sei die Kaffeetasse gewesen, berichtete er. Netanjahus Bewegung sei derart „unnatürlich, dass hier eigentlich hätte was rauslaufen müssen.“ Auch vonseiten der Technik fühlte er sich bestätigt. So habe „die KI“ bestätigt, dass das Kaffeehaus-Video wie zuvor bereits die Aufnahme von der Pressekonferenz „zu hundert Prozent ein Deepfake“ sei. Der Iran habe schon reagiert. „Falls“ Netanjahu noch lebe, sei er dessen Hauptziel.

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Neben dem Edelmetall-Händler gab sich Philip Hopf abwägend. „Wir sind keine Kriegsexperten, wir sehen keine Live-Bilder“, erklärte er gleich zu Beginn kleinlaut. „Ich kenne mich nicht aus. Ich bin kein Kriegsstratege, aber er muss ja die Most-Wanted-Person sein.“ Netanjahus Video auf einer Aussichtsplattform irritierte ihn, immerhin seien Regierungschefs der Kriegsparteien „immer die Primärziele“. „Läuft eine Person dann wirklich im Freien in der Gegend herum, wo es doch theoretisch möglich ist, dass irgendeiner die Position preisgibt?“, fragte er rhetorisch, ganz so als gäbe es nicht etwa unzählige Außenaufnahmen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus den vergangenen vier Jahren.

Wir sind an einem absoluten Eskalationspunkt angelangt – wenn wir diesen Informationen glauben dürfen

Unterdessen schwadronierte Kettner weiter aus der „Gerüchteküche“. Es heiße, der Iran könnte die Westküste der Vereinigten Staaten angreifen. Der frühere Käufer des World Trade Centers von New York habe „jetzt“ in Los Angeles einen Tower gekauft. „Die Gerüchte sagen eben, dass es zwei Wochen passierte, bevor dort ein Flieger einschlug. Jetzt könnte man entsprechend ausgehen, wenn das dieselbe Abfolge wie bei 9/11 hätte, dass so etwas womöglich wieder passiert. Es gibt in alle Richtungen derzeit Gerüchte“, spekulierte der Goldhändler.

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Dabei lassen sich die meisten seiner Behauptungen vergleichsweise schnell entkräften. Tatsächlich hatte der mittlerweile 94 Jahre alte Investor Larry Silverstein mit seiner Immobiliengesellschaft „Silverstein Properties“ das World Trade Center wenige Wochen vor den Terroranschlägen übernommen und später den Bau des 7 World Trade Center in Auftrag gegeben. Es stimmt ebenfalls, dass dem Unternehmen der US Bank Tower gehört. Doch Silverstein erwarb den Wolkenkratzer im Finanzviertel von Los Angeles für 430 Millionen Dollar bereits im Sommer 2020.

Ein möglicher Anschlag durch die Terrororganisation Al-Qaida hätte 2002 auf den US Bank Tower stattfinden sollen, konnte aber vereitelt werden, wie US-Präsident George W. Bush später berichtete. Eine erfolgreiche Attacke auf das Gebäude hat es nur in der Fiktion gegeben. Schon 1996 hatten Aliens den US Bank Tower in Roland Emmerichs Film „Independence Day“ dem Erdboden gleichgemacht.

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Kettner baute weiter auf Hörensagen. „Donald Trump steht scheinbar alleine da. Nicht mal Friedrich Merz schickt die Kriegsschiffe. Zeitgleich wird Propaganda auf höchstem Niveau betrieben mit falschen KI-Videos von irgendwelchen Präsidenten.“ Tucker Carlson habe gesagt, dass die USA womöglich Atomwaffen einsetzen werden. „Die gefährlichste Frage des großen Kriegs ist eigentlich: Werden die USA oder Israel auf den roten Knopf drücken?“, fragte er alarmistisch. „Wir sind an einem absoluten Eskalationspunkt angelangt – wenn wir diesen Informationen glauben dürfen.“ Ja, wenn.

Vergangene Ausgabe des ‚Podcast-Radar‘: „Die Menschen in Deutschland ziehen sich in ihre ‚Schützengräben‘ zurück“

Source: welt.de

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