Das Rentenalter ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich stärker gestiegen als die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen, die in diesem Zeitraum aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor.
Demnach hatten Menschen, die zwischen 2022 und 2024 das Alter von 65 erreichten, im Durchschnitt Aussicht auf 19,4 weitere Lebensjahre. Diese Zahl lag nach einigen Schwankungen im Mittel der Jahre 2022 bis 2024 auf demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor. Das gesetzliche Alter für eine abschlagsfreie Rente ist hingegen seit 2012 um mehr als ein Jahr angehoben worden – eine Folge der 2007 beschlossenen Anhebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre.
Auch der tatsächliche Rentenstart verschob sich den Regierungsangaben zufolge innerhalb von zehn Jahren um gut 1,3 Jahre nach hinten. Die Angaben widersprechen damit der von mehreren Politikerinnen und Politikern der Bundesregierung geäußerten Mahnung, die durchschnittliche Lebensarbeitszeit der Menschen in Deutschland müsse angesichts einer immer weiter steigenden Lebenserwartung ebenfalls verlängert werden.
Rente mit 67 wird bis 2030 vollzogen – Lebenserwartung steigt um ein Jahr
Die Linken-Abgeordnete Sarah Vollath, die die Anfrage gestellt hatte, bezog sich ebenfalls auf entsprechende Forderungen, wie sie etwa Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erhoben hatte. Diese hatte im September mit Blick auf ein Papier aus dem Kreis ihrer Berater gesagt, „dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen“.
Vollath entgegnete mit Verweis auf die Zahlen: „Das stimmt einfach nicht. Die Lebenserwartung stagniert. Gleichzeitig steigt die Regelaltersgrenze schon jetzt immer wieder an.“ Zwischen 2012 und 2030 würde die Regelaltersgrenze „ungefähr doppelt so schnell wie die Lebenserwartung“ steigen, sagte sie und bezog sich damit ebenfalls auf Angaben der Bundesregierung.
Demnach wird erwartet, dass die Lebenserwartung bis 2030 für Männer um ein Jahr und für Frauen um acht Monate steigt. Das gesetzliche Rentenalter wird jedoch – als Folge der Reform von 2007 – zwischen 2012 und 2030 um zwei Jahre erhöht. Den Regierungsangaben zufolge wird es noch etwa zwei Jahrzehnte dauern, bis die nach Renteneintritt durchschnittlich zu erwartende verbliebene Lebensdauer sich gegenüber dem Stand von 2012 ebenfalls um zwei Jahre erhöht hat: Dies wird für Männer zwischen 2035 und 2056 und für Frauen zwischen 2039 und 2069 erwartet. Erst danach wird der Effekt aus der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre hinter den Anstieg der Lebenserwartung zurückfallen.
Schwarz-Rot sieht Lebensarbeitszeit als maßgeblichen Faktor
Die Bundesregierung hatte die Finanzierung des aktuellen Rentenniveaus im vergangenen Herbst bis 2031 verlängert. Angesichts der demografischen Lage handelt es sich dabei jedoch nur um eine Übergangslösung, während die Rentenkassen auch weiterhin mit Zuschüssen von mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr aus dem Bundeshaushalt subventioniert werden müssen.
Um die Finanzierung zu sichern, will die Bundesregierung daher noch in dieser Legislaturperiode eine weitere Rentenreform beschließen. Im Sommer soll eine Kommission Vorschläge dazu präsentieren. Innerhalb des Gremiums wird auch eine Anhebung des Rentenalters über die bislang geltenden 67 Jahre hinaus diskutiert.
Mehrere Regierungspolitiker, darunter Kanzler Friedrich Merz (CDU), wollen sich jedoch nicht auf ein neues, höheres Regelalter festlegen, sondern favorisieren eine Umstellung des Modells mit Fokus auf die Lebensarbeitszeit. Der abschlagsfreie Renteneintritt soll demnach davon abhängen, wie viele Jahre jemand gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt hat. Aus einem späteren Eintritt ins Erwerbsleben, wie es vor allem bei Akademikerinnen und Akademikern der Fall ist, würde sich dann ein späterer Renteneintritt ergeben.
Rentenbezugsdauer seit 1980 um sieben Jahre erhöht
Die Begründung einer faktischen Anhebung des Rentenalters mit der steigenden Lebenserwartung wäre dann zweitrangig. Im Langzeittrend ist die Antwort der Bundesregierung auf die Linken-Anfrage, wonach die Lebenserwartung derzeit langsamer steigt als das Rentenalter, ohnehin nur eine Momentaufnahme.
Denn während sich die Rentenbezugsdauer im Mittelwert der Jahre 2022 bis 2024 mit 19,4 Jahren zwar nicht von dem Wert zehn Jahre zuvor unterscheidet, ist sie um etwa sieben Jahre länger als mehrere Jahrzehnte zuvor: Frauen, die 1980 in Rente gingen, konnten damals mit 13,8 verbliebenen Lebensjahren rechnen, Männer mit elf Jahren.