Streamingdienste lockten ursprünglich mit billigen Angeboten. Wer zu lange dort bleibt, macht sich abhängig. Trotzdem lohnt es sich, Musik-Streaming hinter sich zu lassen und wieder richtig hinzuhören. Wer bewusst Musik hört, hört anders
Schnipp und weg!
Illustration: der Freitag
Im Herbst vergangenen Jahres rechnete ich nach: 132 Euro. So viel kostete mich mein Apple Music Streaming-Abo jedes Jahr. Plus 168 Euro für das Netflix-Abo. Das sind überraschend genau 300 Euro. 300 Euro im Jahr, wofür?
Dafür, dass ich abends auf dem Sofa liege und aus Gewohnheit eine mittelmäßig spannende Serie im Hintergrund läuft, während ich stricke oder mich mit meinem Partner über Spannenderes unterhalte? Oder dass die Musik die U-Bahn auf dem Arbeitsweg übertönt, während ich Zeitung lese? Niemals würde ich so viel Geld für CDs oder DVDs ausgeben.
Meine Entscheidung, die Abos zu kündigen, war also eine finanzielle und hatte nichts damit zu tun, dass ich plötzlich mein analoges Selbst entdeckt hatte – ich lade immer noch digitale Musik runter, nur eben wieder wie früher über iTunes, indem ich eine digitale Kopie des Songs kaufe, den ich hören möchte. Und trotzdem, auch wenn ich nicht den alten CD-Player wieder rausgeholt habe und meine Samstagnachmittage in Plattenläden verbringe: Mein Hörverhalten hat sich verändert.
Aus einem einfachen Klick, um einen Song, den ich zufällig gehört hatte, in eine Playlist zu verfrachten, ihn dann zwei Wochen gut zu finden und danach nie wieder zu hören, überlege ich jetzt teilweise wirklich mehrere Tage, ob ich sicher bin, dass ich den Song in drei Monaten immer noch hören möchte.
Immerhin kostet ein Song auf iTunes inzwischen 1,29 Euro, ein Album mit 10,99 genau so viel, wie der Monat Apple Music. Was aber immer noch weniger ist, als ein Monat auf Spotify. Dabei war der Reiz doch mal, dass es billiger für uns ist, eine riesige Musik-Mediathek im Abo „zu mieten“, statt sie uns Stück für Stück selbst kaufen zu müssen.
Streaming macht aus Musik Hintergrundrauschen
Gecatcht hatte mich das Streaming-Abo vor über zehn Jahren mit einem unwiderstehlich guten Studi-Preis. Für fünf Euro im Monat alles hören, was Apple zu bieten hat, plus AppleTV. Das war ein wirklich guter Deal, denn mehr als 60 Euro gab ich schon damals sicherlich jährlich für Musik aus.
Die Intention dahinter ging für Apple voll auf: Ich und viele andere schlossen das Abo ab und Apple hatte uns am Haken. Denn die Plattformen müssen einen nur einmal mit einem billigen Angebot locken. Sobald man einmal an der Schnur hängt, kommt man nicht mehr los. Ich konnte alles hören, was ich wollte, aber nur so lange, ich weiter brav bezahlte.
Je länger man dort ist, desto stärker wird die Abhängigkeit, denn desto weniger der Musik, die man hört, besitzt man tatsächlich noch als Kopie. Als ich das Abo kündigte, gingen also knapp zehn Jahre meines musikalischen Lebens drauf. Angefangen bei einigen Klassik-Alben, über meine Beatles-Phase und Rock-Playlisten, bis hin zu K-Pop aus den 10er-Jahren, der inzwischen schon beinahe wieder cool weil retro ist.
Das Abo zu kündigen bedeutete also auch, mir einzugestehen, sehr viel Geld in den Sand gesetzt zu haben. Denn am Ende blieb von den zehn Jahren Apple Music für mich davon nichts.
Aus Nostalgie spielte ich Lana Del Reys „Born to Die“
Bei einer genaueren Durchsicht über das, was sich so in den Jahren angesammelt hatte, merkte ich allerdings schnell: Die Songs und Alben, die mir wirklich wichtig waren, sind gar nicht so viele und ich würde nicht einmal ein ganzes Jahr Apple Music zahlen müssen, um sie zu ersetzen.
Als dann alles plötzlich weg war, tauchten in meiner Musik-App ganz oben die Alben wieder auf, die ich noch „richtig“ gehört hatte, bevor das mit dem Streaming losging. Aus Nostalgie spielte ich Lana Del Reys „Born to Die“ ab und merkte, wie anders ich damals noch Musik gehört hatte.
Jeder Akkord, jedes Wort, jede ironische Liedzeile war mir so vertraut, als hätte ich es das letzte Mal gestern und nicht vor Jahren gehört. Dieses Gefühl, so richtig in Musik versinken zu können, hatte ich während der ganzen Jahre mit Streaming-Abo kaum noch, plötzlich war es wieder da.
Seit ich mich wieder nur noch bewusst und sehr selektiv dafür entscheide, welche Musik es mir wert ist, sie zu kaufen, tauchen diese Momente immer wieder auf. Allerdings nicht in der U-Bahn, sondern zu Hause im Wohnzimmer und hoffentlich bald wieder auf der Wiese im Park. Fürs Hören neben dem Zeitungslesen in der U-Bahn ist mir vieles davon inzwischen einfach zu schade.