Lars Wagner: Airbus’ neue Nummer zwei

Die Schnupperphase ist vorbei, seit Anfang Januar verantwortet Lars Wagner das Zivilflugzeuggeschäft von Airbus. Es ist die mit Abstand größte und profitabelste Sparte des französisch-deutsch-spanischen Luft- und Raumfahrtkonzerns. Zwei Monate lang hat Wagner seinem Vorgänger Christian Scherer zuvor über die Schulter geschaut, nachdem er bis Ende August den Münchner Triebwerkshersteller MTU geleitet hatte.

Es waren zwei Monate, in denen eine Softwarepanne und Produktionsfehler an der Rumpfverkleidung von A320-Flugzeugen die in Toulouse ansässige Airbus-Führung mächtig auf Trab hielten. Allein an einem Tag lösten sich rund 16 Milliarden Euro an Börsenwert in Luft auf.

Das so wichtige Auslieferungsziel musste Airbus wieder einmal senken, von rund 820 auf 790; traditionell fließt im Flugzeugbau erst bei der Übergabe der Großteil des Kaufpreises. Das Vor-Corona-Niveau von 863 Auslieferungen liegt nach wie vor in weiter Ferne.

Gewaltige Herausforderungen

Für Wagner, Jahrgang 1975, ist der Wechsel zu Airbus ein Karrieresprung. Doch die jüngsten Qualitätsmängel zeigen, wie viel Verantwortung als Nummer zwei des Weltmarktführers im Zivilflugzeugbau nun auf seinen Schultern lastet.

Anders als der leidgeplagte Erzrivale Boeing steht Airbus finanziell solide da. Der Aktienkurs hat den jüngsten Einbruch wettgemacht, der Börsenwert notiert mit knapp 170 Milliarden Euro wieder in Rekordsphären, die Zivilflugzeugaufträge übertreffen die Jahresproduktion um knapp das Elffache.

Doch die Herausforderungen sind gewaltig: Wagners Sparte muss Fluggesellschaften auf der ganzen Welt bei Laune halten, die seit Ende der Corona-Pandemie in historischem Maße neue Flugzeuge bestellen und das zu langsame Auslieferungstempo beklagen.

Er muss den immer wieder von Lieferkettenstörungen gestörten Produktionshochlauf organisieren, neue Aufträge an Land ziehen und weitere Verzögerungen bei der Indienststellung des Frachtfliegers A350F abwenden. Und nebenbei muss er noch wichtige Zukunftsprojekte mitverantworten wie die Nachfolge der A320-Baureihe, die in der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre auf den Markt kommen soll.

Bemerkenswerte Leistung

Was Wagners Amtszeit bei MTU angeht, muss sie gemessen am Aktienkurs als erfolgreich gewertet werden. Zu seinem Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender lag der Aktienkurs am 1. Januar 2023 bei 202 Euro und zu seinem Abschied am 1. September 2025 bei 371 Euro. Inzwischen notiert die MTU-Aktie bei 382 Euro. Auch dieser Anstieg ist dem Wirken Wagners mehr zu verdanken als seinem Nachfolger Johannes Bussmann, der erst seit wenigen Monaten das Zepter bei dem Triebwerkshersteller schwingt.

Die gute Kursperformance hat Wagner als MTU-Vorstandsvorsitzender mit höheren Umsätzen und Gewinnen unterlegen können. Für das zurückliegende Geschäftsjahr prognostizierte der Vorstand noch unter seiner Führung einen Anstieg des Umsatzes auf 8,6 bis 8,8 Milliarden Euro, was einem Anstieg um mindestens 15 Prozent im Vergleich zu 2024 entspräche. Der Betriebsgewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll im mittleren 20-Prozent-Bereich zulegen, womit er auf 1,3 Milliarden Euro steigen dürfte.

Was die Leistung Wagners so bemerkenswert macht, ist der Gegenwind, dem er als Vorstandschef ausgesetzt war. Sein erstes von ihm verantwortetes Geschäftsjahr war geprägt von den fehlerhaften Bauteilen des amerikanischen Partnerunternehmens Pratt & Whitney für sogenannte Getriebefan-Triebwerke.

Die Aussichten sehen weitere Bestwerte vor

Die Belastungen für die Rückrufaktion sorgten für den ersten Verlust in der 90 Jahre langen Geschichte von MTU. Ohne die Belastungen wäre 2023 der Gewinn nach Steuern um ein Viertel auf 594 Millionen Euro gestiegen – statt eines Verlustes von 87 Millionen Euro.

Auf der Pressekonferenz sprach Wagner von einem Jahr der Gegensätze. Er trug die „Triebwerkschäden“ stets mit Fassung, ohne auf den langjährigen Partner Pratt & Whitney verbal einzudreschen. Für ihn war es wichtiger, dass die langjährigen Beziehungen zwischen Unternehmen der Luftfahrtbranche keinen Schaden nehmen. Die rasche operative Wende zeigte, dass es der richtige Kurs war. Das Geschäftsjahr 2024 schloss MTU mit Umsatz- und Gewinnrekorden ab.

Die Aussichten sehen weitere Bestwerte vor. Das zeigen die Aufträge, die Wagner als MTU-Chef auf der zurückliegenden Luftfahrtmesse in Paris einsammeln konnte. Diese erreichten mit 1,75 Milliarden Euro ein Rekordniveau. Bis zum Jahr 2023, so lange läuft die Bestellung von Wagners Nachfolger Bussmann an der Vorstandsspitze, soll der Umsatz 13 bis 14 Milliarden Euro betragen. Zum Vergleich: In Wagners erstem Jahr als Vorstandschef lag der Umsatz noch bei 6,3 Milliarden Euro.

Karriere bei Airbus

Wagner ist im Airbus-Vorstand einer von drei Deutschen neben dem Finanzchef Thomas Toepfer und dem Rüstungschef Michael Schoellhorn. Ein Neuling im Konzern ist er nicht. Der gebürtige Cuxhavener, der nach eigenen Angaben einst Pilot werden wollte, absolvierte bei Airbus in Bremen nicht nur eine Ausbildung zum Fluggerätebauer.

Auch kehrte er nach dem anschließenden Studium im Maschinenbau und der Luft- und Raumfahrttechnik in Aachen, London und am MIT in den USA sowie einem Master of Business Administration in Paris zurück zu Airbus. Schon damals arbeitete er in leitenden Funktionen in Bremen, Hamburg und Toulouse. Vor seinem Wechsel zu MTU war er mitverantwortlich für den Rumpf des Großraumflugzeugs A350.

Allzu sehr erst wieder an Airbus gewöhnen muss sich Wagner, der in seiner Freizeit joggt, aber auch nicht, da MTU im Konsortium Triebwerke für die A320 und Militärflieger wie den Eurofighter liefert. Auch sprachlich und kulturell ist er mit seinem neuen Wohnsitz Toulouse vertraut.

Er spricht Französisch und arbeitete als MTU-Chef im Rüstungsprojekt FCAS eng mit dem französischen Triebwerkshersteller Safran zusammen. Kontakte ins Nachbarland hat Wagner in den vergangenen Jahren gepflegt. Ende 2023 präsentierte er im Deutsch-Französischen Wirtschaftsclub (CEFA) in Paris seine Vorstellung von innovativen Luftfahrtantrieben der Zukunft.

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