Herr Eidinger, während der Proben zu „Der Geizige“ wurden Sie von Juergen Teller porträtiert. Sehen Sie sich selbst oder die Figur des Harpagon, wenn Sie das Foto betrachten?
Ich habe ehrlich gesagt sofort eine Antwort auf Ihre Frage, überlege nur, ob ich sie teile. Ich sehe auf dem Bild nämlich zuerst meinen Vater. Daher rührt auch diese Maskerade, die ich da trage. Juergen lebt ja in London und schrieb mir, dass er sehr gern mit seiner Frau Dovile nach Berlin kommen würde, um sich „Richard III.“ anzusehen. Ich habe ihn dann gefragt, ob er er interessiert wäre, mich bei der Gelegenheit im Kostüm vom Geizigen auf der Probebühne zu fotografieren, weil ich mich da zumindest vordergründig an meinem Vater abarbeite.
Lebt Ihr Vater noch?
Ja, aber ich hatte im Keller von Juergens Londoner Haus mal ein Foto gesehen, auf dem er nackt am Grab seines Vaters steht, ein Fuß auf einem Fußball, in der Hand eine Bierflasche. Ich weiß, dass Juergen sich ebenfalls sehr an der Beziehung zu seinem Vater abarbeitet, und dachte, es wäre schön, wenn er das jetzt festhalten würde. Ich sehe auf dem Foto also zuerst meinen Vater, aber die sehr viel interessantere Frage ist eigentlich: Inwieweit bin ich selbst anwesend, wenn ich meinen Vater porträtiere?
Sie meinen: Wie viel von Ihrem Vater in Ihnen selber steckt?
Und wie viel meinen eigenen Charakter ausmacht, genau. Es gibt ja dieses schöne Zitat von Bertolt Brecht: „Die Situationen sind die Mütter der Menschen.“ Daran glaube ich eigentlich. Es ist das Verhalten in gewissen Situationen, das uns charakterisiert, und da gibt es auf jeden Fall Parallelen zwischen meinem Vater und mir und Parallelen zwischen meinem Vater und mir und dem Geizigen. Es ist dieses Wechselspiel, das mich interessiert.
Ich sehe auf dem Foto einen erschöpften, in sich gekehrten Menschen.
Juergen hat mir nach dem Shooting insgesamt drei Bilder geschickt, die ich alle gelungen finde, aber es ist genau dieses Foto, das mich am meisten fasziniert. Ich kann mich gar nicht erinnern, diese Haltung eingenommen zu haben. Sie erinnert an die Embryonalstellung, die ja auch entsteht, wenn Leute ins Handy gucken. Es hat etwas Autistisches, aber auch etwas vom Zurücksehnen in den Mutterleib, vom In-Geborgenheit-Gehen oder von einer Form des Eskapismus, bei der man sich zusammenrollt und schützt.
Was zeigt das Bild von Molières Figur?
Harpagon ist ja eher ein Typus, die Verkörperung des Geizes, wobei das Stück wörtlich übersetzt eigentlich „Der Gierige“ heißen müsste. „Geiz“ finde ich auch einen eher verbrauchten, fast schon phrasenhaften Begriff.
„Geiz ist geil“, ein Werbeslogan, der Anfang der 2000er Konjunktur hatte.
Ja, furchtbar. Eine Todsünde als geil zu titulieren, war natürlich eine kalkulierte Provokation, aber was ich meine, ist fehlende Großzügigkeit. Das ist etwas, womit ich mehr anfangen kann. Es hat etwas Zwanghaftes, Pedantisches, Kleingeistiges und Enges – etwas, das ich an mir selbst beobachte oder bekämpfe.
Etwas Enges?
Ja, das Zwanghafte. Ich habe mich ein bisschen belesen, was eigentlich mit analer und oraler Phase gemeint ist. Das sind Begriffe, von denen jeder eine Vorstellung hat, aber weil es beim Geiz ja auch um eine anale Fixierung geht, wollte ich das mal genau verstehen. In der oralen Phase will man erst mal alles verinnerlichen – die Brust der Mutter, die Milch, den Daumen, den Legostein. In der analen Phase geht dann mit dem Ausscheiden die Erkenntnis einher, dass wir unabhängige Wesen sind. Auch autistisches Verhalten rührt ja daher, dass diese Kinder oder Menschen die Befürchtung haben, dass sie auseinanderfliegen, dass sie nichts zusammenhält. Deshalb halten die an bestimmten Sachen fest, bohren sich den Bauklotz so doll in den Magen. Das meine ich mit dem Zwanghaften. Es richtet sich gegen dieses Gefühl des fehlenden Halts oder des Auseinanderfliegens.
Wenn Sie vom Gefühl des Sich-Verlierens und Auseinanderfliegens sprechen, denke ich an all die vielen verschiedenen Dinge, die Sie machen: Theater, Film und Fernsehen, außerdem fotografieren Sie und legen als DJ Platten auf. Haben Sie gerade sich selbst beschrieben?
Wahrscheinlich. Ich habe es schon immer so empfunden, dass es auch eine Bürde ist, so in die Welt geworfen zu sein. Dass es immer die Sehnsucht gibt, dorthin zurückzukehren, woher man kommt. Das ist auch wieder Freud, oder? Also der Todestrieb und die Sehnsucht, wieder ins Nichts zurückzukehren. „Weltschmerz“ ist ebenfalls ein Begriff, mit dem ich viel anfangen kann. Er meint ja nichts anderes als das Verzweifeln an der Unzulänglichkeit der Welt oder an dem, was man sich von der Welt verspricht. Ich sehe darin aber nichts Fatalistisches, sondern erlebe es als ein Gefühl, das einen durchs Leben trägt und ein großes Potential hat, daraus künstlerisch zu schöpfen. Meine ganze Motivation, mich künstlerisch auszudrücken, rührt daher und ist der Versuch, gegen dieses Auseinanderfliegen und das Verlorensein in der Welt anzugehen.
In Molières 1668 uraufgeführtem Stück fühlt sich Harpagon verloren, als sein im Garten vergrabener Goldschatz gestohlen wird. Womit verdient er im April 2026 sein Geld?
Erst gab es die Idee, das Stück in einer Autowerkstatt spielen zu lassen, um es auf so was Kleinbürgerliches oder Proletarisches runterzubrechen. Aber jetzt spielt es in einem Autohaus. Ich mag den Begriff „Autohaus“ als Verweis auf die Welt. Als wäre unsere Welt ein Autohaus, was ja auch so ist, wenn man sich unser von Straßen geprägtes Stadtbild ansieht. Ich habe das Deutschlandticket und fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber in meiner Kindheit und in meiner Familie haben Autos immer eine große Rolle gespielt. Es war für mich eine wichtige Emanzipation, mich von den Autos zu befreien, und ich fand an Molières Stück sehr interessant, dass sich da jemand für das Geld, also für das Tote, und gegen die Beziehung zu anderen Menschen entscheidet. Das ist ja etwas, was uns in unserer überfressenen Zeit, in der Konsumschlacht des Kapitalismus täglich begegnet.
Ist Theater Teil einer Kultur des Überflusses?
Finde ich nicht. Da müsste man schon das ganze System infrage stellen, was durchaus legitim wäre. Aber es ist ja eine Errungenschaft unserer Kultur, dass jeder Theater schauen kann und darf. Das Theater ist der Dinosaurier unter den Künsten. Man macht sich ja etwas vor, wenn man behauptet, die Dinosaurier seien relativ schnell ausgestorben und dann kam der Mensch. Es war genau umgekehrt: Es gab immer nur Dinosaurier, und ganz am Ende, kurz bevor die Welt unterging, gab es mal kurz den Menschen. So wird es auch mit dem Theater sein. Theater wird es immer geben. Die Leute gieren danach und haben eine große Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit, die das Theater bietet. Das sehe ich ja auch an unserem Haus, wo jede Vorstellung, die ich von „Hamlet“ oder „Richard III.“ spiele, nach zwei Minuten ausverkauft ist.
Offenbar konnte die Insolvenz der Schaubühne, die Ende 2024 nach Ankündigung der Kürzungen im Berliner Kulturhaushalt befürchtet wurde, abgewendet werden. Was meint Ihr Intendant Thomas Ostermeier, wenn er in einem Interview sagt, das Kapital habe Berlin übernommen?
Das stand im „Tagesspiegel“, oder? Konnte ich leider nicht lesen, weil der Artikel verschlüsselt war. Das würde ich aber auch gern wissen, was er damit meint. Es ist natürlich schon bitter, dass wir aufgrund der Sparzwänge unser Studiotheater zumachen mussten, vor allem weil die neue Schaubühne ja aus dem Studio des Deutschen Theaters, der Baracke, hervorgegangen ist.
Sie sind seit 1999 Ensemblemitglied. Wie hat sich der Spirit am Haus im Laufe der Zeit verändert?
Natürlich hat sich viel verändert. Am Anfang war es für mich schwer, mich damit abzufinden, dass dieses Ideal von Mitbestimmung, von transparenten Gagen und einer Besetzungsgleichheit sehr schnell zu einer Utopie wurde. Wir waren damit angetreten, eine Gesellschaft in der Gesellschaft zu gründen – mit eigenen Regeln und Idealen. Aber es ist ähnlich wie in einer Zweierbeziehung: Wenn man es in der kleinsten sozialen Zelle schon nicht schafft, wie soll es dann gelingen, die Gesellschaft zu verändern? Dass wir es an der Schaubühne nicht hingekriegt haben, war eine große Enttäuschung. Trotzdem bin ich jetzt seit 27 Jahren durchgehend hier. Ich kann mich an die ersten Jahre gut erinnern, wo es schon in der zweiten Vorstellung nur noch halb voll war und man die Stücke nach fünf oder maximal fünfzehn Vorstellungen absetzen musste, weil niemand mehr kam.
„Der Geizige“ ist Ihre erste Zusammenarbeit mit Ostermeier als Regisseur seit „Richard III.“ vor mehr als zehn Jahren. Wie hat sich Ihr Verhältnis entwickelt?
Als Student habe ich meinen Abschluss genau in dem Jahr gemacht, in dem Thomas die Schaubühne übernahm, und ich wollte unbedingt hier ans Haus. Dann hat es aber zwei Jahre gedauert, bis ich überhaupt mit Thomas gearbeitet habe. In Thomas’ Inszenierung von „Woyzeck“ war ich 2003 der, der Woyzeck das Messer verkauft, und hatte nur vier Sätze. Natürlich ist es immer schwierig, wenn sich der Status in einer Beziehung verändert und ein vielversprechendes Talent plötzlich zu einem erfolgreichen Schauspieler wird. Wenn ein junger Schauspieler auf der Bühne sagt, „das würde ich anders machen wollen“, ist es einigermaßen beeindruckend, dass er überhaupt den Mut aufbringt. Aber wenn man einen Status besitzt, wie ich ihn inzwischen genieße, hat dieser Satz eine andere Wirkung. Das ist etwas, das mir in der Beziehung zu Thomas heute eher im Weg steht.
Können Sie Ihren Status gar nicht genießen?
Ob die Leute mir das glauben oder nicht: Ich kann mit den Begrifflichkeiten von Ruhm, Erfolg und Starstatus überhaupt nichts anfangen. Diese Dinge sind für mich völlig ungreifbar. Wenn mich Leute in der S-Bahn ansprechen und sagen, „Ach so, heute mal ohne Chauffeur unterwegs?“, merke ich, dass das eher das Problem der Leute ist, die sich ein völlig falsches Bild von meinem Alltag machen. Ich lebe weder in einer Villa in Zehlendorf, noch fahre ich mit einem Chauffeur durch die Gegend oder habe eine Million auf dem Konto.
Oder wie Harpagon im Garten vergraben.
Wenn die Leute sich das vorstellen, hat das viel mehr mit ihnen selbst und einer Form von Sozialneid zu tun. Ich selbst erlebe das gar nicht so und profitiere auch nicht davon.
Wahrscheinlich müssen Sie sich noch mehr mit dem Neid anderer auseinandersetzen, wenn Sie demnächst in dem „Superman“-Sequel „Man of Tomorrow“ spielen. Welche Phantasien hat der Anruf aus Hollywood in Ihnen freigesetzt?
Erst mal ist das für mich noch immer unfassbar, da bin ich ganz ehrlich. Es hat etwas Unwirkliches bis zu dem Moment, in dem ich mich ins Flugzeug setze und nach Atlanta fliege, um zu drehen. Meine bisherige Erfahrung mit der Arbeit in Amerika ist, dass sie dort nicht „auch nur mit Wasser kochen“, wie man bei uns gern sagt. Das stimmt einfach nicht. Die kochen dort mit Coca-Cola.
Dem schwarzen Gold Amerikas.
Ich meine das ganz ernst. Die arbeiten anders und sind uns um Vieles voraus, was die Qualität der Arbeit betrifft. Im Grunde ist es natürlich auch die Erfüllung einer Sehnsucht, die ich sowieso immer in mir getragen habe, und die, das schwöre ich Ihnen, jeder Schauspieler, jede Schauspielerin in sich trägt. Die Traumfabrik Hollywood ist nun mal ein Sehnsuchtsort, und wer würde behaupten, sich nicht schon mal den Moment vorgestellt zu haben, einen Oscar in der Hand zu halten?
Ist ein „Superman“-Blockbuster nicht eher Konsum- als Kunstprodukt?
Das würde ich nicht so sagen. Es ist es eben die Art, wie wir sozialisiert sind. Vielleicht gibt es Leute, die sich davon komplett frei machen können, aber ich kann es nicht. Ich bin ein Kind der Achtziger, ich bin mit der Popkultur groß geworden, und es war schon damals eine Inspiration und Motivation zu sagen: „Mir reicht es nicht, in meinem Kinderzimmer aufs ‚Bravo‘-Poster zu schauen. Ich will selbst aufs ‚Bravo‘-Poster.“ Ich würde allerdings auch tausend Euro dafür bezahlen, dass ich drei Stunden als Hamlet auf der Bühne stehen darf.
Wenn man gegen die Vergänglichkeit schon nicht wie Harpagon durch Gier ankämpfen kann, kann man dann wenigstens gegen sie anspielen?
Nein, da halte ich es eher mit Karl Lagerfeld und sage: „Ich will einfach vergessen werden.“ Ist mir doch egal, was nach meinem Tod ist. Ich würde es sogar eher umgekehrt sagen: Ich würde nicht gegen die Vergänglichkeit anspielen, sondern für sie spielen. Das Schönste am Leben ist doch, dass es endlich ist. Aber man sollte sich Zeit ohnehin als Punkt vorstellen, nicht als Linie. Dann gibt es sowas wie Vergänglichkeit gar nicht und du lebst unendlich. Dann geht es nur um das Momentum, und das ist es ja, was das Theater kultiviert und zelebriert.
Dennoch die Frage, die in der aktuellen Spielzeit über dem Eingang der Schaubühne steht: „Wie soll das alles weitergehen?“
Ich würde darauf mit einem Meme antworten, das ich während der Corona-Pandemie mal im Internet gesehen habe. Da unterhält sich Robert Smith von The Cure mit David Bowie und sagt: „Ich wünschte, die Pandemie wäre vorbei.“ Und Bowie sagt: „Wieso, du fandest es doch vorher auch schon Scheiße.“ Ich mag außerdem Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“, in dem es heißt: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“. Aber die finsteren Zeiten, die herrschen immer. Da muss man sich gar nichts vormachen. Die Herausforderung besteht darin, ihnen zu begegnen.
Jede Generation auf eigene Weise, obwohl ein Alter Meister wie Moliére auch uns Heutige direkt anzusprechen scheint.
Ja, ich finde es schon wichtig, dass man am Ende bei sich ankommt. Theater ist der Versuch, in etwas Fremdes zu gehen, um bei sich anzukommen. Deshalb ist „Der Geizige“ auch alles andere, als eine Abrechnung mit meinem Vater, selbst wenn ich ihn benutze, um etwas zu erzählen. Wenn überhaupt, dann geht es um eine Abrechnung mit mir selbst und um die Hoffnung, eine Ahnung davon zu bekommen, wer ich bin. Es gibt im Stück eine Szene, in der der bestohlene Harpagon sich selbst am Arm packt und sagt: „Hey du, gib mir mein Geld zurück!“ Die Erkenntnis, dass er mit sich selber spricht, ist für mich das zentrale Moment, in dem ich gewissermaßen in den Spiegel schaue und sage: „Das bin ja ich.“
Source: faz.net