Langeweile qua Kreativitäts-Booster: Warum Nichtstun so immens wichtig ist

An einem regnerischen Nachmittag am vergangenen Wochenende wurde aus einem geplanten Programm nichts, und ich hatte keinen spontanen Plan B. Angesichts der Tatsache, dass ich jemand bin, der gerne immer Back-up-Pläne für meine Back-up-Pläne hat, war meine erste Reaktion Panik. Was jetzt? Ich wanderte erstmal ziellos von Zimmer zu Zimmer und räumte mürrisch irgendwelche Sachen weg.

Als ich zum ersten Mal seit Wochen bemerkte, dass die meisten meiner Zimmerpflanzen sich in einem kritischen Zustand befanden, beschloss ich, ihnen einen Wellness-Tag zu gönnen. Ich stellte die schlimmsten Fälle auf eine nach Süden ausgerichtete Fensterbank und entfernte sorgfältig die (vielen) abgestorbenen Blätter. Zur Sicherheit stellte ich eine Triage-Box mit Pflanzendünger, einem Sprühgerät und einer Gießkanne zusammen. Vielleicht habe ich mich sogar dazu hinreißen lassen, auch noch ein „Mittel für schöneren Blätterglanz“ zu bestellen.

Es ist schon komisch, wie wir oft voller Geschäftigkeit und Adrenalin durchs Leben rasen und uns insgeheim nach Ruhe sehnen. Aber wenn sich endlich die Gelegenheit dazu bietet, fühlt es sich irgendwie unangenehm an. Irgendwie vermittelte mir meine botanische Notbehandlung jedoch ein beruhigendes Gefühl von Geborgenheit. Es wurde langsam dunkel, und seltsam selbstzufrieden ersetzte ich fehlende Glühbirnen in verschiedenen Lampen und dämpfte das Licht. Ich döste auf dem Sofa unter einer Heizdecke vor mich hin, hörte halbherzig einem Podcast zu und verbrachte den Rest des Tages in diesem schläfrigen Zustand. Nach dem Abendessen beschloss ich, früh schlafen zu gehen. Ich schlief so gut wie schon lange nicht mehr.

Viele machen lieber irgendetwas als gar nichts

Trotz der spürbaren Vorteile ist meine anfängliche Zurückhaltung, das Tempo zu drosseln, nicht ungewöhnlich. Untersuchungen zeigen, dass Menschen oft unterschätzen, wie sehr sie Untätigkeit genießen werden. Menschen neigen dazu, lieber irgendetwas zu tun, selbst wenn es unangenehm ist, als gar nichts zu wählen. Dies wurde in außergewöhnlichem Maße von Psychologen der Harvard University mit einer Studieerwiesen: Sie zeigte, dass Teilnehmer, wenn sie die Wahl hatten, entweder sechs bis 15 Minuten lang allein mit ihren Gedanken zu sitzen oder sich selbst einen elektrischen Schlag zu verpassen, lieber den Schlag in Kauf nahmen.

Heutzutage gibt es immer etwas, das uns beschäftigt. Wir sind ständig mit allem vernetzt. Man hat das Gefühl, dass das Leben unendliche Möglichkeiten bietet. Wir versuchen, alles in unseren Alltag zu packen

Gabrielle Treanor, Autorin

Warum haben so viele von uns eine Abneigung gegen Untätigkeit? „Es ist nicht einmal eine Abneigung, ich glaube, vielen Menschen kommt es gar nicht in den Sinn“, meint Gabrielle Treanor, Autorin vonThe 1% Wellness Experiment.

„Heutzutage gibt es immer etwas, das uns beschäftigt. Wir sind ständig mit allem vernetzt“, sagt sie. „Daher ergibt sich selten die Gelegenheit, einfach nichts zu tun.“ Die sozialen Medien beispielsweise bombardieren uns ständig mit Ideen für neue Aktivitäten. „Wir lassen uns inspirieren von Möglichkeiten, unser Zuhause zu verschönern, von Orten, die wir besuchen können, oder von neuen Dingen, die wir ausprobieren können. Man hat leicht das Gefühl, dass das Leben unendliche Möglichkeiten bietet. Wir versuchen, alles in unseren Alltag zu packen.“

Nichts tun ist Auslegungssache

Es gibt einen weiteren Faktor: Schuldgefühle – insbesondere darüber, faul zu wirken. Vielbeschäftigt sein bringt zunehmend ein Gefühl von Status und moralischer Überlegenheit. „Viele von uns sind mit dem Sprichwort ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang‘ aufgewachsen“, erklärt Treanor. „Und viele von uns sind sich nur allzu bewusst, was wir zusätzlich tun sollten. Wir versuchen, dem Idealbild eines großartigen Elternteils, eines großartigen Sohnes oder einer großartigen Tochter, eines großartigen Kollegen oder Arbeitgebers, eines großartigen Freundes gerecht zu werden.“ All das zusammen ist ziemlich belastend und macht es unmöglich, sich damit abzufinden, nicht viel zu leisten, selbst wenn es nur für kurze Zeit ist.

Natürlich ist das, was für den einen „nichts tun“ bedeutet, für den anderen ein vollgepackter Nachmittag. Ich habe einen Kollegen, der sich regelmäßig in eine ruhige Ecke zurückzieht, um dort eine Siesta zu halten. Eine Nachbarin dagegen erzählt mir oft, dass sie das Wochenende mit „nicht viel tun“ verbracht hat, bevor sie eine lange Liste von Fitnesskursen, Brunch-Verabredungen und Terminen für die Arbeit aufzählt.

Viele von uns haben einfach Angst vor Langeweile. Sandi Mann ist Psychologin an der University of Lancashire und Autorin des Buches „The Science of Boredom (Die Wissenschaft der Langeweile). Laut ihrer Forschung ist Langeweile keineswegs etwas Schlechtes, sondern kann uns sogar kreativer machen. Eine Gruppe von Studien-Teilnehmern erhielt die monotone Aufgabe, Zahlen aus einem Telefonbuch abzuschreiben. Danach sollten sie sich so viele Verwendungsmöglichkeiten wie möglich für einen Plastikbecher ausdenken. Sie schnitten besser dabei ab als eine Kontrollgruppe. Eine weitere Gruppe erhielt eine noch viel langweiligere Aufgabe, nämlich einfach die Zahlen vorzulesen, und schnitt beim kreativen Brainstorming sogar noch besser ab.

Wenn wir uns langweilen, nichts zu tun haben und das für uns erforderliche Maß an neuronaler Stimulation nicht von außen erhalten, sucht unser Gehirn gewissermaßen intern, in unserem eigenen Geist, danach

Sandi Mann, Psychologin an der University of Lancashire

„Wenn wir uns langweilen, sucht unser Gehirn verzweifelt nach neuronaler Stimulation. Dabei hat jeder Mensch ein anderes Niveau, das für ihn optimal ist“, erklärt Mann. „Wenn wir uns also langweilen, nichts zu tun haben und das für uns erforderliche Maß an neuronaler Stimulation nicht von außen erhalten, sucht unser Gehirn gewissermaßen intern, in unserem eigenen Geist, danach. Deshalb beginnen unsere Gedanken zu wandern und wir träumen. Diese beiden Zustände werden mit Kreativität in Verbindung gebracht.“

Tagträume können Kreativität fördern

Der Grund dafür ist, dass das Gehirn, wenn es abschaltet, Zugang zum Default Mode Network hat. „Es ist nicht wie beim Träumen in der Nacht, aber wir befinden uns in einer Art Halbschlafzustand, der es unserem Gehirn ermöglicht, Verbindungen herzustellen und Ideen zu entwickeln, die es im wachen Zustand nicht hätte entwickeln können“, sagt Mann.

Wenn wir wach und vollkommen rational sind, bestimmt unser kritischer, urteilender Verstand. Oder wie Mann es ausdrückt: „Beim Tagträumen hat man diese Hemmung nicht, diese Stimme im Kopf, die sagt: ‚Sei nicht albern, das ist eine lächerliche Idee!‘ Stattdessen kann unser Kopf frei außerhalb der gewohnten Denkmuster nach Dingen suchen, auf die wir nicht unbedingt kommen würden, wenn wir stärker bewusst vorgehen.“

Mann geht so weit vorzuschlagen, dass wir Aktivitäten in unsere Alltagsroutinen einplanen sollten, die uns erlauben, produktiv unproduktiv zu sein, vor allem, wenn wir ein schwieriges Problem lösen wollen. „Dann braucht man etwas, das möglichst wenig kognitive Kraft verbraucht.“ Ziellos spazierenzugehen ist gut (solange, man den Weg kennt). Oder sich einen Platz zum Liegen suchen und einfach in die Wolken starren. Oder setzen Sie sich irgendwo hin und beobachten Sie einfach, was um Sie herum geschieht.

Sie warnt jedoch davor, sinnlose Beschäftigungen mit achtsamen zu verwechseln. „Fernsehen oder online zu scrollen fördert nicht die Kreativität. Ganz im Gegenteil. Das beschäftigt das Gehirn und verhindert Tagträume. Ähnlich verhält es sich mit Schreiben, Kritzeln oder Zeichnen: Diese Aktivitäten nehmen immer noch etwas kognitive Arbeit ein. Sitzen Sie dagegen in einer wirklich langweiligen Arbeitsbesprechung, wäre es eine gute Idee, die drei letzten Aktivitäten auszuprobieren.“

Antizipierte Zeit und unerwarteter Leerlauf

Ach ja, die Arbeit. Das ist ein Gebiet, in dem es offensichtlich eine schlechte Idee ist, nichts zu tun. Karoline Schubert von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat die Auswirkungen von Arbeitsleerzeiten im Unternehmen untersucht. Sie zitiert US-amerikanische Forschung, die zeigt, dass durchschnittliche Mitarbeiter mehr als ein Fünftel der Arbeitszeit auf Aufgaben warten. Das kann von einem Call-Center-Mitarbeiter reichen, der darauf wartet, dass das Telefon klingelt, bis zu jemandem, der sich einloggen will und darauf warten muss, dass ein Computer-Update geladen ist. Ihr Aufsatz zum Thema „Was tun, wenn es nichts zu tun gibt“ beschäftigt sich damit, wie sich solche tote Zeit am besten nutzen lässt.

„Wir wissen, dass Leerlaufzeit bei der Arbeit tendenziell negative Auswirkungen hat. Es kann das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Menschen beeinträchtigen. Es steht in Zusammenhang mit Langeweile, was nicht überrascht, aber auch mit Müdigkeit“, erzählt sie. „Es ist nicht nur frustrierend oder langweilig, sondern zehrt auch an den mentalen Ressourcen der Menschen.“

Eine Frau hatte regelmäßig an einem Acht-Stunden-Tag sechs Stunden Leerlauf. Sie ging zur Arbeit und erwartete das. Sie machte das Beste daraus, in dem sie Kolleginnen Hilfe anbot, die Büro-Pflanzen goss und sogar eine neue Sprache lernte

Karoline Schubert, Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Schuberts Forschung ergab, dass ein großer Unterschied besteht zwischen antizipierter Zeit, in der man nichts zu tun hat, und unerwartetem Leerlauf. „In manchen Jobs kommen häufig Pausen vor. Eine Frau, die wir interviewten, hatte in ihrem Job regelmäßig an einem Acht-Stunden-Tag sechs Stunden Leerlauf. Sie ging also zur Arbeit und erwartete das. Sie machte das Beste daraus, indem sie Kolleginnen Hilfe anbot, die Büro-Pflanzen goss und sogar eine neue Sprache lernte.“

Kalter Entzug: Zwei Minuten dasitzen und nichts tun

Wenn man besser darin werden möchte, produktiv unproduktiv zu sein, gibt es dafür hilfreiche Strategien. „Betrachten Sie es als Experiment und bringen Sie Leichtigkeit und etwas Spielerisches in die Sache hinein“, schlägt Treanor vor. „Insbesondere, wenn Sie der Typ sind, den Panik überkommt, wenn der Handy-Akku schlapp macht und Sie nicht wissen, womit Sie dann die Zeit verbringen sollen. (…) Ich glaube, viele von uns, die eine lange Zugfahrt vor sich haben, fragen sich, wie sie die Zeit wohl überstehen sollen. Es ist die Angst vor dem Unbekannten.“

Anstatt sich selbst zum Scheitern zu verurteilen, indem man sich vornimmt, jeden Morgen 20 Minuten lang in die Luft zu starren, empfiehlt Treanor, klein anzufangen. „Wenn Sie jeden Tag mit dem Hund spazieren gehen und dabei Kopfhörer tragen oder mit Freunden plaudern, reduzieren Sie eine Schicht: Versuchen Sie, darauf zu verzichten. Es ist dann wahrscheinlicher, dass Sie Ihre Gedanken bemerken, obwohl Sie noch etwas tun. Oder spielen Sie ein Spiel, bei dem Sie bei jedem Spaziergang etwas Neues entdecken, sei es auch nur ein neues Geschäft oder wie ein kleines Kind die Straße entlanghüpft.“

Wenn Sie sich wirklich mutig fühlen, schlägt Treanor einen kalten Entzug vor: zwei Minuten lang einfach nur dasitzen und nichts tun. „Seien Sie stolz auf sich, dass Sie es versucht haben. Geben Sie es ruhig zu, wenn es wirklich schwer und unangenehm ist. Sie müssen sich nicht dafür verurteilen, dass es Ihnen keinen Spaß macht. Das nächste Mal könnten Sie es länger versuchen.“

Das ist eine schöne Idee, die ich sicher irgendwann mal ausprobieren werde. Aber gerade muss ich erst einmal einige Pflanzen wiederbeleben.

ArbeitArbeitszeitBDie ZeitDreiEntdeckenFernsehenForschungFreiFriedrichGehirnHarvard UniversityJenaJobJobsKalter EntzugKarolineKindKleinKollegenKopfhörerLangLangelebenLuftMANMannMedienModePanikPflanzenRasenSchillerSchubertSelbstSicherheitSinnSpracheStudienSuchtTAGToteTriageUnternehmenUSWahlWandernWellnessWillWissenWissenschaftZeitZimmer
Comments (0)
Add Comment