Landwirtschaft: Ernährungssicherheit ist mehr wie Autarkie

Wenn durch Kriege landwirtschaftliche Lieferketten ins Stocken geraten, Lebensmittel teurer werden oder Dünger knapp wird, gerät die Ernährungssicherheit wieder ins Zentrum öffentlicher Debatten. Das ist nachvollziehbar, doch die Debatte wird in Landwirtschaftskreisen zu oft verkürzt geführt. Als Reflex auf Krisen pochen Bauernvertreter auf eine stärkere nationale Eigenversorgung. Das mobilisiert; das Sicherheitsnarrativ soll die Landwirtschaft politisch aufwerten.

Ernährungssicherheit wird dabei nicht selten zur Projektionsfläche, um staatliche Stützen zu fordern, weniger Standards zu verlangen oder sich dem offenen Handel zu widersetzen. Die Potentiale des Handels werden jedoch ausgeblendet. Ernährungssicherheit entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch ein System aus heimischer Produktion, offenen Märkten, resilienten Lieferketten und klugem Risikomanagement.

Krisen zeigen, wie verwundbar die Versorgung ist. Ernährung ist außenpolitisch zum Druckmittel geworden und wirkt innenpolitisch, wenn steigende Preise soziale Spannungen erzeugen oder die Versorgung zu unterbrechen drohen. Gerade deshalb lohnt ein nüchterner Blick auf Abhängigkeiten.

Romantisierte Wünsche nach Selbstversorgung

Die deutsche Landwirtschaft konnte Lebensmittel nie vollständig selbst produzieren. Sie ist Teil globaler Märkte und profitiert davon wesentlich. Deutschland ist einer der größten Nettoimporteure von Agrargütern auf der Welt. Der Sektor profitiert von Importen und Verfügbarkeiten stärker, als es romantisierte Wünsche nach Selbstversorgung suggerieren. Soja ist nur ein Beispiel, günstig importiert und auf vielen Höfen unverzichtbar. Importe gleichen Knappheiten aus, streuen Risiken und verbessern den Zugang zu Lebensmitteln. Nicht zuletzt ermöglichen sie günstige Lebensmittelpreise, gerade in Krisenzeiten.

Eine hohe Selbstversorgung, die die Branche oft fordert, ist nicht gleichbedeutend mit Ernährungssicherheit. Ein Land kann bei einem Rohstoff einen hohen Selbstversorgungsgrad aufweisen und dennoch auf Importe für die Produktion dieses Rohstoffs angewiesen sein.

Umgekehrt ist Deutschland auch beim Export von Agrargütern auf der Welt führend. Die wichtigsten Exportmärkte sind die USA, China oder die Schweiz – nicht aber Länder mit den höchsten Niveaus von Ernährungsunsicherheit. Das sollte man berücksichtigen, wenn auf den Welthunger verwiesen wird. Deutschland und die EU sind immerhin keine Kostenführer, sondern Hersteller hochqualitativer Agrarprodukte, die ihren Preis haben.

Chancen für Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung

Natürlich gibt es Schattenseiten des Handels. Exportrestriktionen, geopolitische Abhängigkeiten und die unterschiedlichen Standards gehören in den Blick. Bedauerlich ist es, dass Bauernvertreter mit reflexhafter Abwehr auf Handelsverträge reagieren. Diese bieten gerade in globalen Krisen Chancen für Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, manche Argumente wolle die Branche lieber gar nicht hören. Aber wer die Fakten ignoriert, macht sich unglaubwürdig.

Nicht zuletzt sollte die Landwirtschaft selbstkritisch bleiben, wenn sie sich als Garant der Ernährungssicherheit präsentiert. Denn längst nicht alles, was auf deutschen Feldern wächst, dient primär der Ernährung. Wenn Mais in großem Umfang in Biogasanlagen zur Energiegewinnung fließt, ist das ökonomisch nachvollziehbar. Es relativiert aber den Absolutheitsanspruch, mit dem die Branche in Krisen über Ernährungssicherheit spricht. Umso wichtiger ist die Debatte darüber, wie sich Agrarflächen effizient im Sinne der Ernährung nutzen lassen.

Um die Ernährungssicherheit zu stärken, muss das Rad nicht neu erfunden werden. Nötig ist ein sinnvolles Zusammenspiel bestehender Instrumente. Dazu gehören funktionierende, regelbasierte Märkte, belastbare Krisenmechanismen und professionelles Risikomanagement. Das gilt nicht nur für die Urproduktion, sondern für die gesamte Lieferkette: In Verarbeitung, Logistik und Arbeitsmarkt liegen oft übersehene Flaschenhälse, von Molkereien bis zum Transport.

Auch eine starke heimische Landwirtschaft leistet ihren Beitrag, zumal Deutschland ein günstiger Standort für Lebensmittelproduktion ist. Allerdings braucht es einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen, der es Betrieben ermöglicht, innovativ und produktiv zu arbeiten – ohne unnötige Bürokratie und Symbolpolitik. Auch deshalb helfen Erzählungen von sterbenden Höfen in dieser Debatte wenig. Gibt ein Betrieb auf, ist das bedauerlich, doch Flächen und Ställe werden meist von anderen weiter bewirtschaftet. Ernährungssicherheit entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch ein resilientes System aus eigener Produktion, Handel und Krisenvorsorge.

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