Die deutsche Nationalelf zieht sich bei der WM in die Abgeschiedenheit von North Carolina zurück – trotz schlechter Erfahrungen in Russland und Katar. Sportdirektor Rudi Völler erklärt, warum er keine Angst vor der Isolation hat.
Die letzten Tests vor dem WM-Trainingslager waren erfolgreich. Die deutsche Nationalmannschaft gewann 4:3 in der Schweiz und 2:1 gegen Ghana.
Am 11. Juni beginnt das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko. Rudi Völler, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wird mit der Mannschaft und Bundestrainer Julian Nagelsmann währenddessen in North Carolina wohnen. Die Wahl des Quartiers ist umstritten.
Frage: Herr Völler, die Nationalmannschaft zieht sich bei der WM 2026 in die amerikanische Abgeschiedenheit nach North Carolina zurück. Nach den Desastern mit dem zweimaligen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland sowie der WM 2022 in Katar, das auch der selbst gewählten Isolation der Quartiere Watutinki und des „Zulal Wellness Resort“ zugeschrieben wird, weckt das böse Erinnerungen.
Rudi Völler: Die Wahl des Turnier-Quartiers ist traditionell eine der deutschen Stärken, und das seit Jahrzehnten. Watutinki bei der WM 2018 mit Abstrichen, als es vielleicht nicht ganz so optimal war, wenn man das im Nachhinein betrachtet. Aktuelle etwaige Bedenken kann ich komplett zerstreuen: Unser Teammanagement hat mit dem „The Graylyn Estate“ sehr gute Arbeit geleistet. Ich habe es mir vor Ort angeschaut, Julian war sogar zweimal da. Du musst ja immer das Gesamtpaket sehen, und das ist dort für uns perfekt.
Frage: Sie haben also keine Angst, es könnte in Winston-Salem Lagerkoller bei den Spielen aufkommen?
Völler: Nein, überhaupt nicht. Das mit dem Lagerkoller darfst du heutzutage nicht überschätzen. Das regelt die Teamchemie. Der entscheidende Punkt – gerade in den USA – ist für alle Teams: Nähe und Qualität der Trainingsplätze. Dazu ist der Flughafenanschluss wichtig. Wie kommen wir schnell und unproblematisch zu den Spielen und wieder weg? Das ist, was für uns zählt.
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Frage: Welchen Eindruck haben Sie denn persönlich vom Hotel „The Graylyn Estate“ bekommen? Auf den ersten Blick erinnert es etwas an eine Burg-Anlage. Fernsehmoderatorin Laura Wontorra hegte nach einer Besichtigung Bedenken, es könnte für die Spieler etwas zu abgeschieden sein.
Völler: Ich glaube, Laura hat vor Ort noch gar nicht alles gesehen, wie zum Beispiel die Universitätshallen und deren Fitnessräume, die wir benutzen werden. Unsere Anlage ist kein Luxusgut, sondern einfach ein schönes historisches Hotel, das wir uns gemütlich machen werden. Mit vielen kleinen Dingen wie beispielsweise einer Players Lounge, in der die Spieler Freizeitaktivitäten unternehmen können. Zudem werden die Spieler ja immer auch ein bisschen frei haben und Besuch von ihren Familien bekommen. Das alles sorgt für die nötige Ablenkung zwischendurch.
Frage: Sie glauben also, es kann dort der legendäre deutsche Teamgeist entstehen, der die Mannschaft vielleicht sogar bis zum WM-Triumph tragen kann?
Völler: Ich glaube normalerweise nicht an Gespenster, aber an den Geist von Winston-Salem glaube ich gern. Denn die Basis, damit dieser Teamgeist, für den auch wir Deutschen bekannt sind, entstehen kann, ist dort definitiv gegeben. Am Ende weißt du aber auch immer: Alles ist eine Legendenbildung. Ob das Trainingscamp gut oder schlecht war, entscheidet allein, ob du ein super Turnier spielst. Wenn wir 1974 nicht Weltmeister geworden wären, gäbe es heute auch keinen „Geist von Malente“.
Frage: Malente war das Quartier bei der Heim-WM 1974 der Weltmeistermannschaft von Kapitän Franz Beckenbauer, der 1990 beim Titelgewinn Ihr Teamchef war. Was hat Ihnen Beckenbauer über den „Geist von Malente“ berichtet?
Völler: Franz hat unserem 90er-Team das eine oder andere Mal über Malente erzählt. Das war eher zum Schmunzeln. Nach diesen Erzählungen glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass jeder Spieler von damals gern an die Zeit dort zurückdenkt. Am Ende bleibt, ob du erfolgreich warst. Das war ja bei uns 1990 auch nicht anders. Natürlich war unser Hotel in Erba nahe dem Comer See schön. Vor allem aber, weil wir die WM gewonnen haben. Das gilt genauso für 2014 in Brasilien. Im Campo Bahia gab es ja auch ein paar Dinge, die anfangs nicht so gut funktioniert haben.
Frage: Ein weiteres Diskussionsthema dürften die Temperaturen werden. Die Region in North Carolina gilt als sehr heiß im Sommer. Könnte das die Trainingsarbeit nicht erschweren?
Völler: Es kann durchaus sein, dass es heiß wird. Aber das wird es überall sein. Und am Ende müssen wir bei diesen Temperaturen auch im Turnier Fußball spielen, das darf man nicht vergessen. Ich bin ja einer der wenigen hier beim DFB, die das bei der WM 1994 noch am eigenen Leib erfahren haben. Ich weiß, was es bedeutet, ein WM-Spiel bei diesen Temperaturen in Amerika zu spielen. Vielleicht wird es in Kanada ein bisschen weniger extrem, aber in Mexiko und in den USA ist es in vielen Regionen heiß. Das ist Fakt, und den kannst du nicht wegdiskutieren. Darauf müssen wir uns vorbereiten.
Frage: Welches war das extremste WM-Spiel an Temperaturen, das Sie bei der WM 1994 erlebt haben?
Völler: Das Schlimmste war sicherlich unser letztes Gruppenspiel in Dallas. In meinem Fußballerleben war das Spiel gegen Südkorea (3:2; d. Red.) das mit Abstand heißeste Match, das ich erleben durfte – und das sogar nur neben dem Platz. Normalerweise konntest du an dem Tag keinen Fußball spielen. Glücklicherweise hat das neue Stadion in Dallas nun ein schließbares Dach.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORTBILD) geführt und erschien zuerst in SPORTBILD.
Source: welt.de