Schafft Deutschland die Wiedervereinigung? Formal wurde sie vor 35 Jahren vollzogen, aber gefühlt ist das Land noch geteilt. Und das ist maßgeblich. Weil Menschen wählen, wie sie fühlen, hat Frust Macht.
Diese Woche kam eine neue Studie heraus. Sie heißt Deutschland-Monitor und untersucht die Stimmung unter den Deutschen. Wenig überraschend ist die Stimmung nicht so toll. Aber einige Details fielen auf. Die Zahl der Ostdeutschen, die finden, die Wende habe Ostdeutschland mehr Nach- als Vorteile gebracht, stieg in den vergangenen Jahren rasant. Aktuell sehen das knapp vierzig Prozent so. Weitere sechzehn Prozent sind der Meinung, Vor- und Nachteile hielten sich die Waage.
Interessanterweise finden viele dieser Leute, dass sie persönlich von der Wiedervereinigung profitiert hätten. Knapp drei Viertel der Ostdeutschen sagen das.
Ein bisschen Empathie braucht es schon
Das wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Spinnen die Ossis? Typische Wessifrage, ziemlich unterkomplex in ihrer Selbstgefälligkeit. Ein bisschen Empathie muss schon aufbringen, wer verstehen und nicht nur aburteilen will. Also anders gefragt: Wie erklärt sich das Gefühl, als Wendegewinner in einer Region der Wendeverlierer zu leben?
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung bot eine Erklärung an. Die Ostdeutschen seien gewissermaßen traumatisiert. Die Sorgen und Ängste der Nachwendejahre seien Teil eines „kollektiven ostdeutschen Gedächtnisses“. Dazu passt ein Befund der Studie, wonach Menschen in strukturschwachen Gebieten im Westen anders mit ihrer Lage umgehen als Menschen in vergleichbaren Ostregionen.
Es scheint so, dass Ostdeutsche eher dazu neigen, Ängste oder Sorgen, die Menschen im ganzen Land haben, auf die Lage der Ostdeutschen zurückzuführen. Zugespitzt: Wer sich einen Hammer wünscht, aber nicht kriegt, sieht in jedem Problem einen Nagel.
Bei dem fehlenden Werkzeug handelt es sich um Selbstwertgefühl. Im Osten fühlen viele Menschen ihre Lebensleistung nicht wahrgenommen, sich selbst nicht anerkannt. Daran haben die Westdeutschen einen Anteil. Selbst Wohlmeinende gefallen sich darin, ihre Stippvisite in Dresden – die Frauenkirche! – als Tiefenbohrung auszustellen, so wie andere nach Afrikareisen vom Frohsinn der Einheimischen trotz bitterer Armut schwärmen.
Und wie viele der Westkinder, die heute in Berlin oder Leipzig studieren, sind mal nach Cottbus oder Meißen gefahren statt nur an Badeseen im Großstadt-Speckgürtel?
So haben sich im Osten zwei Arten von Enttäuschten entwickelt. Die einen wählen AfD, die anderen nicht. Über Letztere wird kaum gesprochen, obwohl es die größere Gruppe ist. Sie lässt sich nicht von ihrer Enttäuschung bestimmen, obwohl es leichter wäre. Diese Gruppe sollte von Bundespolitikern, Medien und Bürgern im Westen endlich in den Fokus des Interesses gerückt werden. Denn sie zeigt, wie es geht, nicht, wie es nicht weitergeht.
Dazu gehört, die Grenzen des eigenen Milieus zu überwinden. Der Osten ist ländlich geprägt, er braucht keine immer gleichen Beschwörungsformeln aus fernen Städten. Die linke Chemnitzer Band Kraftklub hat das in einem Lied auch der eigenen Bubble hinter die Ohren geschrieben: „Und jetzt postest du begeistert / Das Grünen-Wahlergebnis aus deinem Kiez / Und ,Nazis raus!‘ ruft es sich leichter / Da, wo es keine Nazis gibt.“
Ein Anfang wäre gemacht, wenn das nicht nur als Pointe, sondern als Problembeschreibung verstanden würde.
Source: faz.net