Lage in dieser Ukraine: Drohnen, Öl und Prioritäten

Etwas mehr als fünf Wochen nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran ist der Krieg im Golf noch nicht beendet. Doch eine brüchige Waffenruhe legitimiert den Blick nach vorn – und zwar nicht nur für die Region, sondern auch für die Ukraine und Russland. Deren Krieg mag medial durch die Ereignisse im Nahen Osten überschattet sein, er hat sich aber innerhalb dieser fünf Wochen weiterentwickelt. 

Für die Verteidiger wie auch für die Angreifer gilt: Die Energiemärkte, der Einfluss von Luftangriffen und deren Abwehr, ein neuer Streit in der Nato, die ukrainische Außenpolitik und Europas Prioritäten prägen den Konflikt auf eine neue Weise, bedingt durch den Krieg im Iran. 

Putin profitiert von den Energiemärkten

Die erste unübersehbare globale Auswirkung des Irankriegs ist der Anstieg des Ölpreises. Dieser hat sich innerhalb der ersten Märzwoche von 70 auf mehr als 100 Dollar pro Barrel gesteigert, war zwischenzeitlich noch mal deutlich höher und ist auch mit der Waffenruhe weiterhin der Dreistelligkeit sehr nahe. Um die Energiemärkte zu entspannen, haben die USA den wirtschaftlichen Druck auf Russland deutlich zurückgefahren, etwa mit einer vorübergehenden Aufhebung von Sekundärzöllen auf Käufer russischen Öls. Das erhöhte Russlands Exportvolumen. Die leichte Verfügbarkeit des russischen Öls machte zudem den seit Beginn des Ukrainekrieges beträchtlichen Rabatt zunichte, den Russland seinen Käufern gewähren musste. 

Wladimir Putin konnte somit nicht nur mehr Öl exportieren als im Januar und Februar, sondern es auch zu höheren Preisen verkaufen. Für die Ukraine war das in höchstem Maße ärgerlich: Gerade in den ersten beiden Monaten des Jahres brachen die russischen Öleinnahmen im Vergleich zu den Vormonaten stark ein; das im russischen Haushalt für das ganze Jahr 2026 vorgesehene Defizit von umgerechnet 42 Milliarden Euro wurde auch deswegen bereits im ersten Quartal um acht Milliarden Euro übertroffen. Der Irankrieg entlastete Russlands Haushalt: Die Exporteinnahmen stiegen von weniger als einer Milliarde Dollar pro Woche zeitweise auf fast 2,5 Milliarden Dollar. 

Es mag sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen handeln, worauf auch Putin im März persönlich hinwies. Doch „vorübergehend“ ist ein dehnbarer Begriff. Die Lage im Nahen Osten bleibt instabil, die Wahrscheinlichkeit monatelang erhöhter Ölpreise im Vergleich zu der Zeit vor dem Irankrieg hoch. Außerdem zeigten nicht nur die USA mit ihrer Lockerung von Sanktionen, dass sich bei Energiepreisschocks jeder selbst der Nächste ist. Sondern auch die EU. Sie hat ihre LNG-Importe aus Russland vor dem Hintergrund hoher Gaspreise gesteigert.

Russischer Öltanker am 11. März vor der Küste Indiens: Die USA haben ihre Zölle gegen Käufer russischen Öls, unter denen Indien zu den wichtigsten gehört, ausgesetzt.

Drohnenkrieg: Die Ukraine kann Russlands Profite verringern

Die erste, monatelange Angriffsserie mit ukrainischen Drohnen gegen Russlands Ölwirtschaft liegt bereits fast zwei Jahre zurück. Seitdem haben ukrainische Drohnen in regelmäßigen Abständen Raffinerien, Öldepots, Exporthäfen und in einzelnen Fällen sogar Schiffe und Ölbohrplattformen attackiert. Früh stand fest, dass es keine unmittelbare Kriegswende angesichts der Lage an der Front geben wird. Doch die Langzeitstrategie, Russlands Ölwirtschaft zu schaden, geht auf – wie sich gerade in den vergangenen Wochen gezeigt hat.

Denn parallel zum Anstieg der Ölpreise hat die Ukraine ihre Attacken auf die russischen Exportterminals im Schwarzen Meer und an der Ostseeküste intensiviert. Im März und der ersten Aprilwoche kam es zu mindestens zwölf größeren Angriffen auf russische Ölinfrastruktur; seit Beginn der letzten Märzwoche gab es allein zehn Attacken auf die Exporthäfen in der Ostsee, über die etwa die Hälfte des russischen Rohölexports abgewickelt wird. Zeitweise wurde der tägliche Export Russlands um bis zu 40 Prozent reduziert

Solche Einbrüche sind zwar stets nur von kurzer Dauer, und die russischen Exportanlagen sind weiterhin zu großen Teilen intakt. Doch die Attacken haben laut einer Analyse des Portals Re:Russia immerhin Exportstopps erzwungen, die zwei Dritteln der zusätzlichen russischen Gewinne durch den Irankrieg gleichkommen. Das zeigt: Russlands Langzeiteinnahmen durch höhere Ölpreise sind nicht garantiert. Und die Ukraine ist den Energiemärkten alles andere als hilflos ausgeliefert.

Streit in der Nato: Eine neue Normalität

Nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat die damalige US-Regierung von Joe Biden immer wieder betont, dass Putin mit seinem Angriff die Nato ungewollt erweitert, geeint und gestärkt habe. Das war seinerzeit richtig – doch das änderte sich mit dem Machtwechsel in den USA 2025. Wie fragil das Vertrauensverhältnis im westlichen Bündnis inzwischen ist, demonstrierten aufs Neue Donald Trumps Drohungen eines angeblich möglichen Austritts aus der Allianz, weil diese ihm bei seinem Krieg gegen den Iran nicht geholfen habe. 

Diese Drohungen kann Trump zwar nicht so einfach wahr machen. Dennoch betonten russische Propagandamedien wie etwa zuletzt die Komsomolskaja Prawda, die westliche Allianz sei „faktisch zerbrochen“. Putins US-Gesandter Kirill Dmitrijew bezeichnet die europäischen Nato-Mitglieder auf X als „Vasallen“. 

Hinter den Kulissen von Trumps Drohungen gibt es durchaus auch faktische Gründe für ein neues Misstrauen der Europäer gegenüber ihrer alte Schutzmacht. So soll das US-Verteidigungsministerium laut der Washington Post erwogen haben, von EU-Ländern bezahlte Waffen, die an die Ukraine gehen sollten, nach Nahost umzuleiten. Nachdem die USA nicht mehr bereit sind, Waffen an die Ukraine zu liefern, soll demnach sogar deren Verkauf unter Vorbehalt stehen. 

Das Verteidigungsministerium bestritt solche Absichten. Doch allein die Möglichkeit dürfte in Kyjiw für Anspannung sorgen. Immerhin haben die USA bereits im vergangenen Jahr zeitweise Ukrainehilfen gestoppt, um das Land unter Druck zu setzen. Die Übergriffigkeit, mit der Trump gegenüber seinen europäischen Verbündeten auftritt, verheißt für die Ukraine – für die der Status eines Verbündeten gar nicht erst zur Debatte steht – Unsicherheiten in Bezug auf ihren ehemals wichtigsten Unterstützer. 

US-Verteidigungs- und Kriegsminister Pete Hegseth hat bereits im vergangenen Jahr Hilfsprogramme für die Ukraine zeitweise gestoppt.

Die Ukraine braucht neue Partner – und findet sie vielleicht

Schon kurz nach Beginn des Irankriegs hat die Ukraine versucht, sich den betroffenen Ländern als Partner anzubieten. Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte rasch auf Anfragen Großbritanniens, die Expertise seines Militärs beim Kampf gegen die russischen Langstreckendrohnen iranischer Bauart weiterzuleiten. In eigener Sache führte er Verhandlungen mit Regierungen mehrerer Staaten des Nahen Osten, besuchte Katar, Syrien und auch die Türkei.

Denn die ukrainischen Abfangdrohnen, die einen bedeutenden Teil der russischen Angriffsdrohnen bekämpfen und billig hergestellt werden können, sind im modernen Luftkrieg deutlich besser geeignet als die Flugabwehr mit teuren Hightech-Waffen. Diese sind für den Kampf gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper unabdingbar – doch sie können hinsichtlich Kosten und Produktionszahlen nicht mal ansatzweise gegen ein mit Tausenden Kampfdrohnen bewaffnetes Regime wie den Iran bestehen. 

Der erste Adressat von Selenskyjs Angebot war Trump. Dieser maßregelte den ukrainischen Präsidenten jedoch dafür, der militärischen Großmacht USA Hilfsbedürftigkeit zu unterstellen. Selenskyjs Partnerschaftsprojekt schien schon im Ansatz gescheitert. 

Doch neue Partner braucht das Land ohnehin, da die Europäer den Ausfall der USA in der Allianz der Unterstützer nicht gänzlich kompensieren können. Inwiefern der ukrainische Präsident die benötigten Partnerschaften in der Golfregion gefunden hat, muss sich erst noch zeigen: Zwar sagte Selenskyj, ukrainische Teams mit eigenen Abfangdrohnen hätten bei der Abwehr der iranischen Angriffe erfolgreich geholfen. Aber die Informationen dazu sind intransparent, die Entwicklung noch neu und Selenskyjs Interesse an einer Überhöhung der Leistungen seiner Abwehrdrohnen nachvollziehbar hoch. Dennoch: Ein Anfang für neue Partnerschaften ist gelegt. Und zugleich ist es eine Botschaft an die USA, dass nicht alle Akteure ihr Desinteresse gegenüber dem Angebot der Ukraine teilen.

Wolodymyr Selenskyj am 28. März mit Katars Staatsoberhaupt Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani in Doha

Die politische Bedeutung der Ukraine für Europa steigt

Die Nebenrolle, die Europa im Irankrieg gespielt hat – zum Missfallen der USA und angesichts der Indifferenz Trumps gegenüber europäischen Interessen zum eigenen Nachteil –, könnte sich langfristig zu einem Vorteil für die Ukraine entwickeln. Denn an geopolitischem Machtverlust dürften die Regierungen der größten EU-Länder kaum interessiert sein. Der Preis, den sie zu bezahlen bereit sind, um das zu verhindern, ist hoch – man denke an die Erhöhung des Nato-Ausgabenziels, die vor allem der Beschwichtigung Trumps gedient hat. Doch unendlich hoch ist er nicht. Spanien verweigerte den USA Überflugrechte, Großbritanniens Premierminister Keir Starmer beschuldigt Trump, an hohen Energiepreisen schuldig zu sein, Deutschland stellt sich politisch ebenfalls nicht hinter die US-Regierung. 

Die EU-Länder können nur beschränkt auf den US-Präsidenten einwirken und riskieren dabei, bei künftigen Entscheidungen noch weniger berücksichtigt zu werden. Doch im Hinblick auf die Unterstützung der Ukraine sind sie inzwischen deutlich bedeutender geworden als die nicht länger hilfswilligen USA. Das ist eine enorme finanzielle Belastung – und zugleich ein hohes politisches Kapital. 

Denn sollte es der Ukraine gelingen, in den zähen Gesprächen mit Russland ein Kriegsende auszuhandeln, dessen Bedingungen das langfristige Überleben des Landes und seine politische Unabhängigkeit sichern, werden es nicht die USA sein, die einen Anteil an diesem Erfolg beanspruchen können. Sondern es sind die Regierungen Europas. Sie würden dann zeigen, dass sie die geopolitischen Realitäten auf dem eigenen Kontinent weiterhin selbst beeinflussen können. 

Für die Ukraine ist dieser Umstand schon lange ein Argument bei ihren Bemühungen um Europas Unterstützung. Dieses Argument hat in den vergangenen Wochen ein wenig an Bedeutung gewonnen.



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seit Beginn der russischen Invasion


Das Zitat: Von Wahlen und Mäusen

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán steht bei der Parlamentswahl am Sonntag unter Druck: In vielen Umfragen liegt seine Partei weit abgeschlagen hinter der Opposition, erstmals seit 16 Jahren droht der Machtverlust. Um ihn zu verhindern, fährt der russlandfreundliche Ministerpräsident eine aggressiv antieuropäische und antiukrainische Kampagne – Berichten zufolge auch mithilfe hochrangiger Politikberater aus Moskau. Orbán inszeniert sich als Garant von Frieden und Souveränität, verweigert der Ukraine dringend benötigte EU-Kredite und beschuldigte das Land zuletzt sogar beleglos, Sprengstoffattacken auf Energieinfrastruktur geplant zu haben

Doch während Ungarns mehrheitlich von der Regierung kontrollierte Presse diese Narrative verbreitet, sorgen andere Medien auch für Schlagzeilen zuungunsten Orbáns. So veröffentlichte das US-Portal Bloomberg Auszüge aus dem Transkript eines Telefonats zwischen Orbán und Putin im vergangenen Oktober. Damals stand Ungarns Hauptstadt Budapest als möglicher Ort für ein Treffen von Putin und Trump im Raum. Gegen ein solches Treffen gab es große Vorbehalte: Putin würde erstmals seit Kriegsbeginn EU-Territorium betreten.

In dem Telefonat sollen Orbán und Putin laut dem Bloomberg-Bericht detailliert darüber gesprochen haben, wie das Treffen in Budapest vorbereitet werden könnte. Der ungarische Regierungschef bezeichnete sich demnach mit Verweis auf eine populäre Fabel als „Maus“, die dem russischen „Löwen“ helfen könnte. Bloomberg zitiert dabei auch Aussagen wie die folgende:

In jeder Angelegenheit, in der ich behilflich sein kann, bin ich zu Ihren Diensten.

Viktor Orbán laut Anrufprotokoll an Wladimir Putin


Der Ostcast –
:
War’s das mit Orbán?



Der Ausblick: Orthodoxe Waffenruhe

Für 36 Stunden sollen ab Samstag, 15 Uhr MESZ, die Waffen ruhen: Am späten Donnerstagabend verkündete Putin eine Feuerpause anlässlich der orthodoxen Osterfeiertage an diesem Wochenende. Die Truppen hätten die Anweisung, „an allen Fronten die Kampfhandlungen zu beenden“ – und sollten sich laut Ankündigung des Staatschefs dafür bereithalten, „jegliche Provokationen und aggressive Handlungen seitens des Gegners zu unterminieren“. 

Dabei war es die Ukraine, die zuerst eine Osterwaffenruhe ins Gespräch brachte. Darauf verwies auch Selenskyj in einer Mitteilung auf Telegram, in der er Putins Ankündigung bestätigte. „Russland hat die Chance, auch nach Ostern nicht zu den Attacken zurückzukehren“, schrieb er. Es ist ein Verweis auf die seit Langem bestehende ukrainische Forderung, die Kämpfe einzustellen und die Verhandlungen über ein Kriegsende bereits im Zustand einer Waffenruhe zu führen.

Orthodoxer Geistlicher segnet in der Region Saporischschja einen ukrainischen Soldaten vor den Osterfeiertagen.

Inwiefern sich die kurze Feuerpause auf die Kämpfe auswirken wird, ist kaum abzusehen. Vor einem Jahr hatte Putin ebenfalls eine Feuerpause über Ostern verkündet – wenngleich einseitig und ohne jegliche Absprache mit der Ukraine. Die Folge: Truppen beider Länder waren darauf nicht vorbereitet, die Intensität der Kämpfe ging nur unwesentlich zurück

Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.

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