Das Buch ist die Waffe des Intellektuellen. Diesen Umstand rufen manche Stellen in Uwe Schneidewinds Buch ins Gedächtnis. Fünf Jahre lang war der Nachhaltigkeits- und Transformationsforscher bis Oktober vergangenen Jahres Oberbürgermeister von Wuppertal. Er verkörperte ein spannendes Projekt. Als anerkannter Wissenschaftler wagte er sich in die Niederungen von Schwimmbadsanierung, Sparkassen-Verwaltungsrat und Parkplatzkonzepten. Gleichzeitig hat das Stadtoberhaupt Schneidewind natürlich nie den Transformationsforscher abgelegt und kann somit eine intime Nabelschau des kommunalpolitischen Betriebs vorlegen.
Sie ist frei von Lamento über das jähe Ende des Experiments, als er nach schwarz-grünem Koalitionsbruch, „abgehobener Professor“-Kampagne der Opposition und einem ergebnisarmen Gerangel um ein Schulbibliothekskonzept im Jahr 2025 tatsächlich nicht wieder antrat. Stattdessen spielt er seine Stärke als Insider von außen aus. Das unterhaltsam geschriebene Buch ist gut strukturiert und weit mehr als eine Anekdotensammlung: Die wissenschaftlichen Kategorien aus Politikwissenschaft und Transformationsforschung helfen, seine zahllosen Beispiele blockierten Verwaltungshandelns systematisch zu erfassen.
Der Wuppertaler Streit über ein Nutzungskonzept für Schulbibliotheken steht aus Schneidewinds Sicht exemplarisch für das, was in Kommunen schiefläuft. Als die Handelskette Galeria Kaufhof im Jahr 2023 entschied, ihre dortige Filiale aufzugeben, entstand kurzerhand die Idee, das Gebäude für eine gemischte Schul- und Bibliotheksnutzung weiterzuentwickeln. Projektentwickler und Eigentümer handelten eine Exklusivitätsklausel aus. Doch der Stadtrat stritt, die Klausel verstrich. Nach zermürbenden Debatten einigte man sich auf das ursprüngliche Konzept, doch die Umstände hatten sich inzwischen geändert.
„Nicht die inhaltliche Kraft eines Arguments bestimmt die Politik, sondern vielmehr, ob es in aktuelle Stimmungslagen passt“, schreibt Schneidewind und listet zahllose unfruchtbare Streitigkeiten auf, die ihn als Oberbürgermeister davon abhielten, den Transformationsdruck auf die Stadt zu lindern. Dieser wird durch Industriesterben (und -neuaufleben), Migrationsbewegungen, das Gebot zu nachhaltiger Energienutzung und tragfähigen Verkehrskonzepten erzeugt – bei knapper werdenden Finanzen bei einem permanenten Bruch des Konnexitätsprinzips (Wer bestellt, bezahlt) durch Bund und Länder.
Die „Heroenkultur“ um die Rolle des Oberbürgermeisters sieht er als überzogen und kontraproduktiv an. Nur im Team gelinge ein erfolgreicher Stadtumbau. Gleichzeitig müsse ein OB in sich Zehnkämpferqualitäten tragen, die von Führungsverständnis und Diplomatie über Kompetenz und Bürgernähe bis zur überregionalen Vernetzung reichten. Er macht deutlich, dass es ihm an diesen Eigenschaften bisweilen gemangelt habe – etwa als er bei einer Schwimmbadbausanierung nicht den Knoten durchschlagen konnte, der durch das Vergaberecht Handwerker am effizienten Arbeiten hinderte. Klare Managementfehler seien das gewesen, räumt der Autor ein.
Sein Buch ist keine persönliche Abrechnung mit den politischen Gegnern, auch kein intellektuelles Zurücktreten oder gar eine nachträgliche Rechtfertigungsschrift eines gescheiterten Stadtoberhaupts. Es ist eine flüssig geschriebene Zustandsbeschreibung der Bedingungen für gelingende Politik an Orten, an denen sie besonders spürbar ist. Kommunen werden zwischen Herausforderungen, Ansprüchen und Bedürfnissen der Bürger aufgerieben.
Nach dem weit verbreiteten VUCA-Konzept hätten Städte damit zu kämpfen, dass ihr Umfeld volatiler, unsicherer, komplexer und ambivalenter werde. Rahmenbedingungen wandelten sich, Zukunftsprognosen würden schwieriger, Themen seien vernetzt, dadurch Folgen des Handelns unklar, und eindeutige Lösungen gebe es seltener. Bürger hingegen hätten zwei Ansprüche: in Ruhe gelassen zu werden und Services in gleichbleibender Qualität zu erhalten. Gleichzeitig führten gut gemeinte Regeln dazu, dass Verwaltung wenig handeln könne.
„Deutschland droht immer mehr zum Bürokratiemuseum zu werden, weil es durch ein föderales Abstimmungschaos nicht in der Lage ist, sich schnell genug auf die Zukunft vorzubereiten“, schreibt er. Dass Schulen langsam saniert werden, habe auch mit wachsenden Brandschutzbestimmungen zu tun, die den Umbau um ein Drittel verteuerten, ohne dass Kinder oder Lehrer je durch Brände geschädigt wurden.
Doch der ehemalige Grünen-Politiker Schneidewind wäre nicht er selbst, wenn er nicht einen optimistischen Ausblick lieferte. Die zweite Hälfte seines Buchs widmet er den „Inseln des Gelingens“ – den Projekten, die andere mitreißen: ob es die zum Fahrradweg umgewandelte Nordbahntrasse ist, die Utopiastadt oder das Visiodrom, eine Junior Uni, ein Projekt, das die Stadt durch Streetart-Wandgemälde bereichern soll, die Bundesgartenschau 2031, die schon im Vorfeld viel Bürgerengagement ausgelöst hat, oder das Circular Valley, eine Modellregion für Kreislaufwirtschaft. „Wuppertal ist voll von solchen Inseln des Gelingens. Das macht die Stadt so liebens- und lebenswert“, schreibt er.
Über die Zeit habe er gelernt, blockierende Verwaltungspartisanen und -fatalisten hinzunehmen und produktive Verwaltungsguerilla zu stärken. „Run with the Flow“ sei sein Motto geworden – also vorhandene Impulse durch eine Bürokratie zu stützen, die sich statt auf das Vier- auf das Drei-Augen-Prinzip einließ. Kommunen seien der Ort, an dem Veränderung am direktesten spürbar werde. Es gelte, Reallabore zu errichten, um „urbane Akupunkturpunkte“ zu entdecken. „Städte und Kommunen sind genau der richtige Ort für solche Experimente“, schreibt Schneidewind. Fünf Jahre hat er zu gestalten probiert, nun wird er weiter über die Bedingungen forschen, unter denen das gelingt.
Uwe Schneidewind: Dienstschluss. Herausforderung Kommunalpolitik. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026. 160 S., 20,– €.
Source: faz.net