Im Januar 1699 hing das Schicksal Europas an der Gesundheit eines bayerischen Prinzen. Joseph Ferdinand, ältester Sohn des Kurfürsten Maximilian II. Emanuel von Bayern, sollte den Thron des spanischen Weltreichs erben und in Madrid zum König gekrönt werden. So hatten es die Regierungen Englands und der Niederlande mit dem französischen Monarchen Ludwig XIV. verabredet, und so hatte es der kinderlose spanische König Karl II. gegen den Willen der eigenen Ehefrau in seinem Testament vom November des Vorjahres festgelegt. Allerdings stellte Karls letzter Wille – der dem schwerkranken, geistig eingeschränkten Herrscher von seinen Beratern diktiert worden war – bereits eine diplomatische Herausforderung dar, denn er erklärte den Teilungsplan der Franzosen, Briten und Holländer für die Erbmasse Spaniens kurzerhand für nichtig.
Die drei Mächte hatten sich nämlich darauf geeinigt, dass Ludwigs Enkel Philipp von Anjou, der durch seine Großmutter Maria Teresa ebenfalls Ansprüche auf die spanische Thronfolge besaß, das italienische Königreich Neapel und Sizilien bekommen und der österreichische Kaisersohn Karl, gleichfalls Enkel einer spanischen Infantin, mit dem Herzogtum Mailand abgefunden werden sollte. Den gesamten Rest, der neben dem Kernland auf der Iberischen Halbinsel die weltumspannenden Kolonialbesitzungen Spaniens umfasste, sollte Joseph Ferdinand erhalten, dessen Mutter Maria Antonia von Österreich eine Nichte Karls II. gewesen war.
Keiner durfte dem anderen die spanische Beute überlassen
Mit dieser Regelung wollten die beiden Seemächte und ihr Verhandlungspartner in Versailles den drohenden Krieg um ein Erbe vermeiden, das jeder der anspruchsberechtigten Dynastien – außer der bayerischen – zur absoluten Vorherrschaft in Europa verholfen hätte. Den österreichischen Habsburgern wäre mit Spanien ein Kolonialbesitz zugefallen, der trotz seines schrumpfenden Umfangs immer noch sagenhafte Erträge aus den Gold- und Silberminen Südamerikas einbrachte, und die französischen Bourbonen hätten im Erfolgsfall endgültig auf dem Kontinent das Sagen gehabt und das Heilige Römische Reich, jenen Flickenteppich mitteleuropäischer Territorien unter Oberaufsicht Habsburgs, ihrem Willen unterwerfen können.
Keines der beiden Häuser durfte deshalb dem anderen die spanische Beute überlassen. Zugleich mussten England und die Niederlande, deren eigene Kolonialreiche auf sichere Handelswege und ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis unter den übrigen Mächten angewiesen waren, einen großen europäischen Konflikt mit allen Mitteln vermeiden. Der bayerische Kurprinz schien deshalb für ihre Bedürfnisse wie geschaffen: Sein Stammhaus, die Wittelsbacher, regierte außer in Bayern lediglich im Erzbistum Köln und über eine rivalisierende Nebenlinie in der Pfalz, sein Erbland verfügte über nur eine Armee mittlerer Größe, und sein geringes Alter – er war 1692 geboren –, nährte die Hoffnung, dass von ihm vorerst keine imperialen Ambitionen zu erwarten waren.
Jeder der vier Kurfürsten strebte nach einer Krone
Für Joseph Ferdinands Vater, den bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, wie ihn seine Untertanen und die Historiker schon zu Lebzeiten nannten, war die Aussicht auf die Krone Spaniens für seine Familie die Erfüllung eines Lebenstraums. Das Königtum stellte für jedes der vier Fürstenhäuser, die neben den Habsburgern und den drei geistlichen Kurfürsten über die Wahl des Kaisers und damit die Geschicke des Heiligen Römischen Reiches entschieden, ein Sehnsuchtsziel dar, aber während die sächsischen Albertiner durch August den Starken im Jahr 1696 die polnische Krone errungen und die Welfen in Hannover Aussicht auf die englische Thronfolge hatten, lagen Brandenburg-Preußen und Bayern im Wettkampf um den Purpur der Monarchen zurück.
Dabei hatten die bayerischen Wittelsbacher scheinbar die günstigere Ausgangsposition, denn seit der Regierungszeit von Max Emanuels Großvater Maximilian I., der den Habsburg-Herrschern im Dreißigjährigen Krieg die Treue gehalten, dafür die Kurwürde empfangen und zwei österreichische Prinzessinnen geheiratet hatte, waren sie dem Kaiserhaus eng verbunden. Zudem hatte einer ihrer Vorfahren, Ludwig IV. „der Bayer“, bereits im Spätmittelalter die Krone des Reiches getragen.
Aber derselbe Ahnenstolz, der in München und Wien seine Blüten trieb, sorgte auch für die Entzweiung der beiden Herrscherhäuser. Schon Max Emanuels Vater Ferdinand Maria hatte 1658 nur zähneknirschend seine Kandidatur um die Kaiserkrone zurückgezogen, die dann an Leopold I. ging. Sein Sohn hatte zwar siebzehn Jahre später eine Tochter Leopolds geheiratet und sich im Türkenkrieg bei der Befreiung Wiens, der Belagerung von Budapest und in der Schlacht von Mohács in kaiserlichen Diensten hervorgetan, aber je mehr sich die Aussichten seines ältesten Sohnes auf die spanische Thronfolge verdichteten, desto schwächer wurde seine Loyalität zu den Habsburgern. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg, den Ludwig XIV. 1688 gegen den Kaiser, Spanien und die Seemächte vom Zaun gebrochen hatte, kämpfte Max Emanuel noch auf der Seite Leopolds, wofür er mit der Statthalterschaft der Spanischen Niederlande belohnt wurde, des heutigen Belgiens.
Aber nach dem Ende des Kriegs im Jahr 1697 verhandelte er ohne Rücksprache mit Wien mit den westeuropäischen Mächten, unterstützt von seinem Förderer Wilhelm III. von Oranien, den das englische Parlament in der „Glorious Revolution“ zum englischen König gemacht hatte. Der Bayer hatte den Beistand nötig, denn die Freunde Habsburgs in Madrid waren nicht gewillt, sich mit der Thronfolge des Kurprinzen abzufinden. Nach Bekanntgabe des Testaments Karls II. rief seine Gattin Maria Anna von der Pfalz deutsche Truppen ins Land, in Barcelona hielt sich ein kaiserliches Kontingent unter Georg Ludwig von Hessen-Darmstadt zur Intervention bereit. Der kleine Prinz würde um sein Königtum kämpfen müssen.
Als der Kurprinz starb, war die Erbfolgefrage wieder offen
Doch dann kam alles anders. Schon als Kleinkind war Joseph Ferdinand von schwächlicher Konstitution gewesen, und die mühsame Reise von München nach Brüssel, wo sein Vater seit 1692 residierte, beanspruchte die Kräfte des Kurprinzen zusätzlich. Mitte Januar 1699, mitten in den Vorbereitungen für seine Umsiedlung nach Madrid, erkrankte er an unspezifischen Symptomen, die sich zu hohem Fieber, Schüttelfrost, Krämpfen, Kopfschmerzen und Erbrechen auswuchsen. Trotz aller Bemühungen der Ärzte starb er am 6. Februar. Die spanische Erbfolge war wieder offen.
Sofort setzten sich die Mühlen der europäischen Diplomatie in Bewegung. Ein Jahr nach dem Tod des bayerischen Prinzen vereinbarten England und Frankreich, dass Philipp von Anjou, der Enkel des Sonnenkönigs, den gesamten italienischen Besitz der Spanier und Erzherzog Karl von Österreich dafür den Thron in Madrid erben sollte. Aber der Kaiser in Wien war mit der Teilung nicht einverstanden, und auch die Tory-Fraktion im britischen Parlament widersetzte sich. Am spanischen Hof gewann indessen die französische Partei die Oberhand. Anfang Oktober erschien ein neues Testament Karls II., in dem Philipp von Anjou zum Alleinerben eingesetzt wurde. Einen Monat später starb der siechende Monarch.
Eine spanisch-französische Universalmonarchie rückte näher
Nun überschlugen sich die Ereignisse. Am 24. November wurde der Enkel Ludwigs XIV. in Versailles als Philipp V. zum König von Spanien proklamiert. Am 1. Februar 1701 ließ Ludwig vom Pariser Parlament Philipps Anspruch auf die französische Thronfolge bestätigen. Fünf Tage später besetzten seine Truppen mithilfe Max Emanuels eine Reihe von Grenzfestungen im Süden der Spanischen Niederlande, die seit dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs in der Hand der Holländer waren. Damit rückte eine französisch-spanische Universalmonarchie in greifbare Nähe. Ihr erster Vorbote war die Übertragung wichtiger Handelsprivilegien, darunter der „asiento de negros“, ein Monopol auf die Einfuhr afrikanischer Sklaven nach Südamerika, an französische Gesellschaften. Daraufhin nahmen die Seemächte im Sommer 1701 ihre zuvor erteilte Anerkennung Philipps V. zurück und schlossen ein Bündnis mit dem Kaiser, der seinen jüngeren Sohn Karl auf den spanischen Thron bringen wollte. Der kontinentale Konflikt war nicht mehr zu vermeiden.
In dieser Situation entschloss sich der nach München zurückgekehrte Max Emanuel zu einem Schritt, der die Politik Bayerns bis weit ins neunzehnte Jahrhundert bestimmen sollte. Statt sich, wie es der Tradition seines Hauses entsprach, ohne Zögern Habsburg anzuschließen, verhandelte er parallel mit dem Kaiser, den Seemächten und Ludwig XIV. Das Pfund, mit dem er dabei wuchern konnte, war die bayerische Armee, die mit ihren 30.000 Mann ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor war. Aber während die antifranzösische Allianz Max Emanuel nur vage Versprechungen machte, stellte ihm Ludwig eine erhebliche Vergrößerung seiner Territorien im Reich sowie eine Königskrone in Aussicht – eine Krone so wie jene, die sich sein brandenburgischer Kurfürstenrivale Friedrich III. gerade mit kaiserlicher Billigung in Königsberg hatte aufsetzen können. Im August 1702 kam es zur Entscheidung. Bayern trat auf der Seite Frankreichs in den Krieg ein.
Zunächst schien sich der Bündniswechsel auszuzahlen. Max Emanuels Regimenter besetzten in rascher Folge die Reichsstädte Ulm und Augsburg und das Bistum Passau, und im September 1703 schlugen bayerische und französische Truppen ein kaiserliches Korps bei Höchstädt an der Donau. Im folgenden Jahr aber wendete sich die Lage. John Churchill, Herzog von Marlborough, der Feldherr der Alliierten, hatte die tödliche Bedrohung Wiens durch eine dauerhafte Präsenz der Franzosen in Süddeutschland erkannt und seine Soldaten in Eilmärschen vom Niederrhein nach Bayern geführt. Am 13. August 1704 vernichtete Marlboroughs Armee gemeinsam mit einem kaiserlich-preußischen Kontingent unter Prinz Eugen in der zweiten Schlacht von Höchstädt das bayerisch-französische Heer.
Max Emanuel, der seine Truppen persönlich befehligt hatte, musste nach Brüssel fliehen, wo er unter französischem Schutz abermals die Statthalterschaft übernahm. Zwei Jahre später, nach einer weiteren verlorenen Schlacht, endete auch dieses Intermezzo. Die Spanischen Niederlande wurden von den Verbündeten besetzt, und der Kurfürst von Bayern ließ sich erst in Mons, dann in Compiègne und schließlich in einem Vorort von Paris nieder. Im November 1709 traf er in Marly erstmals mit seinem Gönner Ludwig XIV. zusammen, aus Sicherheitsgründen in der Maske eines „Grafen von Dachau“. Der Herzog von Saint-Simon, der große Chronist seines Zeitalters, bemerkte zu diesem Auftritt, Max Emanuel strahle „einen Hauch von Hochmut und Frohsinn“ aus, „was alles schlecht passt zu einem unglücklichen Fürsten“.
In Sendling wurden die Aufständischen zusammengeschossen
Während der Kurfürst im Exil weilte, zahlte sein Stammland den Preis seiner Politik. Marlborough ließ Hunderte bayerischer Dörfer niederbrennen, und der Kaiser, der nach dem Sieg bei Höchstädt und der Verhängung der Reichsacht über Max Emanuel die Herrschaft übernahm, zog die Steuerschraube an. Die Zwangsaushebungen, die er anordnete, um seine Truppen aufzufüllen, brachten das Fass zum Überlaufen. Im November 1705 begann ein Volksaufstand, der fast drei Monate dauerte und an die sechstausend Menschen das Leben kostete. Sein Höhepunkt war die Sendlinger Mordweihnacht, bei der am 25. Dezember dreitausend Rebellen vor den Toren Münchens von Leopolds Soldaten zusammengeschossen wurden. Einer der Überlebenden, Balthasar Riesenberger, bildete das Vorbild für die Legendenfigur des „Schmieds von Kochel“, in dem die volkstümliche Überlieferung das historische Geschehen verdichtete. Nach dem verlorenen Gefecht von Aidenbach im folgenden Januar brach der Aufstand zusammen. Bis 1715 blieb Bayern unter kaiserlicher Verwaltung.
Dann kehrte Max Emanuel, der in den Friedensschlüssen von Utrecht und Rastatt seine Territorien und die Kurwürde wieder zugesprochen bekommen hatte, in seine Hauptstadt zurück. Eine Krone brachte er nicht mit, aber dafür das ungebrochene Selbstbewusstsein eines Fürsten, der sich „in utraque fortuna“, „in allen Wechselfällen des Schicksals“, wie es in einer ihm gewidmeten Festschrift hieß, behauptet und im Spiel der europäischen Mächte seinen Einsatz gewahrt hatte. Und wie es sich für einen barocken Herrscher geziemte, ging er sofort daran, sein Andenken durch Großbauten zu verewigen.
Die Arbeiten an Schloss Nymphenburg und an der prächtigen neuen Residenz in Schleißheim, die durch die Katastrophe von 1704 unterbrochen worden waren, kamen mithilfe französischer Subsidien wieder in Gang, und während in Nymphenburg das schönste aller bayerischen Barockschlösser entstand, ließ Max Emanuel die aus Geldgründen auf den Hauptbau reduzierte Schleißheimer Anlage mit Gemälden von Rubens, Van Dyck, Jordaens und anderen schmücken, die er als Statthalter in Brüssel erworben hatte. 1717 schickte er ein weiteres Mal bayerische Truppen in den Türkenkrieg des Kaisers, und 1722 gab er die Jahreseinkünfte seines Kurfürstentums für die Feierlichkeiten zur Hochzeit seines Sohns Karl Albrecht mit einer habsburgischen Prinzessin aus. Als er am 26. Februar 1726 starb, war Bayern mit Wien wieder im Geschäft.
1742 wurde Max Emanuels Sohn zum Kaiser gewählt
Aber auch Max Emanuels Traum von einer Krone für die Wittelsbacher lebte weiter, und als Karl VI., der Sohn Leopolds, kinderlos starb, schien er sich zu verwirklichen. Im Mai 1741 trafen sich die Vertreter Frankreichs, Spaniens, Preußens und Sachsens in Schloss Nymphenburg, um sich mit Bayern gegen Karls Tochter Maria Theresia zu verbünden, die für ihren Gemahl Franz von Lothringen die Kaiserkrone beanspruchte. Ein Jahr später gelang es Max Emanuels Sohn Karl Albrecht, sich in Frankfurt zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönen zu lassen. Auf dem Schlachtfeld indessen hatte er weniger Glück. Wie im Spanischen Erbfolgekrieg zogen französische Truppen an die Donau, wieder wurde am Rhein und in Flandern gekämpft, und so wie vier Jahrzehnte zuvor zogen die Feinde Habsburgs am Ende den Kürzeren. Nur Friedrich von Preußen, der „Große“, durfte sich über die gewonnene Provinz Schlesien freuen. Der glücklose Karl hingegen verbrachte den größten Teil seiner Kaiserherrschaft im Frankfurter Exil. Einer der wohlhabenden Bürger, die er dort mit Ehrentiteln bedachte, war der geheime kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe, der Vater des Dichters von „Egmont“ und „Faust“.
Der Königstitel, den die Bayern unter Max Emanuel nicht erringen konnten, fiel ihnen schließlich als Geschenk Napoleons in den Schoß. Weil er den Franzosenkaiser in jenem Feldzug gegen Habsburg und Russland unterstützt hatte, der in der Schlacht von Austerlitz gipfelte, durfte sich ihr Kurfürst im Januar 1806 als Maximilian I. die Krone aufsetzen. Das Königreich Bayern bestand bis zur deutschen Revolution von 1918. Die bayerisch-französische Allianz, die Max Emanuel geschmiedet hatte, hielt dagegen nur noch sieben Jahre, dann trat Maximilian mit seinen im russischen Winter schwer dezimierten Truppen zu den Alliierten über, die Napoleon aus Deutschland vertrieben. Der letzte bayerische Monarch, der offen mit Frankreich sympathisierte, war Ludwig II., der „Märchenkönig“. Aber weil seine Schlösser die Staatskasse noch rascher leerten als die Prachtbauten Max Emanuels, unterschrieb er schließlich jenen Brief, der dem Preußenkönig Wilhelm zulasten der Franzosen die deutsche Kaiserkrone antrug. Als Gegenleistung bekam er von Bismarck einen Haufen Geld. So hatten sich die Zeiten geändert.
Source: faz.net