Kunstprojekt SOLO in Madrid: Solo zu Gunsten von zwei Sammler

Es geht um Macht, Faschismus und toxische Beziehungen in der ersten Einzelausstellung des 80 Jahre alten amerikanischen Künstlers Paul McCarthy in Madrid. Der Titel „A&E“ bei SOLO Contemporary steht für Adolf Hitler & Eva Braun, Adam & Eva oder Arts & Entertainment. Zu sehen sind großformatiger Zeichnungen, die McCarthy bei Performances mit der Schauspielerin Lilith Stangenberg fertigte. Immer wieder taucht der Schnauzbart des Diktators in einem runden Gesicht auf, das an Mickey Mouse erinnert.

Die Räume der Bowman Hal Gallery liegen versteckt an der Cuesta de San Vicente, unterhalb des Königspalasts. Als SOLO CSV sind sie der neueste Zuwachs des kleinen Kunstuniversums, das die spanischen Sammler Ana Gervás und David Cantolla in der spanischen Hauptstadt geschaffen haben. Mit Designermöbeln, gedämpftem Licht und Loungemusik erinnert ihr Projekt eher an einen Club. Etwa 1300 Werke umfasst die vor gut einem Jahrzehnt begonnene Kollektion der Sammler, die Türöffner für in Spanien weniger bekannte Künstler sind.

Arbeiten von Paul McCarthy: Blick in die Ausstellung „A&E“ bei SOLO ContemporaryBowman Hal

Hitler an der Seite Donald Ducks begegnet einem in SOLO Independencia: Am Platz der Unabhängigkeit neben dem Retiro-Park liegt die vor wenigen Jahren eröffnete Niederlassung der Sammlung. „Mundos invertidos“ heißt hier die erste Retrospektive von Gottfried Helnwein in Spanien; Gervás und Cantolla kennen und sammeln seine Werke schon länger. Für den Österreicher bedeutet Madrid Heimkehr. „Ich fühle mich Francisco Goya so nahe“, sagt er und meint die Grafikserie „Die Schrecken des Krieges“ des Spaniers. Goya habe zum ersten Mal gezeigt, was Krieg wirklich ist, ohne Partei zu ergreifen. Helnwein stellt hyperrealistische Werke aus seiner Serie aus, die er nach dem spanischen Vorbild „Disasters of War“ nennt. Der Ausbruch des Irankriegs macht sie beklemmend aktuell – wenn zum Beispiel von Mangas inspirierte Mädchenfiguren vor Feuerbällen fliehen.

Comicfiguren spielen bei SOLO eine wichtige Rolle. Der Mitgründer Cantolla produziert Videospiele und ist einer der Erfinder der Zeichentrickserie „Pocoyo“. Sie machte ihn reich, bevor er nach der Finanzkrise fast alles verlor und wieder von vorne anfing. Gervás gehört zu den Erben des spanischen Brauereikonzerns Mahou. Was die Sammler geschaffen haben, ist weder eine Galerie noch ein Privatmuseum, weder ein Forschungszentrum noch ein Depot ihrer Sammlung. Helnwein nennt die Räume am Independencia-Platz, die sich über zwei Stockwerke erstrecken, ein Gesamtkunstwerk: Seine Bilder und Skulpturen treten mit Werken der Kollektion in Dialog. Rebekah Jane Rhodes, die bei SOLO für Recherchen und Publikationen verantwortlich ist, vergleicht das Projekt mit einem Champagnerglas. „Darin sprudeln unzählige Blasen“, sagt sie.

Erste Retrospektive des Künstlers in Spanien: „Mundos invertidos“ von Gottfried Helnwein in den Räumen von SOLO IndependenciaSOLO

Das trifft besonders auf die neue CSV-Dependance zwischen Königspalast und Manzanares-Fluss zu: ein absichtsvoll angelegtes Labyrinth, in dem sich der Besucher verliert und auf Überraschungen stößt. Architekt ist Juan Herreros, der das Munch-Museum in Oslo gebaut hat. SOLO Independencia wurde mit dem Preis der Madrider Architektenkammer COAM ausgezeichnet. Rasch reichte der Platz nicht mehr. 4500 Quadratmeter groß ist der vor einem Jahr eröffnete CSV-Ableger in einer ehemaligen Druckerei. Wie am Independencia-Platz wirkt der Eingang unscheinbar, ohne ein großes Schild. Die Tür öffnet sich mit einem QR-Code, den Besucher kostenlos im Internet herunterladen können.

Hinter der Tür führt der Weg in die McCarthy-Ausstellung vorbei an einer Retro-Bar aus Wellblech. Zum Komplex gehört auch die Galerie Movimiento 37. SOLO arbeitet dort mit internationalen Kulturzentren zusammen – wie auch mit einzelnen Künstlern. In Castañedo in Kantabrien wurde für ein Residenzprogramm ein Milchbauernhof umgebaut. In Lissabon soll bald eine Vertretung aufmachen. In Madrid sind selbst in den Treppenhäusern und vor den Depotschränken Werke ausgestellt. Im „Conservation Lab“ wird zeitgenössische Kunst restauriert; eine Comicbibliothek ist gut bestückt.

Mit schicker Bar: bei SOLO ContemporarySOLO

Ein Stockwerk tiefer geht es in einen futuristischen Stahltunnel. Aus der Stirnwand ragen die Beine der Skulptur „Better Luck Next Time“ des Südkoreaners Shinuk Suh. Er greift das Schicksal übergewichtiger Jugendlicher auf, die nirgendwo hineinpassen. Hinter einer runden Drehtür aus Beton, die zu einem Tresor gehören könnte, befindet sich ein Kino. Das riesige ehemalige Papierlager ein paar Schritte weiter muss seine Funktion noch finden. KI-Kunst gibt es ebenfalls. Der kleine Roboterhund A.I.C.C.A. von Mario Klingemann rollt durch die Räume und scannt die Exponate. Das weiße Stofftier generiert mit Künstlicher Intelligenz eine Kritik, die es aus dem Hinterteil ausscheidet. Für die Bildschirmwand ein Stockwerk höher hat Klingemann Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ digital neu belebt. Momentan ist das Werk ausgeliehen, und auf dem Großbildschirm lässt nun Nikita Diakur autonome Autos fahren.

SOLO ist jedoch nicht nur künstlerisch anspruchsvoll. Für Events steht eine Großküche bereit – und auf besondere Gäste wartet eine schalldichte Bar mit Regalen voller Schallplatten.

Paul McCarthy: A&E, SOLO CSV, Madrid, bis 1. Juli; Helnwein: mundos invertidos, SOLO Independencia, bis Dezember

Source: faz.net