Kunstmesse TEFAF in Maastricht: Wer braucht nicht den Trost welcher Schönheit?

Hier gehen einem die Augen über, so reich ist das Angebot an spektakulären Kunstwerken und Antiquitäten, an Wunderkammerstücken, Designobjekten, historischen Büchern und Manuskripten, an Skulpturen aus der römischen Antike, dem alten Ägypten, Afrika oder Fernost, Schmuck und Porzellan. The European Fine Art Fair, kurz TEFAF, hat in Maastrichts Kongresszentrum wieder ihre Tore geöffnet, einmal mehr in Zeiten schwerer weltpolitischer Krisen. An der Tankstelle um die Ecke steht der Liter Super-Benzin bei über 2,20 Euro, Preisentwicklung ebenso unklar wie der Fortgang des Krieges gegen Iran.

Schätze aus sieben Jahrtausenden

Bei den Händlern in den Messehallen herrscht dennoch die Zuversicht, die es braucht, um auf der prestigeträchtigsten Messe für Kunst und Antiquitäten das Beste vom Besten aus dem eigenen Angebot zu präsentieren: Schätze aus sieben Jahrtausenden, vor allem alte Meister und Antiquitäten, zu sehen an Ständen von 276 Ausstellern aus 24 Ländern. In den Gängen drängt sich an den Vorschautagen das internationale VIP-Publikum aus Museumsleuten, Experten und wohlhabenden Sammlern derart, dass Schlangen an den Bars mit Austern und Trüffelkäsehäppchen entstehen. Auch eine Delegation des Louvre Abu Dhabi sei angereist, wird versichert – wobei man sich als potentieller Verkäufer durchaus fragen mag, wie die Kunstkostbarkeiten im Falle eines Falles am Golf eigentlich gesichert würden. Doch an Interessenten aus den USA und dem Fernen Osten fehlte es gleichfalls nicht, wenn auch die europäische Kundschaft traditionell am stärksten vertreten ist.

Am Stand der Kunstkammer Georg Laue (München): Matthäus Carl, „Wachsporträt von Hieronymus Baumgartner dem Jüngerenr (1538 bis 1602), Stadtrat in Nürnberg“, 1597,  Mischtechnik im Originalrahmen mit Schiebedeckel, Höhe 17 Zentimeter 180.000 EuroKunstkammer Georg Laue

Von Mangel ist also auf den ersten Blick keine Spur, allenfalls die dieses Jahr etwas filigraner ausgefallenen Blumenarrangements könnten auf eine gewisse Zurückhaltung deuten. Das passte zu den Bahn- und Flugstreiks in Nachbarländern und einem für den Samstag angekündigten Protest von Umweltaktivisten gegen die Messe, deren Klimabilanz von Privatjetflügen Anreisender belastet wird.

Preis auf Anfrage beim Kunsthandel Franke (Bamberg): Porzellanvase der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin mit dem Medaillon-Relief der Prinzessin Luise von PreußenKunsthandel Franke, Bamberg

„Die Menschen kommen zur TEFAF“, trotz des ganzen Wahnsinns, der sich in der Welt abspiele, sagt der Münchner Kunsthändler Georg Laue, und erfreuten sich an der Schönheit der Dinge. Die Messe ist auch ein Zufluchtsort. Seinen Stand widmet Laue dieses Jahr dem Werkstoff Wachs, und gleich am ersten Messetag hätten mehrere Museen, teils aus Übersee, Interesse an einer Rarität angemeldet: dem 1587 von Matthäus Carl puppenstubenhaft bis ins Detail ausgearbeiteten Wachsporträt eines Nürnberger Stadtrats im Westentaschenformat. 180.000 Euro soll das nach dem lebenden Vorbild gestaltete Objekt kosten. Auf ethnologische Zeichnungen und Drucke gehen dagegen die Ende des 19. Jahrhunderts etwa von Rudolf Pohl für museale Zwecke gefertigten Wachsbüsten von Menschen aus Asien, Amerika oder Afrika zurück. Als Schauobjekte wirken sie auf den vom Dekolonialismus geschulten Blick der Gegenwart verstörend.

Niedlich ist hingegen die zeitgenössische Puppenstube mit antiken Silberminiaturen, als die mannshoch das Rembrandt-Haus aus Amsterdam bei A. Aardewerk (Den Haag) steht. Einen Kinderkleiderschrank von 1709 in Form eines Hauses gibt es bei Thomas Coulbourn & Sons (Sutton Coldfield) und einen Designerstuhl Gerrit Rietvelds von 1950, der so ästhetisch anspruchsvoll wie unbequem aussieht, bei Van den Bruinhorst (Kampen). Zwei besondere Raritäten bietet Vanderven Oriental Art (’s-Hertogenbosch) für 750.000 Euro an: ein Paar „Vogelkäfig-Vasen“, hergestellt um 1700 in Japan.

Antiquarische Rarität bei Dr. Jörn Günther Rare Books (Basel): „St. Pantaleon Legendarium“, lateinische Handschrift auf Pergament, Köln, Kloster St. Pantaleon, um 1140 bis 1180, Preis auf AnfrageDr. Jörn Günther Rare Books

Einrichtungsträume auf die Spitze treibt die Galerie Steinitz aus Paris. Ihr Stand mit Parkettboden gleicht einem Salon, der mit Objekten zu königlichen Preisen aus den Chateaux de l’Ancien Régime den Horror Vacui möbliert. Licht, Luft und feinsinnige Korrespondenzen zwischen ausgewählten Objekten bietet dagegen die römische Antikenhändlerin Alessandra Di Castro – Vertreterin einer neuen Generation, die gleichwohl mit ihrer 2009 gegründeten Galerie auf eine bis ins Jahr 1878 zurückreichende Familientradition aufbaut.

Der Wechsel an der Spitze hat nun Methode

Im TEFAF-Leitungskomitee gehört sie zu der Gruppe von Händlern, die die vor 38 Jahren gegründete, von einer Stiftung getragene Messe in Richtung Zukunft führen sollen. Kontinuität in der Leitung und damit eine klare strategische Linie gibt es seit Jahren nicht: Die Direktoren gaben sich zuletzt die Klinke in die Hand, mit fünf Personalwechseln in vier Jahren. Nach dem Abgang von Dominique Savelkoul im Dezember übernehmen nun Mitglieder des Exekutivkomitees im Halbjahrestakt alternierend das Ruder; gerade ist Boris Vervoordt als Präsident und Chairman dran.

Star der TEFAF am Stand von Colnaghi (London, Madrid, New York): Diego Velázquez’ „Porträt Don Sebastián de Huerta“, um 1628/29, Öl auf Leinwand, zu haben für sieben Millionen Eurodpa

Es könnte sich eine Konzentration der Messe auf ihre Kernkompetenzen abzeichnen: alte Kunst, klassische Moderne und Antiquitäten. Schaut man sich die Marktentwicklung des vergangenen Jahres an, könnte das eine kluge Wahl sein, und dass nachrückende Geschäftsleute mit einer sehr traditionellen Auswahl durchaus reüssieren können, beweisen Neuzugänge wie Torres Nieto Fine Arts aus München. Die Verkaufsmodelle sind ganz verschieden: Während der eine junge Kunden mit einer Galerie im Erdgeschoss und auf Instagram findet, setzte der andere auf diskreten Handel als Netzwerker ohne Schau- und Verkaufsräume. Ob die neuen wirtschaftlichen Erschütterungen zur Flucht in Sachwerte motivieren oder eher davon abhalten – wer weiß das schon? Noch ist die Kauflaune dem Bekunden der Händler nach nicht getrübt.

Eine klassische Schönheit bei David Aaron (London): „Stele der Medea“, um 3753 bis 3750 v. Chr.,  Marmor,  Höhe 65,5 Zentimeter, Preis auf AnfrageDavid Aaron

Eine Leistungsschau ihrer Stärken ist die TEFAF so oder so. Landau Fine Arts (Montreal) prunkt mit einem Gemälde von Joan Miró zum Kriegsende 1945. Stolze 25 Millionen Euro soll „Femme rêvant de l’évasion“ kosten. Zwei korrespondierende Gemälde von Claude Monet sind bei Alon Zakaim Fine Art (London) zu erwerben, zu einem Preis „on request“.

Seltenes Großformat: Léon Spilliaert, „Dame mit Pince-nez“, 1907, Mischtechnik auf Papier, 99 mal 73,5 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei den TEFAF-Newcomern Van Herck – Eykelberg aus AntwerpenVan Herck – Eykelberg

Der Star bei dem Londoner Händler Colnaghi ist der Don Sebastián García de Huerta, den Diego Velázquez um 1628/29 in einem großformatigen Ölbild verewigte. Ob es für sieben Millionen Euro ins Ausland gehen darf oder der spanische Kulturgutschutz greift, ist eine offene Frage. Wer den „Salvator Mundi“ auf Walnussholz malte, der am Stand von Agnew aus London mit leichtem Außenschielen segnend auf die Besucher herabblickt, ist im Nebel der Geschichte versunken. Die im Bildaufbau, nicht aber der Figurenauffassung dem teuersten Kunstwerk aller Zeiten, dem Leonardo höchst zweifelhaft zugeschriebenen Weltenretter-Bild, ähnelnde „Ganay-Version“ wird einem Nachfolger des Renaissancegenies zugeordnet.

Spannend ist es auch, auf der TEFAF alte Bekannte aus Auktionen wiederzutreffen. Max Beckmanns „Orchideen-Stillleben mit grüner Schale“ von 1943 wurde voriges Jahr aus der Firmensammlung des Bayer-Konzerns bei Van Ham in Köln für gut 453.000 Euro knapp zum Taxwert versteigert. Die Galerie Utermann (Dortmund) offeriert es nun auf der TEFAF für 950.000 Euro. Seine Unbestechlichkeit bewies das für Qualitätssicherung zuständige „Vetting Committee“ der TEFAF, als es ein mutmaßliches Werk Peter Paul Rubens’ zurück in die Prüfung gab. Der Restaurierungsfonds der Stiftung kommt dieses Mal einem von Firnis arg verdunkelten Rubens in der Dresdner Gemäldegalerie Alter Meister zugute.

Die ideale Frau – nach den Vorstellungen ihrer Zeit: Louis Gauffier, „La Cueillette des Oranges“, 1798, Ö l auf Leinwand, 69 mal 99 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei der Matthiesen Gallery (London)Matthiesen Gallery

Die enge Verbindung zwischen öffentlichen Institutionen und dem Markt würdigt auch eine neue Auszeichnung der Ernst-von-Siemens-Stiftung: Als erste Träger des mit 100.000 Euro dotierten „Preises für Kunst und Handel“ werden im Rahmen der TEFAF das Frankfurter Städel Museum – das aus einer Privatsammlung hervorgegangen ist – und der Kunsthändler Wolfgang Wittrock „für ihre beispielhafte und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ beim Ankauf von Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ ausgezeichnet. Das Preisgeld wird in ein für 2027 geplantes Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Städel Museums eingebracht. So zeigt sich: Kunst, Gemeinwohl und Kommerz können ineinandergreifen.

TEFAF Maastricht , MECC Maastricht, bis 19. März, Eintritt 52,50 Euro

Source: faz.net