Kunst in Kontroversen: Das vitale Russland gegen dies müde Europa

Die Frage, wie man sich als Nation versteht und von anderen verstanden werden möchte, kam in Russland erst auf, als man sich andernorts längst etwas auf den deutschen Intellektualismus oder die französische Feingeistigkeit einbildete. In der Gruppe der Slawophilen um die Brüder Aksakow, Iwan Kirejewski und Alexej Chomjakow artikulierte sie sich 1845 erstmals in der Zeitschrift „Moskwitjanin“, die als Opposition gegen die von Zar Peter I. initiierte Faszination durch den Westen auftrat. Alle Bereiche öffentlichen Lebens, inklusive der Künste, wurden von der Debatte erfasst; dem alten und müden Europa stand plötzlich das junge und vitale Russland gegenüber, das sich gegen den als dekadent empfundenen Akademismus und alles „Fremde“, gegen den Individualismus und die säkular-urbane Kultur hermetisch verschließen sollte, um aus sich selbst heraus eine neue Geisteskultur zu schaffen: fromm, seelentief, gemeinschaftlich-solidarisch, der Einfachheit des ländlichen Lebens verpflichtet. Wer sich dem nicht anschloss, wurde als sapadnik – „Westler“ – abgekanzelt; ein Bekenntnisstreit, der die Intellektuellen über Jahrzehnte spalten und der Musik im Ausland den Nimbus vom kulturellen Fremdkörper verschaffen sollte, der höchstens von den Russen selbst verstanden werden kann.

Source: faz.net