Kunst | Das umstrittene russische Comeback uff dieser 61. Biennale: Die Schattenflotte von Venedig

Die kleine Stadt Pokrowsk in der Region Donezk ist ungefähr 3.000 Kilometer Luftlinie von Venedig entfernt. 2019 errichtete die ukrainische Künstlerin Schanna Kadyrowa dort eine Statue, die ein älteres Denkmal aus Sowjetzeiten ersetzte, einen atomwaffenfähigen Su-7-Jet. Kadyrowas Standbild stellt ein Reh dar, illusionistisch aus Papier gefaltet, aber in Wirklichkeit aus Beton. Als die russische Invasionsarmee näher rückte, beschloss die Künstlerin, die Skulptur abzubauen.

„Der Weg von Pokrowsk nach Venedig ist ein wichtiger Teil dieses Projekts“, erklärt die Kuratorin des Ukrainischen Pavillons auf der Biennale Venedig, Ksenia Malych. „Wir mussten das Reh in der EU zeigen, um zu feiern, dass wir die Skulptur evakuieren konnten – sonst wäre sie zerstört worden.“ Der letzte Halt vor der Biennale ist in Paris, gleich neben dem Hauptquartier der UNESCO.

Das Projekt trägt den Titel Security Guarantees, in Anspielung auf das Budapester Memorandum von 1994, in dem die Ukraine sich bereit erklärte, ihre Atomwaffen aufzugeben. Im Gegenzug versprach Russland, weder militärisch noch wirtschaftlich zu intervenieren. „Papier ist geduldig“, sage ich zu Ksenia Malych, als sie mir das Projekt erklärt. Das ist die Geschichte des ukrainischen Projekts für die Venedig-Biennale, gehört aber auch zur Vorgeschichte der russischen Vollinvasion.

2022 lud die Biennale Russland nicht aus, der Kurator zog sich zurück

Die Biennale di Venezia bildet Weltpolitik ab, so sagt man, und in diesem Jahr gilt das ganz besonders, denn zum ersten Mal seit 2019 gibt es wieder einen Russischen Pavillon auf der Kunstschau. Das bestätigte der Sonderbeauftragte für internationale kulturelle Zusammenarbeit des Kreml, Michail Schwydkoi, Anfang März. Seltsam, findet die – in Russland als ausländischer Agent eingestufte – Plattform Meduza, sei seine Behauptung, Russland habe die Biennale nie verlassen.

Nach dem Überfall auf die Ukraine von 2022 hat die Biennale Russland zwar nicht offiziell ausgeladen, aber es gab erst einmal keine Ausstellung. Die Künstler*innen Kirill Sawtschenkow und Alexandra Sucharewa sowie der litauische Kurator Raimundas Malašauskas, die damals Russland repräsentieren sollten, zogen sich zurück. 2023, zur Architekturbiennale, die immer im Wechsel mit der Kunstbiennale stattfindet, gab es keine Ausstellung.

Im Jahr darauf, als der Brasilianer Adriano Pedrosa die Hauptausstellung 2024 mit dem Titel Foreigners Everywhere kuratierte, vermietete die Russische Föderation ihren Pavillon an Bolivien. Über 20 Künstler*innen, vorwiegend aus Lateinamerika, stellten in jenem Jahr aus. „Die Welt“, so heißt es im kuratorischen Statement, „die durch den Kolonialismus aus den Fugen geraten ist, kann sich durch das Verständnis von Geschichte und den weisen Gebrauch ihrer Lehren selbst wieder ins Lot bringen.“

Ein wenig klingen in dieser Beschreibung die postkolonialen Diskurse der Hauptausstellung an. „Es ging Russland damals nicht um Kunst“, sagt Ksenia Malych im Videocall. „Es ging darum, zu sagen: Wir haben den Globalen Süden in der Tasche. Dieses Spiel mit dekolonialer Rhetorik ist reine Heuchelei.“

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Die Biennale versteht sich als eine offene Institution, so lautet ihre Selbstbeschreibung. Jedes Land, das von der Republik Italien anerkannt wird, kann teilnehmen. Die Biennale di Venezia lehne es ab, so heißt es auf ihrer Website, Zensur auszuüben oder Länder auszuschließen. Wie die Stadt Venedig solle die Biennale einen Platz für Dialog, Offenheit und künstlerische Freiheit bieten. Aber die Großausstellung bildet nicht nur Weltpolitik ab, sondern auch Machtverhältnisse.

Das ist seit ihrer Gründung 1895 so. In den Giardini, einem Park am Ostrand der Stadt, stehen die Länderpavillons der damaligen Großmächte, Großbritannien, Frankreich, Deutschland. Russland ist auch dabei. Andere, oft ärmere Länder und dekolonisierte Staaten, die zunehmend an der Ausstellung teilnehmen, bekommen einen Raum im Arsenal, einer alten Werft, oder mieten sich einen Palazzo in der Lagunenstadt.

So auch der Ukrainische Pavillon. „Unser Projekt ist das Gegenteil des russischen, das behauptet, dass Kultur die Politik transzendiert. Das stimmt natürlich nicht, denn die Russen sind Weltmeister darin, Kunst als politisches Instrument zu benutzen“, sagt Malych.

Koordiniert wird der Pavillon von Anastasija Karnejewa

Noch ist nicht viel bekannt über den Russischen Pavillon. Über 50 Kulturschaffende unterschiedlicher Ethnien aus der Föderation sollen das Land repräsentieren, unter dem Titel The Tree is Rooted in the Sky. Das Thema der Ausstellung sei der Gedanke, dass Politik in zeitlichen Dimensionen existiert, während Kultur zur Ewigkeit spricht. Gehört dann der Krieg gegen die Ukraine zu diesen vorübergehenden politischen Verstimmungen?

Das Gnessin-Institut in Moskau, eine von zwei Musikhochschulen in der Hauptstadt, leitet das Projekt, Anastasija Karnejewa koordiniert den Pavillon, sie hat diese Position seit 2021 inne. Karnejewa ist die Tochter von Nikolai Wolobujew, ehemaliger Geheimdienstler, jetzt stellvertretender Direktor des staatlichen Konglomerats Rostec, das hauptsächlich Rüstungsunternehmen umfasst. Wolobujew ist sanktioniert in Großbritannien, Kanada, den USA und in der Ukraine, Rostec unterliegt EU-Sanktionen. „Am Ende ist es ganz egal, was die Russen nach Venedig bringen, denn die Geste reicht schon“, erklärt Malych. „Sie sagt: Wir sind hier.“

Unterdessen verurteilt die Europäische Kommission das Vorgehen der Biennale. Die Entscheidung, Russland wieder teilnehmen zu lassen, so heißt es in einer Stellungnahme von der Vizepräsidentin der Kommission, Henna Virkkunen, sei nicht vereinbar mit der kollektiven Reaktion auf Russlands brutalen Angriff.

Russlands Teilnahme an der Biennale entspreche nicht der Linie der italienischen Regierung

Deshalb droht sie damit, der Biennale Foundation die Förderung zu entziehen. Das italienische Kulturministerium meldete außerdem am 5. März, dass die Teilnahme Russlands nicht der Linie der italienischen Regierung entspreche. Die Entscheidung sei allein von der Fondazione Biennale und dem Präsidenten der Kunstausstellung, Pietrangelo Buttafuoco, getroffen worden.

Buttafuoco, der seit 2024 den Vorsitz der Biennale innehat, begann seine politische Karriere im neofaschistischen Movimento Sociale Italiano, später arbeitete er als Journalist. 2018 verfasste er für das Online-Magazin Barbadillo eine Kolumne, in der er die Verdienste Putins preist. „Russland hat den Krieg in Syrien gewonnen, das Mittelmeer befriedet und damit eine Flüchtlingskatastrophe in Italien verhindert. Aber für die Transatlantiker ist es ein Schurkenstaat.“

Putin, so schreibt Buttafuoco, sei ein wahrer Staatsmann der Rechten. Jetzt verteidigt er die russische Teilnahme an der Biennale und sagt, die Kunstausstellung sei für alle offen. Der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, erklärte, der Pavillon werde nur geschlossen, falls Russland Propaganda betreibt, als könnte man eine klare Grenze zwischen staatsnahen Kulturinitiativen und Propaganda ziehen.

Die Rolle der V-A-C Foundation von Novatek-Anteilseigner Leonid Michelson

Wie mit einer Schattenflotte ist Russland über die Giardini hinaus in Venedig präsent. Da hat der Sonderbeauftragte Schwydkoi ganz recht: Russland war nie weg. „Das System russischer Kulturinitiativen im Ausland ist seit Jahren am Werk, auf einer hochprofessionellen Ebene“, sagt Ksenia Malych. Da ist zum Beispiel die Scuola Piccola Zattere, in einem Palazzo gegenüber der Insel Giudecca.

Die Institution hat ein Restaurant, sie organisiert Ausstellungen, Vorträge, und in dem Palast am Ufer arbeiten Künstler*innen mit Residenzstipendien. Hervorgegangen ist sie aus der Fondazione per lo sviluppo dell’arte contemporanea Victoria, 2014 von Victoria Michelson als italienische Stiftung gegründet.

Seit 2017: Zusammenarbeit mit der russischen V-A-C Foundation, die sich dem kulturellen Austausch zwischen Russland und dem Rest der Welt widmet. Diese Stiftung hat wiederum Leonid Michelson gegründet, Vater von Victoria, Oligarch und einer der Hauptanteilseigner des zweitgrößten russischen Gaskonzerns, Novatek. Sein Geschäftspartner dort ist eng mit Putin vertraut.

„Kultur ist Waffe und Werkzeug der imperialistischen Politik“

2022 musste die Zusammenarbeit mit der V-A-C in Venedig enden, die Website der Scuola Piccola Zattere verweist auf „die tragischen Ereignisse in der Ukraine“. Die Aktivitäten der Scuola in Venedig laufen indes weiter. „Das ist Teil einer ideologischen Strategie. Kultur ist Waffe und Werkzeug der imperialistischen Politik“, sagt Malych, als ich sie auf die Stiftung anspreche. „Das wird nur sauber und freundlich mit kulturellem Anspruch überdeckt.“

Wenn Kulturinstitutionen mit Verbindungen zu mächtigen Oligarchen vorgeben, nicht politisch zu sein, ist das ein symbolischer Sieg unter falscher Flagge. „Ich mache mir nichts vor, ich glaube nicht, dass die offenen Briefe die russische Teilnahme stoppen werden“, sagt mir die Kuratorin Malych noch. „Aber es tut gut, zu sehen, dass es Initiativen dagegen gibt und dass wir das nicht anstoßen müssen. Wir sind nicht allein.“

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