Eine junge Frau, schwarze Locken und Hoodie, schlendert mit zwei Postkarten in der Hand aus dem Geschäft, das zum linken Hausprojekt Kastanie 85 gehört. Sie sei gerade auf Berufsbildungsfahrt in Berlin und mit noch drei Freunden hier, alles angehende Medienkaufleute. Gerade haben sie frei, „und wir haben uns gedacht, wir nutzen das, um einfach mal herzufahren“. Sie kannten den Laden nicht, aber als sie von der „Weimer-Sache“ hörten, wollten sie unbedingt hin.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat neben der Buchhandlung in Prenzlauer Berg noch zwei weitere Buchläden in Göttingen und Bremen von der Nominiertenliste für den Buchhandlungspreis 2025 entfernen lassen. Als Begründung lässt der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ nennen. Was das konkret bedeuten soll, ist unklar. Die beiden Inhaberinnen des Ladens erfuhren davon aus der Presse. Die Preisverleihung im Rahmen der Leipziger Buchmesse hat Weimer inzwischen abgesagt. Eine angemessene Würdigung der Preisträger sei nicht mehr möglich.
An der abgeblätterten Häuserwand klebt eine ganze Reihe mit Aufklebern: „Frauen, bildet Banden!“, darunter Antifa-Sticker und Aufrufe zu linken Demonstrationen. Ein Buch, das im Schaufenster steht, heißt Blumen und Brandsätze. Oh làlà. Ist das etwa eine Reminiszenz an die Baader-Meinhof-Gruppe? Es stellt sich raus, dass es in Kaus Neumanns Buch um den Umgang mit Flucht und Migration seit dem Mauerfall geht.
Die Chefin: völlig überrumpelt
„Ich weiß nicht, was an Gleichheit extrem ist oder was an Feminismus extrem sein soll“, sagt die junge Frau aus Kiel. Solche Läden gebe es in Schleswig-Holstein nicht, sagt sie, „leider“. Ihr Begleiter präsentiert einen Bildband, den er gerade im Laden gekauft hat, es geht um Wohnungslosen-feindliche Architektur. „Das ist extrem!“
Der Buchladen ist klein, die 50 Quadratmeter sind auf zwei Räume verteilt. Bücher von Sven Beckert, Leïla Slimani oder Steffen Mau fallen ins Auge. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Marion Liebhold muss rangehen. Sie ist eine der Inhaberinnen.
Dann nimmt sie sich kurz Zeit, wir gehen vor die Tür. Sie ist von der Wolfram-Weimer-Nachricht überrumpelt worden. Wie geht es ihr?
„Im ersten Moment war das natürlich schon ein Schock, und es ist für uns weiterhin sehr aufregend, auch überfordernd“, sagt sie. „Weil eine riesige Welle von Presseanfragen über uns schwappt, aber auch eine gigantische Solidaritätswelle. Mit Mails, mit freundlichen Anrufen, mit privaten Nachrichten. Menschen aus Nürnberg sind extra angereist! Und wir fragen uns: Was passiert da gerade politisch, was ist der Hintergrund dieser völlig intransparenten Form von Einmischung durch den Kulturstaatsminister?“
An den rechtlichen Dingen ist gerade ein Team von Anwälten dran, die gegen Weimer klagen wollen. Sein Verbot sei rufschädigend. „Jetzt kommen Journalist:innen in unseren Buchladen und suchen nach dem Verbotenen: Was haben Sie denn hier? Die Frage wurde uns mehrfach gestellt.“
Wenn rote Linien überschritten werden
Geht von hier eine Gefahr aus?
„Das ist dann nicht mehr nur lustig, es ist der Effekt von Weimers Einmischung. Der Verweis auf die vermeintlichen Erkenntnisse des Verfassungsschutzes wirkt wie ein Gerücht.“
Politisch müsste man Weimers Handeln in den Kulturkampf von rechts einsortieren, sagt sie. „Einfach gesagt: Weimer, der Autor von ‚Das konservative Manifest‘, mag offensichtlich linke Buchhandlungen nicht.“
Sie empfiehlt aus aktuellem Anlass ein Buch aus ihrem Laden: Rote Linien von Susanne Baer, der ehemaligen Verfassungsrichterin. „Wie das Bundesverfassungsgericht die Demokratie schützt“, lautet die Unterzeile. Die Frage, wann die roten Linien überschritten sind, stellt sich in diesen hoch polarisierten Zeiten immer wieder, von allen Seiten.
Wir gehen wieder rein. In einer Ladenecke hängen bunte Schals, die mit fetten Lettern bestickt sind und 20 Euro kosten. Es prangen keine Namen von Fußballgöttern darauf, sondern „Rosa Luxemburg“ oder „Far from home“. Die Schals seien für die Unterstützung Geflüchteter, sagt Liebhold noch. Dann muss sie ans Telefon.
Ein „Alptraum“, findet die Kundin
Eine blonde Frau in rotem Mantel blättert in einem Bourdieu-Bändchen. Sie sei Übersetzerin französischer Literatur und extra hergekommen, weil sie dachte: Jetzt muss ich mir ein Buch kaufen. Diese Weimer-Geschichte sei ein „Albtraum“, findet sie. „Erst das mit der Berlinale, jetzt das nächste Ding.“ Dieser Mann agiere nach dem Prinzip „reinpieksen, und dann mal sehen, wie weit man gehen kann“. Kultur sei für ihn was Lästiges, koste nur Geld, da würden die Menschen auf komische Gedanken kommen.
Sie sei keine Aktivistin, betont sie, aber sie habe ein Gefühl, das sie noch nie hatte: „Dass man sich vernetzen muss. Wer weiß, was kommt!“ Sie kauft einen Beutel, auf dem sich der Name des Buchladens vorn befindet. Mit dem Beutel will sie durch die Stadt laufen. Freiwillige PR. Verwunderlich, dass hier keine Bücher zu Gaza und Palästina postiert sind, wie in den meisten linken Buchläden.
Dafür einiges über den 7. Oktober und seine Folgen, über Antisemitismus und jüdischen Humor. „Wir leben gerade in bewegten Zeiten“, so ein grauhaariger Mann mit Ledermütze, er müsse etwas kaufen. Er sei aus Kreuzberg, zu Israel habe er ein kritisch-solidarisches Verhältnis. Im Regal stehen Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Thomas Brasch. Und Erich Mühsam, ein Anarchist.
Vorsicht, Brigitte Reimann!
Auffallend auch die Menge ostdeutscher Autoren und Autorinnen. Aufpassen: Brigitte Reimann! DDR! Ein jovialer Typ, grau meliertes Haar, zieht Annett Gröschners Buch Schwebende Lasten aus dem Regal. John aus Seattle, stellt er sich vor, er habe noch eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Gröschner kenne er von der Humboldt-Uni, sie sei im Jahr 1988 seine Kommilitonin gewesen, noch vor dem Mauerfall, erzählt er in gebrochenem Deutsch mit amerikanischem Slang. Die DDR fand er „spannend“. Er habe zuvor Gröschners Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat gelesen, die viel trinken und viel diskutieren: „I like it.“ Und: „Weimer is an idiot.“ Man könnte hier ewig so weiterreden.
Woher hat dieser Laden seinen Namen? Der gehe auf Franziska zu Reventlow und ihre Erzählung Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel von 1917 zurück, sagt eine Mitarbeiterin, und das bedeute für sie: alles im Fluss. Wie jetzt, die Namensgeberin eine „Schwabinger Gräfin“, die die Münchner Bohemewelt beschreibt? Eine erotische Rebellin, und dann noch im Revolutionsjahr 1917?
Auf dem Rückweg, vorbei an Uslar & Rai, nur ein paar hundert Meter. Auch diese Buchhandlung steht auf der Preisträgerliste. Sie haben ein Soli-Plakat für ihre Nachbarn im Schaufenster. Solidarität kommt auch aus Essen: Ein Buchhändler nimmt den Buchhandlungspreis nicht an.