Die Vorstellung vom Golf als sicherem Hafen für Kunstgeschäfte ist gerade in Rauch aufgegangen. Schwarz hing er am Montag über der Museumsinsel Saadiyat in Abu Dhabi, nachdem iranische Drohnen den nahe gelegenen Marinestützpunkt getroffen hatten. Auf der Insel wurde erst kürzlich in Sichtweite der Louvre-Dependance ein neues Nationalmuseum eröffnet; im Herbst soll sie Veranstaltungsort der ersten Ausgabe der internationalen Kunstmesse Frieze Abu Dhabi werden.
Was wird aus der Art Dubai?
Bis dahin ist es noch eine Weile hin, doch schon im April will man im benachbarten Dubai während der dortigen Kunstwoche wieder die Messe Art Dubai abhalten. Bisher haben die Veranstalter sie nicht abgesagt; man beobachte die Entwicklungen genau, heißt es. Doch nach iranischen Luftschlägen auf Hotels, Wohngebäude, den Flughafen und diplomatische Einrichtungen, nach Toten und Verletzten vor allem durch herabstürzende Trümmer von abgefangenen Flugkörpern, nach noch laufenden Rückholaktionen für wegen geschlossener See- und Luftwege festsitzende Urlauber und Geschäftsreisende sieht es trotz Beschwichtigungsvideos von Influencern und entspannten Privatjeteskapaden mancher Vermögender nicht danach aus, dass ein Kunstverkaufs-Großevent in den nächsten Wochen besonders attraktiv wäre. Das Innenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate hat die Bewohner Dubais gerade vor möglichen Raketenschlägen gewarnt.
In Qatars Kulturbetrieb dürfte man derweil erleichtert sein, die dortige Premiere der Art-Basel-Messe im Februar heil über die Bühne gebracht zu haben. Nun ist auch dieses Emirat Ziel von Luftangriffen aus dem von den USA und Israel angegriffenen Gottesstaat – ebenso wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman, Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien und Irak, außerdem Syrien, Zypern und Aserbaidschan.
Schließung bis auf Weiteres
Für Museen und kommerzielle Galerien in der Golfregion heißt das: Schließung aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres, ganz gleich ob große staatliche Häuser oder kleinere private Kunsthandlungen. In Beirut, wo Israel die Hizbullah-Hochburgen bombardierte, hält die libanesisch-deutsche Galeristin Andrée Sfeir-Semler ihre Räume zwar noch geöffnet – um vorherigen Anruf wird gebeten –, doch das kann sich jederzeit ändern. Der Nahe Osten, auf den die großen Player am Kunst- und Luxusgütermarkt – Museen, Galerien, Messebetriebe und Auktionshäuser – zuletzt Hoffnungen gesetzt haben, droht durch den amerikanisch-israelischen Angriff in einen Konflikt hineingezogen zu werden, dessen Dauer, Schwere und Reichweite noch nicht absehbar sind.
Für die reichen Golfstaaten ist der Kulturbetrieb kein ganz kleiner Nebenaspekt: Er steht für die so einträgliche wie identitätsstiftende Rolle als selbstbewusster Akteur zwischen den Großmächten, die sie spielen wollen, ihre Zukunftsvision. Um alles geht es dagegen für Menschen in Iran und der iranischen Diaspora. Die Zeitung „The National“ aus Abu Dhabi hat Kulturschaffende in Teheran und Exil-Iraner in den Emiraten befragt, die zwischen Hoffen, Bangen, Erleichterung und Schuldgefühlen schwanken. Kunst und Politik sind wieder einmal nicht voneinander zu trennen.
Source: faz.net