„Kufiyas in Buchenwald“: Zwischen Holocaust-Relativierung und Erinnerungskultur

In Buchenwald spitzt sich die Debatte um die Völkermordvorwürfe gegen Israel zu. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner spricht von Holocaust-Relativierung


Gedenken in Buchenwald: Nach dem abgesagten Protest halten Polizisten gebührend Abstand

Foto: Vasily Krestyaninov/Zuma Press/picture alliance


Kurz bevor die erste Rede beginnt, strömen immer mehr Menschen auf den ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Am Ende stehen Hunderte dort, um der Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung beizuwohnen – und doch wirkt der Platz leer. Von der kleinen Bühne aus sind dunkel die Fundamente zu erkennen, wo einst die Baracken standen. Ein kahler Wald umgibt das ehemalige Lager. Die Dimensionen des Ortes sind unvorstellbar.

Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, eröffnet pünktlich um 13.30 Uhr mit seiner Rede. Als Erstes begrüßt er die zwei Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, die unter den Zuhörer:innen vor Ort sind. Alojzy Maciak aus Polen und Andrej Iwanowitsch Moiseenko aus Belarus, beide fast 100 Jahre alt. Wagner mahnt: Je weniger Zeitzeugen des deutschen NS-Terrors noch lebten, desto mehr stünden Gedenkstätten unter Druck.

Streit um die Erinnerungskultur

Die Erinnerung werde zur Bühne für Selbstdarstellung bei aktuellen politischen Themen. „Rechtsextreme greifen die Erinnerungskultur an, diffamieren sie als sogenannten Schuldkult, sprechen vom Nationalmasochismus“, sagt Wagner. Dann erklärt er, worüber er nicht sprechen möchte: Vor der Gedenkveranstaltung gab es eine „Versammlungsanmeldung linkssektiererischer und teils auch antisemitischer Gruppierungen“, sagt Wagner. Doch auf die gehe er nicht weiter ein.

Die Gruppen, die Wagner meint, haben sich in der Kampagne „Kufyias in Buchenwald“ organisiert. Laut eigener Darstellung gehören dazu unter anderem das „International Jewish Antizionist Network“, die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ und die „Kommunistische Organisation“.

Sie hatte kritisiert, die antifaschistische Geschichte des Lagerwiderstands werde „zunehmend verleugnet und nichtjüdische Opfergruppen ausgeblendet“. So werde das Gedenken instrumentalisiert, um den „Genozid in Palästina“ zu legitimieren. In einer Pressemitteilung stellt die Initiative dabei die Singularität des Holocausts infrage. Sie fordert, stattdessen solle es „eine offene Thematisierung des Völkermords in Gaza in der Gedenkstätte Buchenwald“ geben.

„Kufiyas in Buchenwald“ sagen Mahnwache ab

Um ihre Forderungen zu unterstreichen, hatte „Kufiyas in Buchenwald“ ursprünglich für den Sonntag eine Mahnwache an der Gedenkstätte angemeldet. Allerdings verlegte die Versammlungsbehörde Weimar den Kundgebungsplatz von Buchenwald in das Stadtzentrum, auf den Theaterplatz. Mit einem Eilantrag gegen die Auflage scheiterte die Initiative vor dem Verwaltungsgericht.

Dort ist eine Stunde vor dem offiziellen Gedenken in Buchenwald noch nichts los. „Kufiyas in Buchenwald“ sagte die Kundgebung kurz zuvor ab. Zwei uniformierte Mitarbeiter:innen des Ordnungsamtes schlendern mit Pappbechern bestückt am Goethe-Schiller-Denkmal entlang, während zwei Mannschaftswagen in einer Ecke geparkt sind. Auch wenn sonst nichts mehr auf die abgesagte Veranstaltung hindeutet, findet wenige Meter entfernt ein Gegenprotest mit rund zweihundert Teilnehmer:innen statt. Sie schwenken Israel- und Antifa-Fahnen.

Hape Kerkelings Großvater war Gefangener

Im ehemaligen KZ Buchenwald spricht zwei Stunden später Hauptredner Hape Kerkeling. Der Großvater des Komikers, Hermann Kerkeling, war als Kommunist im KZ Buchenwald eingesperrt. Zeitlebens habe er nicht darüber gesprochen. Vor Kerkeling steht noch Lena Sarah Carlebach am Redepult. Die Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald Dora und Kommandos (IKBD) ist ebenfalls Enkelin eines Buchenwald-Überlebenden: Emil Carlebach war jüdischer Kommunist und Widerstandskämpfer und wurde ab 1938 im KZ inhaftiert.

Es sei ihr eine Ehre, sagt Lena Sarah Carlebach, anlässlich des „81. Jahrestags der Befreiung und Selbstbefreiung des KZ Buchenwald“ zu sprechen. Sie erinnert an den Widerstand im KZ, wie die Häftlinge am 11. April 1945 schon Teile des Lagers erobert hatten, als die US-Armee eintraf. Bis dahin hatte der deutsche NS-Staat mehr als 278.000 Menschen aus mehr als fünfzig Ländern im Lager gequält: politisch Verfolgte, Jüd:innen, Queere, Sinti und Roma, sogenannte „Asoziale“. Geschätzt 56.000 Menschen ermordeten SS und Wärter:innen im KZ Buchenwald.

„Eine Holocaustrelativierung können wir nicht dulden“

Nach dem Gedenken will ein Mann mit weißem Bart vom berüchtigten Tor ein Foto machen. Die Inschrift lautet „Jedem das Seine“. Um den Hals trägt er eine Kufiya. Ein Sicherheitsmann eilt herbei. „Warten Sie, ich helfe Ihnen“, sagt er und hält das Tor auf, damit der Mann mit Kufiya in Ruhe die Inschrift fotografieren kann.

Auf Social Media veröffentlichen die „Kufyias in Buchenwald“ am Sonntag ein Video. Eine Gruppe von Jüd:innen der Kampagne habe am Samstag eine Mahnwache auf dem Gelände der Gedenkstätte abgehalten. Die Bilder zeigen sechs Personen in weißen T-Shirts. In schwarzen Lettern steht auf dem Rücken: „Von Buchenwald nach Gaza, Widerstand bis zur Freiheit“.

Jens-Christian Wagner läuft nach der Gedenkfeier noch auf den Wegen zwischen den Fundamenten der Baracken über das Gelände. Auch wenn er auf der Bühne nicht über die Kampagne reden wollte, jetzt tut er es. Den Spruch auf den T-Shirts halte er für „eine Form der Gleichsetzung des Holocausts, der Shoah, mit dem Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen“.

In sachlichem Ton sagt er zu Gaza: „Ich glaube auch, dass da Kriegsverbrechen begangen wurden.“ Trotzdem sei eine Gleichsetzung „an diesem Tag, an diesem Ort, zu diesem Anlass, eine Holocaust-Relativierung“. Er holt kurz Luft. „Das können wir nicht dulden.“

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