Künstliche Intelligenz: Sie bringt die KI ins deutsche Kino

An diesem Montag, dem 2. März, beginnt Yoko Higuchi-Zitzmann ein neues Leben. Am Freitag hat sie nach 26 Jahren ihre Karriere in der klassischen Filmindustrie mit Stationen bei Constantin Film, Pantaleon und Telepool beendet. Jetzt startet sie neu durch, als Gründerin und Chefin ihrer eigenen Filmgesellschaft.

Ihr Plan: von München aus die Branche aufmischen. „Wir wollen einen europäischen Champion für KI-Filme schaffen“, sagt die Filmmanagerin und Produzentin selbstbewusst. Ihr schweben keine kleinen Nischenspielereien vor, sondern große, kommerzielle Filme für die Kinoleinwände, Serien und Kurzfilme. Mit ihrer Yoko Holding wagt sie sich unter die Pioniere der Künstlichen Intelligenz.

Die KI ist zurzeit die wohl größte Herausforderung der Filmbranche. Sie rüttelt zwischen Hollywood, Bollywood und Babelsberg durcheinander, was jahrelang Bestand hatte. Versetzt Schauspieler, Synchronsprecher, Drehbuchautoren und etliche andere Gewerke in Angst und Schrecken. Sie alle fürchten, um die Rechte an ihren Geschichten, ihren Stimmen, Gesten und Gesichtern gebracht zu werden – und vor allem auch um ihre Jobs. Die KI bringt manch einen Cineasten an den Rand der Verzweiflung und beschäftigt Heerscharen von Juristen, die versuchen, Ordnung in die verworrene Urheberrechte- und Vergütungssituation zu bringen.

Das Thema lässt niemanden kalt. Für die einen naht – wieder einmal – das Ende des Films. Die anderen wittern ein großartiges Geschäft: eine Revolution, die gerade beginnt und von ihnen mitgestaltet werden möchte.

Eine der mächtigsten Frauen der Filmbranche fängt neu an

Wo Higuchi-Zitzmann steht, ist klar. Sie will ganz vorn mitmischen. Namhafte Investoren und Partner aus der Tech- und Medienbranche hat sie schon an Bord, Namen wird sie erst in ein paar Wochen nennen. Nun stehen die Geldgeber bei Investments in der Filmbranche in diesen Tagen nicht unbedingt Schlange. Aber Higuchi-Zitzmann ging es wohl ein bisschen wie Roger Avary. Als der Ko-Autor von „Pulp Fiction“ kürzlich Geld für seine KI-Produktionsgesellschaft einsammeln wollte, da sei das Schlagwort KI bei den Wagniskapitalgebern sehr hilfreich gewesen, sagte er in einem Interview: „KI mobilisiert Kapital.“

Man könnte auch sagen: KI weckt Begierden, ist ein Versprechen auf die Zukunft. Für Higuchi-Zitzmann ist das keine Bedrohung. Die Technikskepsis vieler Deutscher ist ihr nach eigener Auskunft fremd. „Vielleicht liegt es an meiner japanischen Herkunft“, sagt sie mit einem Lächeln. „Ich habe keine Berührungsängste mit technischer Innovation. Japan war da immer schon Vorreiter.“ Sie denkt dabei an die Animationsfilme des Oscar-Preisträgers Hayao Miyazaki, aber auch an die kurzen, gerade mal einminütigen Mikrodramen und -serien fürs Handy, die in der Regel von einer KI gemacht werden und einen riesigen Hype in Asien entfacht haben.

Higuchi-Zitzmann kam nordwestlich von Osaka zur Welt. Sie kam mit ihrer Familie nach Deutschland, als sie sieben Jahre alt war. Ihr Vater war ein Topmanager in der japanischen Pharmabranche. Später zogen die Eltern weiter nach London. Sie blieb im Rheinland, ging zum Jura-Studium nach München, erhielt ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, verliebte sich in einen Oberfranken und erfüllte sich nach ihrem Studium einen lang gehegten Traum.

„Ich habe direkt in der Filmbranche angeheuert.“ In ihrer Familie sei das einer kleinen Revolution gleichgekommen. „Ich komme aus einer sehr konservativen Familie von Bankern, Ärzten und Anwälten. Film war da eigentlich nicht vorgesehen.“

„Mit KI beginnt eine neue Film-Ära“, sagt Higuchi-Zitzmann.Thomas Dashuber

Ihr Einstieg ins Filmbusiness gelang ihr 1999 beim Arthouse-Filmverleih Prokino. Nach fünf Jahren warb sie der Marktführer Constantin Film ab, wo sie zur Leiterin des internationalen Lizenzhandels aufstieg. Von der Distribution wechselte sie auf die Produzentenseite.

Mit „Mein Blind Date mit dem Leben“ gewann sie 2017 zwei Bambis, ihre sechsteilige Serie „Herzogpark“ beleuchtete mit Starbesetzung die Abgründe der Münchner Schönen und Reichen. Anschließend sammelte sie Management-Erfahrungen als Ko-Geschäftsführerin bei Pantaleon Films, hinter der unter anderem Matthias Schweighöfer steht, und zuletzt als Chefin der Telepool von Hollywood-Star Will Smith. Sie gilt als eine der starken Frauenstimmen im Filmgeschäft. Der „Hollywood Reporter“ zählte sie sowohl 2023 als auch 2024 zu den 40 mächtigsten Frauen der Branche.

In den vergangenen Jahren hat sie sich intensiv mit KI beschäftigt. „Gerade bei Historienfilmen, Fantasy- und Märchen-Welten, Action-Streifen, aber auch Dokumentarfilmen eröffnet die Technik ganz neue Möglichkeiten“, sagt sie. „Mit KI beginnt eine neue Film-Ära.“

Urheberrecht: Disney und Universal verklagen Midjourney

Dass es derzeit viel Kritik an den schon existierenden KI-Filmen gibt, hält sie durchaus für berechtigt. „Da ist viel Trash im Umlauf. Viel billig produzierter Mist.“ Außerdem ging es in der Branche bislang zu „wie im Wilden Westen“. Jeder habe sich einfach bedient ohne Rücksicht auf Urheberrechte oder Vergütungsfragen. Zudem haben die Hollywood-Giganten sich gegen die Neulinge gewehrt.

So verklagten die Konzerne Disney und Universal das Tech-Start-up Midjourney wegen Verstößen gegen das Urheberrecht. Ihr Argument: Mit der KI des Unternehmens lassen sich täuschend echte Bilder und Videos von Filmgrößen wie Shrek oder Darth Vader erschaffen, mithin endlos unautorisierte Kopien von urheberrechtlich geschützten Figuren.

Nun aber schlagen die Filmkonzerne einen neuen Ton an; es geht um Kooperation statt Konfrontation. Im Dezember 2025 kündigten Disney und Open AI überraschend eine Partnerschaft an. Disney investiert eine Milliarde Dollar in Open AI mit seiner KI-Videoplattformen Sora und sichert sich damit eine Minderheitsbeteiligung an dem KI-Unternehmen. Die Nutzer von Open AI dürfen im Gegenzug Videos mit 200 Charakteren aus der Disney-Welt erstellen. Man wolle den technologischen Fortschritt aktiv mitgestalten, anstatt von ihm überrollt zu werden, kommentierte Disney-Chef Bob Iger den Schritt.

Wie KI-Filme gut genug fürs Kino werden sollen

Higuchi-Zitzmann bezeichnet diesen Pakt der beiden Marktführer als Wendepunkt. Fortan werde alles in rechtliche Bahnen gelenkt, der Wildwuchs zurechtgestutzt, das Feld vermessen und bestellt.

Nur an der Qualität hapert es offenkundig noch erheblich. Sie entspricht bisher nicht dem Standard hochwertiger Filme in Spielfilmlänge. „Wer heute einen KI-Film in die Kinos bringen wollte, würde bitter draufzahlen. Das will kein Mensch sehen“, sagt Higuchi-Zitzmann. Das könne in ein paar Monaten aber schon anders sein.

„Wir stehen kurz vor dem Durchbruch. 2026 wird der große KI-Moment im Filmgeschäft“, schwärmt sie. Die Technik entwickelt sich in einem atemberaubenden Tempo, die Wettbewerber überschlagen sich in ihrem Eifer mit neuer Software: Auf „Runway 4“ folgt „Runway 4 Turbo“, auf „Sora II“ folgt „Google Veo 3.1“, und die Chinesen von Tiktok ziehen nach mit „Seedance II“.

Jede neue Generation ist Welten von der Vorgängerversion entfernt, auch wenn im Kalender nur Monate dazwischenliegen. „In der Branche wird gewitzelt, dass man nicht mehr in den Urlaub fahren kann – aus Angst, den Anschluss zu verlieren“, erzählt Higuchi-Zitzmann. Ihr scheint das allerdings überhaupt keine Angst einzujagen. Ihre Augen glitzern voller Tatendrang.

Zwei renommierte KI-Filmemacher hat sie schon unter Vertrag: Mark Wachholz und Sylvia Nitzsche, beide aus Berlin. Nitzsche hat eine Reihe von Kurzfilmen und Musikvideos mit KI produziert. Wachholz hat sich 20 Jahre lang als Dramaturg und Autor für Thriller, Science-Fiction, Mystery-Filme sowie Computerspiele einen Namen gemacht. Jetzt produziert er KI-Kurzfilme, die auf den ersten internationalen KI-Festivals etliche Auszeichnungen erhielten.

„Beide Namen stehen für herausragendes Storytelling“, sagt Higuchi-Zitzmann, der es sehr wichtig ist zu betonen: Ihre Filme – ob reine KI- oder Hybrid-Filme – fußen auf menschlicher Kreativität. Ihre Geschichten, Drehbücher, Storyboards werden von Menschen entworfen. „Wenn wir ein Team von vier, fünf Autoren für einen Film haben, wird die KI ein Teil dieses Teams sein.“

Die Filmproduktion soll schneller und günstiger werden

Die KI kommt vor allem bei der Gestaltung zum Einsatz. Das soll die Herstellung von Filmen billiger und schneller machen. „Die Produktion eines klassischen Films dauert zwei, drei Jahre. Wir schaffen das innerhalb weniger Monate“, verspricht Higuchi-Zitzmann. Und das für einen Bruchteil des Geldes.

Ein KI-Film, überschlägt sie, kostet im Vergleich zu einer traditionellen Produktion im Schnitt gerade mal zehn bis 30 Prozent. „Man geht eben nicht mehr mit 60 Leuten ans Set.“ Statt alle in die Dolomiten oder die Karibik zu fliegen, werden die Szenen im Hybrid-Film mit echten Schauspielern vor dem sogenannten Greenscreen im Studio gedreht. In reinen KI-Filmen ist auch das überflüssig, da gibt es keine Schauspieler mehr.

Kein Wunder, dass Schauspieler sehr emotional auf die Entwicklungen reagieren. Zum Beispiel auf Tilly Norwood. Bei ihr handelt es sich um die erste „vollständig KI-generierte Schauspielerin“, wie sie die niederländische Produzentin Eline van der Velden auf dem Züricher Filmfestival 2025 vorgestellt hat.

Tilly ist jung, hübsch, und sie altert nicht. Sie hat braune lange Haare, grüne Augen und kommt dabei heraus, wenn man ChatGPT fragt, wie eine international erfolgreiche Schauspielerin mit globaler Anziehungskraft aussähe. So jedenfalls lautet die Legende van der Veldens.

Heute hat Tilly 90.000 Follower auf Instagram und lässt sich als „World’s first AI Actress“ feiern. Hollywood tobt. Etliche Schauspielerinnen haben zum Boykott der Agenturen aufgerufen, die Norwood unter Vertrag nehmen, andere finden Tilly „wirklich, wirklich furchteinflößend“, um die Schauspielerin Emily Blunt zu zitieren. Wieder andere scherzen, sie hätten bereits mit ihr zusammengearbeitet. „Ein Albtraum“, feixte etwa Lukas Gage, der gerade bei der Berlinale zu Gast war. „Sie traf keine Pointe und kam ständig zu spät.“

Bloß nicht zu viel Respekt vor der Konkurrenz aus Amerika und Asien

Yoko Higuchi-Zitzmann schmunzelt über die Aufregung in Hollywood. „Tilly ist in erster Linie ein genialer PR-Gag von einer zuvor unbekannten Produzentin aus Holland. Jetzt kennen auf einen Schlag alle ihr Studio.“ Sie selbst werde Tilly nicht buchen. „Wir werden unsere eigenen Tillys bauen und auch mit echten Schauspielern zusammenarbeiten. Es wird beides nebeneinander geben.“

In diesem Jahr werden vermutlich die ersten KI-Filme in Spielfilmlänge ins Kino kommen. Mit Spannung erwartet die Branche das Debüt des ersten fast kompletten KI-Films auf dem Filmfestival von Cannes. Open AI wird dort den Animationsfilm „Critterz“ zeigen und den Film anschließend weltweit ins Kino bringen.

Es werden also wohl die Amerikaner sein, die den ersten KI-Blockbuster bauen. Und was tut sich in Europa? Verschlafen wir wieder einen Trend? Higuchi-Zitzmann winkt ab. „Europa hat einen leichten Minderwertigkeitskomplex“, sagt sie. „Man denkt hier immer, die Asiaten und die Amerikaner seien viel weiter.“

„Kino war immer schon sehr viel Technik. Und eine große Illusion“

Sie teile diese Furcht jedoch nicht. Im Gegenteil. „In Amerika stehen auch viele Firmen ganz am Anfang. Und während die sich gegenseitig verklagen, können wir hier in Ruhe unsere Studios bauen.“

So entsteht nach einem zaghaften Start auch in Europa gerade ein neues Ökosystem: Filmhochschulen führen KI-Studiengänge ein. Das Studio Babelsberg hat sich nach einer längeren Flaute zurückgemeldet mit dem Ziel, zum „KI-Vorreiter der Branche“ zu werden. Große Film- und Medienkonzerne bauen interne KI-Abteilungen auf, und immer mehr Start-ups legen los.

Mit Storybook Studios in München hat Higuchi-Zitzmann die Konkurrenz direkt vor der Haustür. In Hamburg startet Beta Film mit Chapter 41. In London kurbeln die Wonder Studios das Geschäft an, in Paris hat Moments Lab die ersten Millionen eingesammelt.

Higuchi-Zitzmanns erster Stoff könnte nun ausgerechnet ein religiöses Sujet von Mark Wachholz sein, rund um die zentrale Frage: Hat es Jesus je gegeben? Einen Hauptdarsteller braucht sie vermutlich nicht, den kann ja die KI bauen. Wer hier schluckt oder die Nase rümpft, dem entgegnet sie:

„Aber so war das doch schon immer. Wenn Roland Emmerich Washington in ,Independence Day‘ in Schutt und Asche legt, wenn Will Smith in New York gegen Aliens kämpft, dann war das auch nie alles echt.“ Das galt sogar schon vor bald 100 Jahren, als Fritz Lang „Metropolis“ in die Kinos brachte. Darin war das meiste Holz, Gips und Pappmaché. „Die Werkzeuge ändern sich“, sagt Higuchi-Zitzmann. „Aber Kino war immer schon sehr viel Technik. Und eine große Illusion.“

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