Erstmals dürfen bei der Oscar-Verleihung auch Filme nominiert sein, bei deren Entstehung Künstliche Intelligenz eine Rolle spielte. Noch kann KI keine ganzen Spielfilme erzeugen – aber der KI-Anteil in Filmen wächst.
Ein Hubschrauber kracht in ein Haus, Wolkenkratzer stürzen ein, Flugzeuge brennen, die Menschen in New York sind in Panik. Durch das Chaos aus Trümmern und Explosionen rast die Heldin im Auto, um ihre Tochter zu retten. Dieser dreiminütige Actionclip in den sozialen Medien sorgt gerade für Aufsehen unter Filmleuten.
Was inhaltlich wie eine typische, aufwendig produzierte Hollywood-Katastrophenszene wirkt, ist komplett mit Künstlicher Intelligenz generiert. Das versichern die Produzenten von „The Dor Brothers“, einem auf KI-Inhalte spezialisierten Studio. Dabei sieht das Video wie ein Ausschnitt aus einem Blockbuster aus: Keine erkennbaren Bildfehler, durchweg rasante, aber flüssige Bewegungen und ein opulenter Audiotrack.
Solche ästhetisch perfekten Szenen kann KI mittlerweile erzeugen. „Man bekommt etwas, was auch qualitativ wirklich gut aussieht“, bestätigt Marco Grimm, Professor für Videotechnik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg. Trotzdem ist die Technologie noch längst nicht so weit, dass sie ganze Spielfilme erzeugen könnte. Die Einschränkungen beginnen schon bei den Details einzelner Einstellungen.
Begrenzte Möglichkeiten
„Wenn man jetzt für einen Film bestimmte Szenen erzeugen möchte, dann ist es noch relativ schwierig, genau das zu bekommen, was man als Regisseur haben möchte“, sagt Grimm. „Wir sind halt relativ eingeschränkt darin, mit Sprache bestimmte Bilder ganz genau zu beschreiben. Oder wir müssen sehr, sehr lange Prompts schreiben.“
Besser funktioniert es, die Videomodelle mit Referenzbildern vom Anfang und Ende einer Szene zu füttern. Die KI generiert die Sequenzen dazwischen. Christian Theobalt forscht am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken an digitaler Bildbearbeitung. Er kennt die Fehler, die KI-Modelle noch machen: sprunghafte Bewegungen zum Beispiel oder falsche zeitliche Abläufe. „Man hat dann Artefakte. Die Identität von Personen ändert sich mitunter oder eine Person hat kurz mal drei Beine.“
Schnelle Fortschritte
Aber: Die Videogeneratoren entwickeln sich rasant weiter. Ähnlich wie die großen KI-Sprachmodelle errechnen sie aus der vorangegangenen Bildsequenz nach Wahrscheinlichkeiten die nächste. Mittlerweile gelingen beeindruckende Kurzvideos; die Social-Media-Plattformen sind voll davon. Aber auch wenn die KI noch keinen ganzen Spielfilm schafft, stecken in vielen aktuellen Produktionen schon Algorithmen – in der Farbkorrektur zum Beispiel, in Spezialeffekten oder auch in synchronisierten Fassungen für andere Sprachen.
Synchronsprecher protestieren schon seit Monaten dagegen, dass die Computer bald ihre Arbeit ersetzen. Aber es geht um mehr: Oft sieht das Publikum deutlich, dass es in synchronisierten Filmen nicht wirklich die Sprache der Schauspieler hört. „KI kann die Mundbewegungen der Schauspieler so verändern, dass sie zum neuen Synchron-Audiotrack passen“, sagt Christian Theobalt.
Sein Institut hat diese Technologie mit entwickelt. Überhaupt ist die Dominanz der US-Amerikaner im Videobereich weniger stark als bei den KI-Sprachmodellen. Mit Stable Diffusion und Flux stammen zwei führende Videogeneratoren aus Deutschland, auch aus China kommt starke Konkurrenz.
Honorar für digitale Klone
Allerdings sorgen vor allem die riesigen Summen US-amerikanischer Investoren dafür, dass die Technologie so schnell voran schreitet. Filmproduzenten haben sich mit Schauspielervereinigungen schon darauf geeinigt, wie digitale Klone realer Darsteller honoriert werden. Wenn aber immer größere Teile eines Spielfilms im Computer entstehen, verändert das auch die Sicht des Publikums aufs Kino.
Es wird schwerer einzuschätzen, welchen Anteil Autoren und Regisseurinnen am Film noch haben, sagt Emanuele Arielli, Philosoph an der Universität Venedig: „Wir haben so eine Art menschliche Verbindung zu den Schauspielern, einige verehren wir als Filmstars. Aber wenn wir wissen, dass es eigentlich nur eine KI-Animation ist, dann verlieren wir vielleicht diese Verbindung. Und dann ist der Film weniger interessant. Wir schauen ihn ja nicht nur wegen der Story.“
Ein Oscar für den besten Prompt?
Im Buch „Artificial Aesthetics: Generative AI, Art and Visual Media“ gehen Arielli und der Medientheoretiker Lev Manovich von der New Yorker City University auch der Frage nach, ob KI-generierte Filme noch als menschliche Werke gelten können. Arielli sieht in der neuen Technologie vor allem ein sehr mächtiges Werkzeug, dass die kreativen Möglichkeiten erweitert. Filmproduzenten wiederum schätzen, dass sie damit Kosten sparen können.
Ganz generell behält aber auch mit KI der Mensch die künstlerische Kontrolle, weil er den Algorithmen die Anweisungen gibt, über das Drehbuch entscheidet und die generierten Szenen am Ende auswählt. Vielleicht werden bei künftigen Oscar-Verleihungen nicht nur Schauspieler, Regisseure oder Kameraleute geehrt – sondern auch die, die der Künstlichen Intelligenz die besten Anweisungen gegeben haben.
Source: tagesschau.de