Der Abend für Ida Dehmel in der St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum in Berlin war nur der Auftakt. Mit zahllosen Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und einer Festschrift feiert die GEDOK (Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördernden) ihr hundertjähriges Bestehen. Die fortschrittliche Idee eines spartenübergreifenden deutsch-österreichischen Netzwerks, das bis heute Künstlerinnen Sichtbarkeit und gegenseitige Unterstützung bietet, geht zurück auf Ida Dehmel, eine Kunstförderin, Frauenrechtlerin und eben Netzwerkerin.
„Schwarz oder weiß, nur nit grau, kalt oder heiß, nur nit lau“, lautete das Credo der selbstbewussten und unkonventionellen Dehmel, die sich für die Kunst ihrer Zeit und die Gleichstellung der Frau engagierte. Im Zentrum stand jedoch ihre Liebesbeziehung zu Richard Dehmel, in der Kunst und Leben zur Symbiose wurden. Während sie das Renommee des Dichters als ebenbürtige Partnerin zu nutzen wusste, ist seine Bedeutung mittlerweile hinter ihren Verdiensten zurückgetreten, die sie sich als seine Nachlassverwalterin, in der Frauenrechtsbewegung und mit Verbandsarbeit erwarb.
Aus der ersten Ehe brach sie mit einem Dichter aus
1870 in Bingen geboren, wuchs Ida Coblenz in wohlsituierten Verhältnissen auf. Musisch veranlagt und gebildet, absolvierte sie das klassische Programm für höhere Töchter: Sie lernte Klavierspielen und probierte sich im Malen und Schreiben aus. Früh wurde sie auf den jungen Stefan George aufmerksam, dessen dichterische Anfänge sie als Freundin und kritische Leserin begleitete.
Die vom Vater arrangierte Ehe mit dem Berliner Kaufmann und Konsul Leopold Auerbach brachte der Fünfundzwanzigjährigen kein Glück. Doch in der Reichshauptstadt boten sich ganz neue Möglichkeiten, Kunst zu erleben und zu fördern. In ihrer Wohnung am Tiergarten lud Frau Konsul Auerbach zu fortschrittlichen Salons, wo sich junge Künstler wie Edvard Munch oder der polnische Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski trafen. Hier lernte die mondäne „Tiergartendame“ auch Richard Dehmel kennen, der zu den einflussreichsten Dichtern seiner Zeit werden sollte.
Die Begegnung wurde folgenreich, da die Gastgeberin schwanger und ihr Besucher mit der Kinderbuchautorin Paula Dehmel verheiratet war. Literarisch verdichtet fand sie Eingang in Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“, das von Arnold Schönberg vertont wurde. Es entstand eine komplizierte Dreierbeziehung, bis der betrügerische Bankrott von Konsul Auerbach Ida die Rechtfertigung verschaffte, mit ihrem Sohn Heinz-Lux nach Pankow in unmittelbare Nachbarschaft der Familie Dehmel zu ziehen, wo das Miteinander bald an seine Grenzen stieß.
In Blankenese schuf sie einen Mittelpunkt des künstlerischen Lebens
Um sich dem Skandal zu entziehen, ging das verliebte Paar auf ausgedehnte Reisen nach Italien und Griechenland. Unterwegs begann Richard Dehmel an seinem Versepos „Zwei Menschen“ zu arbeiten, einem Roman in Romanzen, der die neue Liebe zwischen den Seelenverwandten besang. Sein Motto „WirWelt!“ wurde zu ihrem Lebensmotto, unter dem sich das frisch vermählte Paar 1901 in Blankenese niederließ. Im Reformstil von Peter Behrens und Henry van de Velde gestalteten sie ihre Wohnung mit selbst entworfenen Möbeln und empfingen dort zahlreiche Künstler.
Ihre gastliche Selbstinszenierung kam zur vollen Entfaltung, als der benachbarte Architekt Walther Baedeker vorschlug, ein Haus ganz nach ihren Vorstellungen zu errichten. Von Goethes Gartenhaus inspiriert, wurde es zum Gesamtkunstwerk, in dem sich Reform- und Jugendstil mit ersten Bauhausanklängen verbinden. 1913, ein Jahr nach der Fertigstellung, sammelte sich ein illustrer Freundeskreis, um es dem Dichter zum fünfzigsten Geburtstag zu schenken.
Zu den Geldgebern gehörten Schriftsteller wie Thomas Mann, Stefan Zweig und Hugo von Hofmannsthal, die Verleger Samuel Fischer und Paul Cassirer, Unternehmer wie Walther Rathenau, Eberhard von Bodenhausen und Albert Ballin, Wegbegleiter wie Peter Behrens, Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche sowie Vertreterinnen der Frauenbewegung. Sie alle verkehrten im Dehmelhaus oder waren ihrerseits Gastgeber an den Schauplätzen der Moderne in Berlin, Darmstadt, Weimar oder Wien, wenn Ida Dehmel ihren Mann auf Lesereise begleitete.
35.000 Briefe haben dank ihr überlebt
Doch das Glück endete mit dem Ersten Weltkrieg. Von patriotischem Pflichtgefühl erfasst, meldete sich Richard Dehmel freiwillig, bekam eine Venenentzündung und starb bald nach Kriegsende; Ida Dehmels Sohn Heinz-Lux fiel. Zurück blieb die fünfzigjährige Witwe mit ihrem Verlust und dem Verantwortungsgefühl für Haus und Nachlass. Von Beginn an hatte sie Dehmels Manuskripte und seine wie ihre umfangreiche Korrespondenz archiviert.
Es gelang ihr, diese 35.000 Briefe zu sichern, indem sie das Archiv der Universität Hamburg überließ, sowie das Haus zu erhalten, indem sie die obere Etage vermietete. Darüber hinaus setzte sie nach dem Vorbild ihrer älteren Schwester Alice Bensheimer ihr Engagement in der Frauenrechtsbewegung fort. Sie hatte zu den Initiatorinnen des Frauenclubs Hamburg gehört, engagierte sich für das Frauenstimmrecht, gründete 1916 mit der Kunsthistorikerin Rosa Schapire den „Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst“ und 1926 die GEDOK. Zu deren 1933 bereits 7000 Mitgliedern gehörten auch Käthe Kollwitz, Ricarda Huch und Else Lasker-Schüler.
Damit war es dann schlagartig vorbei, da Ida Dehmel als Jüdin sofort den Vorsitz abgeben musste. Aller Ämter und Wirkungsmöglichkeiten enthoben, begab sie sich jahrelang auf Weltreisen, kehrte jedoch nach Hamburg zurück, wo sie sich 1942 mutmaßlich das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen.
Doch ihr Wirken dauert fort: Die GEDOK ist bis heute aktiv, wie die Jubiläumsausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe mit einer Auswahl von fünfzehn Positionen eindrucksvoll zeigt. Und im Dehmelhaus in der Hansestadt, das mithilfe der Reemtsma-Stiftung vorbildlich restauriert werden konnte, wird ihre Lebenswelt wie in einer Zeitkapsel lebendig. Damit hat Ida Dehmel ihr Lebensziel erreicht, etwas zu schaffen, das über sie selbst hinausweist.
Source: faz.net