Krisenprofite von Energieunternehmen: Wer jetzt am Irankrieg verdient

Isabella Weber und Gregor Semieniuk arbeiten als Ökonomen an der US-Universität Massachusetts Amherst. Weber war Mitglied der Gaspreiskommission der Bundesregierung im Jahr 2022 und ist aktuell Mitglied der Schuldenbremsenkommission. Semieniuk arbeitete als Klimafolgenökonom für die Weltbank.

Die Straße von Hormus wird aktuell zum Mittelpunkt der Welt. Während der US-israelische Krieg gegen den Iran Tod, Zerstörung und Umweltverschmutzung in der Region verursacht, drohen der ganzen Welt die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge ist nahezu zum Erliegen gekommen. Bereits jetzt sind die Rohölpreise auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen, gegenüber 60 US-Dollar pro Barrel zu Jahresbeginn. Die Benzinpreise steigen, und Fluggesellschaften kündigen Preiserhöhungen an. Die Regierungen Öl importierender Länder bemühen sich, die Folgen einzudämmen, indem sie, wie einige EU-Staaten, etwa Preise regulieren oder, wie Sri Lanka und die Philippinen, kürzere Arbeitswochen zur Kraftstoffsenkung einführen. Was aber bislang noch wenig diskutiert wird: Wer genau profitiert von diesem Krieg?

Die Öl- und Gaskrise von 2022 bietet eine Vorlage, sie war die jüngste Preisexplosion in dieser Größenordnung, ausgelöst durch Russlands Invasion der Ukraine. In Energy Research & Social Science verfolgen wir in einem Aufsatz, wohin genau diese Gewinne geflossen sind. Dazu haben wir Beteiligungen und Anteilseigentümer aus verschiedenen Datenbanken analysiert und so Netzwerke quatifziert – von den Öl- und Gasunternehmen über den Finanzsektor bis hin zu natürlichen Personen. Zudem zeigen wir auf, dass es Möglichkeiten gibt, Übergewinne zu verhindern und die Gewinne und Verluste dieser Preisschocks gerechter umzuverteilen.

Unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2022 stiegen die Nettogewinne von 1.195 börsennotierten Mineralöl- und Gasunternehmen weltweit auf 916 Milliarden US-Dollar — eine Verdreifachung zum Durchschnitt der Jahren 2016 bis 2021.  Firmen in den Vereinigten Staaten waren die größten Nutznießer: Sie erzielten 281 Milliarden US-Dollar. Dies überstieg die gesamten US-amerikanischen Investitionen in die Dekarbonisierung in jenem Jahr (267 Milliarden US-Dollar). Auch europäische Öl- und Gasunternehmen erzielten Nettogewinne in Milliardenhöhe, wenn auch auf weitaus niedrigerem Niveau als die US-Konzerne.

Außerordentliche Profite

Die Größe des Geldsegens, den Firmen durch den aktuellen Iranschock sehen werden, hängt davon ab, wie lange der Krieg dauert und wie hoch Öl-, Gas- und andere Rohstoffpreise steigen. Doch bei einem Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar — einem Niveau, das bereits 2022 Rekordgewinne hervorbrachte — ist die Tendenz klar. Die Frage ist nicht, ob es diesmal außerordentliche Gewinne aus fossilen Brennstoffen geben wird. Die Frage ist: Wer wird sie erhalten? Und: Haben Regierungen den Willen, einzugreifen?

Was unsere Studie neuartig macht, sind nicht die Gesamtgewinnzahlen, sondern die Analyse des Beteiligungsnetzwerks im Jahr 2022. Sie verfolgt den Fluss der Gewinne bis zu den natürlichen Personen. Dafür wurden mithilfe von Finanzeigentumsdatenbanken die Beteiligungen von mehr als 252.000 Anteilseignern systematisch ausgewertet, von öffentlichen Unternehmen, Private-Equity-Beteiligungen, Pensionsfonds bis zu Family-Offices, also den Vermögensverwaltungen reicher Familien. So konnten wir rekonstruieren, wer letztendlich einen Anspruch auf den Gewinn hatte. Das funktioniert, da eine Kette von Beteiligungen am Ende immer zu natürlichen Personen – oder Regierungen – führt. Ein Unternehmen gehört immer irgendwem, man muss nur die – manchmal schwer zugänglichen – Daten auswerten. Und man muss beachten, dass Fondsmanager wie BlackRock das Vermögen anderer Leute investieren, nicht ihr eigenes.

50 Prozent der fossilen Gewinne gehen an das reichste Prozent

Das Ergebnis ist eindeutig. In den Vereinigten Staaten flossen 50 Prozent aller Gewinnansprüche aus fossilen Brennstoffen an das reichste Prozent der Bevölkerung — über Ausschüttungen und steigende Aktienkurse. Die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung — das sind rund 66 Millionen Haushalte — erhielten ein Prozent der Gewinne, weil sie kaum an der Börse investiert sind, da sie dazu schlicht nicht das Geld haben.

Die obersten 0,1 Prozent, etwa 131.000 Haushalte, erhielten zusammen 26-mal mehr als die gesamte untere Hälfte der US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürger. Die Reichen besitzen große Anteile an allen Finanzinstrumenten, die in Unternehmen der fossilen Brennstoffe investiert sind. Sie sind an ihnen mit Private-Equity-Fonds, Hedgefonds und direktem Aktienbesitz beteiligt. Dagegen greifen private Pensionsfonds, die eine im Vorhinein festgelegte Rente auszahlen und die wichtigste Art der Altersvorsorge für die große Mehrheit der US-Amerikaner sind, auf lediglich 14 Prozent der Gewinne zu.

Die ethnischen und bildungsbezogenen Dimensionen verschärfen diese Ungleichverteilung. Unsere Auswertung von Daten der US-Notenbank zeigt: Weiße Haushalte, die 64 Prozent der Haushalte ausmachen, erzielten in dem Krisenjahr 2022 etwa 87 Prozent der Gewinne. Schwarze Haushalte (Anteil: 14 Prozent) erhielten dagegen nur drei Prozent. Latinohaushalte (zehn Prozent) erhielten ein Prozent. Wer eine akademische Ausbildung hat, profitiert in der Regel: Allein Hochschulabsolventen, die 38 Prozent der Haushalte ausmachen, beanspruchten 79 Prozent des Gesamtbetrags.

Die Krise von 2022 erzeugte eine ausgeprägte Inflationsungleichheit. Die Umverteilung erfolgt über zwei Kanäle. Je ärmer man ist, desto mehr gibt man für Grundbedürfnisse wie Energie aus. Bei US-Haushalten mit niedrigem Einkommen (in Fachsprache: das niedrigste Quintil) machen die Ausgaben für Benzin rund 3,3 Prozent aus. Bei Haushalten mit hohem Einkommen (das höchste Quintil) sind es dagegen 2,1 Prozent. Ärmere Haushalte sind damit überdurchschnittlich stark von Preiserhöhungen betroffen. 

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