Zuerst ging es um gestrandete Passagiere, Sonderrückholflüge und das Aussetzen von Verbindungen in die Golfregion. Einen Monat nach Beginn des Irankriegs ließe sich aus Sicht von Luftfahrtmanagern hinzufügen, dass es vor Wochen „nur“ um diese Punkte ging. Nun treiben Kerosinrechnungen, die sich mehr als verdoppelt haben, und gestiegene Ticketpreise, die zu weniger Buchungen führen, die Fluggesellschaften um. Dazu kommt die Sorge, dass der Kraftstoff nicht nur teuer wird, sondern – zumindest regional – ausgehen könnte.
Der Vorstand der Lufthansa hat deshalb die Vorbereitung von zwei Krisenpaketen beschlossen. Im Ernstfall könnten bis zu 40 Flugzeuge zwangsweise am Boden bleiben. In den USA setzt United Airlines schon Einschnitte um, und in Südkorea hat mit Korean Air die letzte der drei großen Airlines des Landes den sogenannten „Notfallmodus“ aktiviert, um die rasant gestiegenen Treibstoffpreise durch interne Einsparungen zu kompensieren.
Die Lufthansa-Führung hatte zuletzt eine wachsende Zahl besorgter Anfragen von Beschäftigten erreicht. Nun macht Vorstandschef Carsten Spohr klar, was in den nächsten Monaten bevorstehen könnte. „Im ersten Schritt prüfen wir, 20 Flugzeuge aus dem Betrieb zu nehmen, das entspricht 2,5 Prozent unserer Kapazität in der Gruppe. Wenn das reicht, durch den nächsten Winter zu kommen, wäre ich froh“, sagt er der F.A.Z.
Kerosinpreis binnen eines Monats verdoppelt
Einerseits will Lufthansa nicht zu stark einschneiden, rückblickend hätte in der Pandemie manche Maßnahme sanfter ausfallen können. Andererseits drohen Verbindungen trotz teurerer Tickets defizitär zu werden, wenn Buchungen ausbleiben. Nach Angaben des Weltflugverbands IATA liegt der Kerosinpreis 116 Prozent über dem Vorjahresniveau, von Februar auf März 2026 hat er sich verdoppelt.
Daher kann bei Lufthansa eine weitere Sparstufe folgen. „Aber das hängt von der weiteren Entwicklung des Ölpreises, von der Versorgung, vom Wettbewerb und der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Ein mögliches zweites Paket würde eine Kürzung der Kapazität um insgesamt fünf Prozent, also etwa 40 Flugzeuge bedeuten“, sagt Spohr. „Unser Partner United Airlines hat einen Einschnitt in dieser Größenordnung bereits angekündigt.“
Die US-Gesellschaft sichert ihren Kerosinbedarf traditionell weniger ab. Ist der Kraftstoff günstig ist, bleibt sie von solchen Hedging-Kosten verschont. Ist er teuer, kommen hohe Rechnungen. Lufthansa verfolgt eine andere Strategie.
Lufthansa: Für 2027 schon 40 Prozent des Kerosinbedarfs abgesichert
„Lufthansa hat Hedging-Kontrakte geschlossen, damit sind über 80 Prozent des Treibstoffbedarfs für dieses Jahr gegen Schwankungen im Ölpreis finanziell abgesichert“, erläutert Spohr. „In unserem Modell sichern wir Ölpreis-Schwankungen rollierend auf 24 Monate ab, für das kommende Jahr sind es bereits rund 40 Prozent.“
Eine Entwarnung ist das nicht. Denn trotz des hohen Hedging-Anteils dürfte der Bedarf an einer Kerosinmenge, die im Februar 1,4 Milliarden Euro gekostet hätte und nun wohl das Doppelte kostet, nicht abgesichert sein. Die japanischen Gesellschaften All Nippon Airways (ANA) und Japan Airlines kündigten am Mittwoch an, ihre Kerosinaufschläge für Europa-Verbindungen nahezu zu verdoppeln. Für ANA-Tickets von Tokio nach Frankfurt steigt allein der Zuschlag um umgerechnet 125 Euro. Thai Airways hat indes die Ticketpreise schon um bis zu 15 Prozent erhöht, Bangkok Airways um bis zu 20 Prozent. Airlines aus Vietnam, Malaysia und den Philippinen haben Flüge reduziert, um Kraftstoff und Betriebskosten zu sparen.
Auch Chinas staatliche Fluggesellschaften ächzen unter der Krise. Wie in vielen Branchen gibt es in der Volksrepublik auch bei den Flügen ein Überangebot, weil Lokalregierungen sich für die Fluganbindungen ihrer Städte starkmachen. Durch die steigenden Kerosinpreise sinkt die Nachfrage nun aber weiter. „Die Auswirkungen geopolitischer Konflikte werden anhalten, und die insgesamt treibende Dynamik des globalen Wirtschaftswachstums wird weiterhin unzureichend bleiben“, heißt es im Anfang der Woche veröffentlichten Geschäftsbericht von China Eastern.
„Knappheiten zuerst außerhalb Europas“
Teuer ist Kerosin schon, doch es könnte auch knapp werden. „Wenn Knappheiten bei der Kerosinversorgung auftreten, zeigen sie sich voraussichtlich zuerst außerhalb Europas“, sagt Lufthansa-Chef Spohr. „Die ersten Flughäfen in Asien nehmen keine zusätzlichen Flüge mehr an. Wenn die Blockade noch länger anhält, kann das Thema kritisch werden. Darauf müssen wir uns jetzt vorbereiten.“ Für ihre Heimatdrehkreuze in Frankfurt und München schlägt Lufthansa aber bislang nicht Alarm. Und in der Ferne kann aktuell all das angeflogen werden, was ohnehin im Plan steht.
Doch außer Lufthansa hatten auch andere europäische Airlines zusätzliche Direktflüge nach Asien angestrebt, weil Reisende aktuell nicht mit Emirates, Etihad oder Qatar Airways den Weg über die Golfregion nehmen. Zudem hatten europäische Anbieter neue Aufgaben für ihre Flugzeuge gesucht, die vor dem Konflikt auf Routen in die Golfregion eingesetzt waren. Lufthansa teilte mit, für zusätzliche Indienflüge Freigaben erhalten zu haben.
Doch vieles erfordert mehr Planung. Lufthansa analysiert kontinuierlich, für welche Langstrecken weiterhin außer an den eigenen Drehkreuzen auch an der Destination sicher getankt werden kann. „Auf Langstrecken ist es nur sehr begrenzt möglich, auf dem Hinflug schon Treibstoff für den Rückflug mitzunehmen. Die alternative Möglichkeit von Zwischenstopps zum Nachtanken schauen wir uns ebenfalls an“, sagt Spohr.
Länder fokussieren auf heimische Versorgung
Ein Indiz für mögliche Engpässe ist, dass sich der Kraftstoff nach Iata-Zahlen in Asien und Ozeanien stärker verteuert hat als im Rest der Welt. Dort kostet er nun das 2,4-fache des Vorjahreswerts. China hatte schon in der ersten Märzhälfte die Ausfuhr von Kerosin und anderen raffinierten Kraftstoffen untersagt, um die heimische Versorgung zu sichern. Diese Regelung soll laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters verlängert werden.
Die Volksrepublik ist einer der größten Lieferanten von Kerosin, deshalb löst die Maßnahme anderswo Sorgen aus. Australien etwa bezieht rund ein Drittel seines Kerosins aus China. Canberra versicherte, dass Lieferungen bis Ende April oder Anfang Mai gesichert seien. Das liegt auch daran, dass Tanker noch unterwegs sind.
An den Flughäfen von Tokio und Osaka sowie von Seoul wird noch nicht offiziell von Engpässen gesprochen. Doch Japan und Südkorea halten ebenfalls Vorräte zusammen. Südkorea – normalerweise ein wichtiger Kerosinexporteur für Pazifikanrainer – hat seine Ausfuhr zurückgefahren. Die heimischen Airlines hatten die Regierung sogar aufgerufen, schon für den Export vorgesehene Ladungen wieder zurückzuholen. Japanische Flughäfen sollen ausländischen Airlines das Auftanken ihrer Flugzeuge – wenn nicht unbedingt nötig – untersagt haben.
In Singapur springt derweil der Staat der Luftfahrt bei. Die Luftfahrtbehörde hat die – ursprünglich für den 1. April geplante – Einführung einer Klimaabgabe, mit der für den Flughafen nachhaltig produzierter Treibstoff eingekauft wird, verschoben. Sie soll nun erst von Oktober auf Buchungen für Flüge, die 2027 stattfinden, erhoben werden.