Der neue Zeltserman hat wieder gedauert. 2018 unter dem stringenten Titel „Murder Club“ in den USA nicht erschienen, hat sein treuer deutscher Verleger Frank Nowatzki nun den Roman unter dem Titel „Alles endet hier“ vorgelegt. Nach „Paria“, „Killer“ und „Small Crimes“ ist es der vierte Roman im Berliner Pulp Master Verlag. Zeltsermans Gesamtwerk ist wesentlich größer, aber mit Ausnahme von Nowatzki hat sich bislang nur Suhrkamp vor Jahren einmal getraut, ihn zu veröffentlichen.
Zeltsermans Spezialität sind Untergeher, das hat er zuletzt in „Small Crimes“ eindrucksvoll vorgeführt. Auch dieses Mal dekliniert er ein Verfallsszenario aus der amerikanischen Mittelschicht durch, die gnadenlos zum Erfolg verdammt ist und an dieser Religion zerbricht. Die Geschichte spielt in der Gegenwart im Großraum Boston, wo der Autor 1959 geboren wurde. Dan Selby und seine Frau Rachel sind zusammen mit Dans Freund Warren Costa das Wagnis eingegangen, sich mit einer IT-Firma selbständig zu machen. Warren hatte die Idee, Dan programmiert, Rachel kümmert sich um Marketing und Vertrieb.
Und so begeht er den Fehler seines Lebens
Und dann ist auf einmal die Homepage tot. Nicht ganz tot, denn sie zeigt einen Stinkefinger. Kein gutes Signal für potentielle Kunden, ein von Warren herbeigeführtes Fiasko mit Ansage, wie im Fortgang der Geschichte klar wird. Denn das einst freundschaftliche Verhältnis zwischen Dan und Warren hat sich eingetrübt, Warren ist eifersüchtig auf Rachels Mitarbeit, er fühlt sich, wie man heute sagt, nicht wertgeschätzt und beginnt, das Business zu sabotieren – und löst damit mehrere Todesurteile aus.
Nach einem Streit landet Dan, der betrunken vor Warrens Haustür randaliert, in einer Zelle und dann vor Gericht. Kautions- und Anwaltskosten drohen Dans und Rachels ohnehin knappe Finanzreserven zu pulverisieren. Der Kohlhaas in Dan Selby schreit nach Vergeltung, so hilflos fühlt er sich, so alleingelassen von der Justiz. Und so begeht er den Fehler seines Lebens. Er kennt einen, der einen kennt, der für 25.000 Dollar einen Russen organisiert, der einen Auftragsmord ausführt. Das Treffen mit dem ominösen Michail Gordijewski endet mit einem Deal. Fünf Wochen später wird Warren Costa von einem Auto überfahren.
Die Polizei bleibt skeptisch, kann aber nichts beweisen. Rachel bleibt ahnungslos, reagiert auf Dans Verhalten mit zunehmender Kälte. Derweil hat dieser seine Schuldgefühle gut im Griff, nur ab und an erscheint ihm Warren im Traum.
Auf halbem Weg kippt der Plot in den Abgrund. Bei einem weiteren Treffen verlangt Gordijewski nicht nur mehr Geld, sondern dass Selby als neues Mitglied im titelgebenden Mordklub einen Auftragsmord durchführt – er soll eine Frau vergewaltigen, foltern und erwürgen, so die Bestellung ihres Ehemanns. Lehnt er ab, ist er erledigt. Gordijewski: Noch mehr als Arschlöcher hasse er „zimperliche bourgeoise Schweinehunde, die meinen, andere sollten ihre üblen Machenschaften für sie übernehmen“.
Und so wird aus dem Programmierer, dessen Welt aus Rationalitäten bestand, ein Bewohner der Schattenwelt. Nach einem Crashkurs zieht Dan bewaffnet los, und naturgemäß entgleist ihm die Agenda komplett. Zwar findet er noch heraus, dass Gordijewski kein Russe, sondern Ostdeutscher ist, aber das hilft ihm nicht weiter: Längst ist er ein Gejagter.
Die Dekonstruktion der bürgerlichen Existenz verknüpft Dave Zeltserman mit einer Absage an den Markenkern des amerikanischen Traums: Dan und Rachel hatten gut bezahlte Jobs, die sie für eine Tech-Karriere aufgaben. Hat halt nicht geklappt, es können nicht alle Musks werden. Wenn „Alles endet hier“ länger als Dutzendware nachhallt, liegt das an Zeltsermans Klugheit, präzise zu bleiben und auf ein Action-Spektakel zu verzichten. Bis zum Schluss versucht Dan, seine Lage zu analysieren, „als würde ich ein Problem bei einer Software lösen: systematisch und mit kühlem Kopf“. Als Identifikationsfigur bietet er sich kaum an, als Opfer auch nicht. Eher folgt man seinem Treiben mit Fassungslosigkeit: Ein Faust, der seinem Mephisto nicht gewachsen ist.
Dave Zeltserman: „Alles endet hier“. Aus dem Amerikanischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master Verlag, Berlin 2026. 283 S., br., 16,– €.
Source: faz.net