Kriegsopfer | Krieg gegen den Iran: Zwischen Abneigung und Erleichterung

Ich war noch in der Schockstarre, da bekam ich schon den ersten Anruf: „Herzlichen Glückwunsch, er ist endlich weg.“ Ein Satz, der keinen Sinn macht – außer man weiß, dass mit „er“ Ali Khamenei gemeint ist, der oberste geistliche Führer Irans. Und ja, er war es. Viele in Deutschland fragen sich gerade, wie man über den Tod eines Menschen feiern kann. Und ich, deutsch sozialisiert, verstehe diese Hemmung. Die moralische Intuition, dass jedes Leben schützenswert ist. Und gleichzeitig kommen auch mir die Tränen.

Es sind Tränen aus freudiger Erleichterung. Schon ziehen die Bilder an mir vorbei: Menschen, deren Liebste massakriert oder an Baukränen aufgehängt wurden. Frauen, denen Sicherheitskräfte aus nächster Nähe in die Augen schossen. Kinder, die ihre Eltern verloren. Mütter, die ihre Kinder zu Grabe tragen mussten. Junge Männer, verstümmelt, gebrochen, verschwunden.

Ich denke an die Bahá’í im Iran, die größte religiöse Minderheit des Landes, zu der auch meine Familie gehört. 1991 wurde das sogenannte Golpaygani-Memorandum bekannt – ein Dokument mit der Unterschrift Khameneis, das die gesellschaftliche Auslöschung der Bahá’í festschrieb: Kein Zugang zu Hochschulen, kein Zugang zu qualifizierter Arbeit, permanente Überwachung, systematische Entrechtung. Bürger:innen unterster Klasse. Zum Abschuss freigegeben. Dass all diese Menschen an jenem Sonntag, dem 1. März 2026, in einer Welt ohne Ali Khamenei aufwachen durften, gibt mir ein Gefühl von Gerechtigkeit.

Er war nicht nur einer der brutalsten Diktatoren unserer Zeit. Er war eine eschatologische Figur im System der Velayat-e Faqih – Stellvertreter der verborgenen Wiederkunftsgestalt des schiitischen Islam. In dieser sakralisierten Machtkonzentration verschmolzen Theologie und Staatsgewalt zu einer unangreifbaren Autorität. Im Namen des Islam wurden Verbrechen begangen, die keiner ethisch-moralischen Prüfung standhalten.

Die Gleichzeitigkeit leben

Diese Verquickung aus kalter Autorität und metaphysischem Absolutheitsanspruch macht die Islamische Republik seit der Iranischen Revolution zur Projektionsfläche. Für die einen ein Terrorregime wie aus dem Lehrbuch, diametral universellen Freiheitsrechten entgegengesetzt. Für andere eine vermeintliche Alternative zum säkular-kapitalistischen Westen, besonders zu den USA – ein Gegenentwurf, eine Zuflucht für jene, die sich in westlichen Gesellschaften ausgeschlossen fühlen. Und genau hier beginnt die Gleichzeitigkeit.

Ich empfinde eine abgrundtiefe Abneigung gegen die aggressive Außenpolitik eines Donald Trump. Und zugleich empfinde ich Erleichterung darüber, dass diese geopolitische Eskalation den Mann beseitigt hat, der für den Tod von vermutlich Zehntausenden Demonstrierenden mitverantwortlich war. Beides ist wahr. Beides steht nebeneinander. Und keines hebt das andere auf. Seit einigen Jahren sprechen wir von der „Gleichzeitigkeit der Erlebnisse“.

Von der Zumutung, mehrere widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. In einer Welt, die uns zu klaren Bekenntnissen zwingt – pro oder contra, Ost oder West, Imperialismus oder Theokratie. Für viele Iraner:innen gibt es dieses Entweder-oder nicht. Sie leben das „und“. Sie müssen es leben.

Innerhalb des Landes kostet sie ein falsches Wort das Leben. Außerhalb schließt sie ein falsches Statement aus der eigenen Community aus. Wer gegen das Regime ist, gilt schnell als Unterstützer westlicher Intervention. Wer gegen westliche Bomben ist, wird verdächtigt, das Regime zu relativieren.

Gewaltfreiheit bringt keine Diktaturen zu Fall

Spätestens nach den Massakern vom 8. und 9. Januar – als erneut friedliche Proteste mit tödlicher Gewalt beantwortet wurden – war klar: Dieses Regime lässt sich nicht mit Kerzen und Slogans stürzen. Die romantische Vorstellung, Gewaltfreiheit bringe jede Diktatur zu Fall, zerschellt dort. Die Lehre, friedvoller Protest würde eine Führung, die dagegen auf Gewalt setzt – Wasserwerfer und scharf gemachte Kampfhunde gegen die amerikanische Bürgerrechtsbewegung –, sie geht nicht auf, wenn jene Führung auf noch größeren Protest mit noch größerer Gewalt reagiert.

Jetzt haben die Luftschläge der Amerikaner und Israelis begonnen. Ja, es sind amerikanische Bomben. Und ja, sie töten Zivilist:innen. Aber ebenso wahr ist: Das iranische Regime hat in Jahrzehnten der Aufrüstung, der Revolutionsrhetorik, der Feindbildpflege kaum in den Schutz seiner eigenen Bevölkerung investiert. Keine flächendeckenden Bunkersysteme. Kein funktionierendes Warnnetz. Kein Schutzschirm für die Menschen.

Die Bevölkerung steht zwischen zwei Gewalten. Zwischen einem Regime, das sie seit Jahrzehnten unterdrückt, und Bomben, die dieses Regime treffen sollen – und doch ihre Häuser zerstören. Dilemma ist dafür ein zu kleines Wort. Menschen außerhalb Irans versuchen verzweifelt, ihre Angehörigen zu erreichen. Sie wissen nicht, ob israelische Raketen ihre Viertel getroffen haben. Sie wissen nicht, ob ihre Eltern noch leben. Doch sie kommen nicht durch. Das Regime kontrolliert die Kommunikation, drosselt das Internet, kappt Leitungen. Information wird zur Waffe.

Und in Deutschland? Dort wird gefragt, ob man sich denn freuen dürfe. Ob das nicht unmoralisch sei. Ich glaube, wir verwechseln Kategorien. Es ist unmoralisch, Menschen aufgrund ihrer Religion zu hassen. Es ist Islamophobie, Muslim:innen pauschal abzuwerten. Aber es ist keine Islamophobie, ein autoritäres Regime zu verurteilen, das Religion instrumentalisiert, um Macht zu sichern.

Es ist kein moralisches Versagen, Erleichterung zu empfinden, wenn ein Diktator stirbt

Dafür möchte ich von den letzten Momenten von Roya Eshraghi erzählen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Bahai 1983 inhaftiert wurde. Sie sagte: „Ich liebe den Islam, aber ich bin Bahai.“ Und wurde hingerichtet für dieses Aber. In diesem Satz liegt alles. Keine Verachtung. Kein Hass. Kein Angriff auf den Glauben der Mehrheit. Sondern eine doppelte Loyalität: Achtung vor der Religion ihrer Landsleute – und Treue zur eigenen Überzeugung.

Sie wurde trotzdem hingerichtet. Nicht, weil sie Muslim:innen hasste. Nicht, weil sie den Islam bekämpfte. Sondern weil sie als Bahá’í in einem Staat lebte, der religiöse Identität politisch hierarchisiert. Weil sie in einem System lebte, das Glauben nicht als individuelle Gewissensentscheidung versteht, sondern als Instrument staatlicher Ordnung. Weil sie in einem Land lebte, in dem Abweichung kriminalisiert wird.

Ihre Worte widerlegen die Behauptung, Widerstand gegen das Regime sei Ausdruck von Islamfeindlichkeit. Sie zeigen, wie tief der Unterschied ist zwischen einer Religion – die von Millionen Menschen friedlich gelebt wird – und einem politischen System, das sich auf diese Religion beruft, um Macht zu monopolisieren.

Es ist kein moralisches Versagen, Erleichterung zu empfinden, wenn ein Diktator stirbt. Die Gleichzeitigkeit zwingt uns, komplexer zu denken. Ja, westliche Interventionen sind oft von Eigeninteressen geleitet. Ja, die USA haben eine Geschichte verheerender Einmischungen im Nahen Osten. Und ja, das iranische Regime ist ein Unterdrückungsapparat, der seine eigene Bevölkerung terrorisiert.

Gefängnis oder Freiheit

Wer nur eine dieser Wahrheiten gelten lässt, macht es sich zu einfach. Ich weine nicht um den Mann, der starb. Ich weine um die Jahre, die er gestohlen hat. Um die Stagnation, die es so lange gab, sein eiserner Griff.

Zuletzt rufe ich für diesen Text meine Freundin Tatsiana Khomich an. Ihre Schwester ist Maria Kalesnikava. Fünf Jahre war sie im Gefängnis in Belarus. Inhaftiert vom „letzten Diktator Europas“. Maria ist nur durch einen Deal Donald Trumps in Freiheit gekommen, den dieser mit Alexander Lukaschenko gemacht hatte. Maria kam frei, erinnert sie mich heute, aber sie wurde des Landes verwiesen, ohne Papiere.

Mit ihr wurden weitere 122 auf freien Fuß gesetzt. Aber Donald Trump wollte alle politischen Gefangenen befreien. 1.100 verbleiben noch in den belarussischen Gefängnissen. „Ich denke, es ist wohl besser als Gefängnis“, sagt sie mir. „Aber es fühlt sich nicht wie ein Sieg an.“

AlexanderAliArbeitAugenAußenpolitikBelarusBevölkerungDeutschDeutschlandDiktatorenDiktaturDonaldElternFrauenFreiFreiheitGeschichteGewaltGlaubenHäuserHochschulenInternetIranIslamKampfhundeKinderKommunikationKriegKriegsopferLangelebenLiebeLukaschenkoMANMannMännerMariaMütterProtestProtesteRaketenReligionSinnTodTreueTrumpÜberwachungUSAVerbrechenWeilWeißWELTWestWissenZeit