„Meine Mama hilft den Menschen, die aus Russland weggegangen sind und trotzdem sagen: ‚Ohne Russland können wir nicht leben‘“, sagt Khloia und ahmt die Worte in übertrieben jammernden Ton in die Länge. Dann wird sie ernst.
Einen Moment lang fokussiert sich das elfjährige Mädchen ganz auf den Ball, dann schießt sie ihn entschlossen ins Tor.Auf der Tribüne lächelt ihre Mama und nickt ihr zu. Ein stilles Zeichen, dass sie den Moment wahrbekommen hat. Maria Sabunaeva, 47, ist Psychologin. Nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 verließ sie St. Petersburg mit ihrer Tochter und ihrer Lebenspartnerin.
Ihr neues Leben spielt sich in Steglitz, im Südwesten Berlins, ab. Khloias Grundschule liegt nur vier Gehminuten vom Sportplatz entfernt, die Wohnung noch einmal vier Minuten weiter. Alles ist nah beieinander, als würde sich ihr Alltag in einem kleinen Radius rund umSportplatz des Stieglitzer Fußballclubs Stern 1990 abspielen.
Es ist Freitagnachmittag, Khloia hat das Fußballtraining, daher hat siedas blaue Trikot des Verein auch heute in der Schule getragen.Ihre alte Schule zu Hause vermisst sie nicht, nun fehlt ihr ihre Großmutter, die in Russland geblieben ist, und die Karamellbonbons.„Ich mag keinen Krieg, denn dabei werden Kinder getötet. Und ich mag keine Psychopathen, die solche Kriege führen, wie Wladimir Putin“, sagt sie und rennt aufs Feld, denn das Training beginnt.
Zwischen 2022 und 2025 kamen über 2500 Menschen per humanitärer Visa
Sabunaeva wirkt zufrieden, wenn ihre Tochter Fußball spielt. Es scheint nichts Besonderes zu sein. Doch das ist es. „Fußball und Frau passen nicht zusammen in der russischen Welt“, erklärt sie. „Russland ist ein gefährlicher Ort für Mädchen und Frauen. Es herrscht eine Kultur der Gewalt.“ Die Psychologin befürchtete, dass sich die Situation noch verschlimmern würde, wenn die „Kriegsveteranen“ zurückkehrten. Schon jetzt nehme die häusliche Gewalt zu. Sie ist froh, dass sie ihre Tochter aus diesem Russland wegbringen konnte.
Mit einem „humanitärem Visum“ kam Sabunaeva mit ihrer Familie nach Deutschland – wie über 2.500 andere Menschenrechtsaktivist:innen, Oppositionelle, regimekritische Wissenschaftler:innen und Journalist:innen, die zwischen 2022 und Juli 2025 aus Russland kamen. Dann sotppte das das Bundesinnenministerium sämtliche humanitäre Aufnahmeprogramme.
„In vielen Fällen ging es ganz konkret darum, Leben zu schützen“, sagt Sabunaeva. Gleichzeitig ist sie entsetzt: Was rechtfertigt diesen Kurswechsel? Denn in Russland werden weiterhin Menschen festgenommen und inhaftiert. „Ich bin kriegsmüde“, sagt sie, „fast jeden Tag sterben seit über vier Jahren. Und das geschieht im Namen meines Landes. und ich gezwungen bin, Bürgerin dieses Russlands zu sein. Diese tiefe, nagende Ohnmacht – das Wissen, dass man es nicht stoppen kann – ist schwer zu ertragen.“
Auch der Vorwurf, im Exil lebende Russ:innen hätten nichts unternommen, um die Repressionen zu stoppen, belastet sie. Schon lange vor dem Angriff Ruslands2022 auf die Ukraine, demonstrierteSabunaeva als Aktivistin für die Menschenrechte. Als Psychologin unterstützte sie dieLGTBQ- Communitys, die der Kreml heute als extremistisch einstuft.
In Berlin arbeitet sie weiter in ihrem Beruf.Sie betreut russischsprachige Geflüchtete und Migrant:innen psychologisch sowie russische Exil-Journalist:innen.
Ein neues Leben aufzubauen fällt vielen schwer
„Das Heimweh bleibt ein ständiger Begleiter“, sagt Sabunaeva. „Die der Sehnsucht nach der Heimat ist eine große Herausforderung.“ Doch in den Gesprächen zeige sich, wie sehr die Menschen ihr früheres Leben vermissten: wie vertraut alles war, wie eingespielt der Alltag funktionierte – und wie schwer es ihnen nun falle, sich hier ein neues Leben aufzubauen.
Für russische Journalist:innen im Exil kommt eine weitere Ebene hinzu, merkt Sabuaneva an:„Sie sind aus ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext herausgerissen. Woran und für wen sollen sie schreiben? Für ein Publikum in Russland – oder außerhalb? Wie berichtet man über einen Aggressorstaat, zu dem man gehört und von dem man zugleich getrennt ist? Diese Fragen machen mürbe.“
Auch Natascha Podlyzhnyak und Anastasia Uschakova suchen nach Antworten. In einer anderen Ecke in Berlin-Neukölln haben sich die beiden Freundinnen verabredet. Sie sind Stammkundinnen im Café und Buchladen „She Said“. Feministische und antirassistische Literatur gefüllt, Bücher über Gaza liegen auf dem Tisch.
Doch die Auswahl ist bereits getroffen. Bevor die Barista den frischen Kaffee serviert, blättern die beiden im Buch Nation of Strangers – Unsere Heimat sind wir der türkischen Journalistin, Schriftstellerin und Regimekritikerin Ece Temelkuran, die selbst während des Putschversuchs im Jahre 2016 in der Türkei ins Exil gegangen ist.
In dem Buch geht es um Heimatlosigkeit und zugleich darum, die Heimat neu zu finden. Und esgeht auch darum, dass das Exil Menschen nicht isoliert, sondern vereint. Genau diese Idee gefällt Anastasia Uschakova so gut.
Bestechungsgelder für ein Studium in England
Seit 16 Jahren lebt Uschakova in England. „Ich wollte Freiheit – politisch und wirtschaftlich. Deswegen habe ich Russland noch vor dem Krieg verlassen“, erzählt sie. Sie kommt aus der Nähe von Moskau. Als sie 17 Jahre alt war, nahm ihre Mutter einen Kredit auf, damit sie im Ausland studieren konnte. „Nicht gute Noten, sondern Beziehungen ermöglichen den Zugang zu einer Hochschule in Russland. Bestechungsgelder helfen dann während des Studiums, um voranzukommen“, sagt Uschakova. Sie hat es geschafft.
Heute ist sie 33, forscht am Zentrum für Gesundheitsinformatik, Informatik und Statistik der Medizinischen Fakultät der Universität Lancaster und unterrichtet dortBiostatistik.
Doch die Wissenschaftlerin, die sonst mit Daten, Zahlen und Analysen arbeitet, hat auch zur Poesie gefunden. Nach dem russischen Krieg gegen die Ukraine hat sie begonnen, Gedichte zu schreiben, um ihren Schmerz zu verarbeiten – über ihre Beziehung zu ihrer Mutter, die heute auf der annektierten Halbinsel Krim lebt, und über ihr Leben in der Migration.
Schreiben hat Natascha Podlyzhnyak ihr beigebracht. Die 29-jährige Ex-Journalistin hat sich nach dem Angriffskrieg nicht nur von Moskau, sondern auch von ihrem Beruf verabschiedet. Ihre Kraft investiert sie in ihre Online-Schule für Schreibende. „Words to say“ bedeutet: „Ich habe etwas zu sagen“ und ermöglicht russischsprachigen Menschen die Möglichkeit, Struktur und Stil im poetischen Schreiben zu finden. Fast 400 Menschen lernen auf der Online-Plattform, ein Tagebuch zu führen, eine kurze Geschichte zu schreiben, an einem Roman zu arbeiten oder an einem Buchclub teilzunehmen, erzählt Natascha Podlyzhnyak.
Was machst Du nach Putins Tod? ist eine häufige Frage
60 Prozent ihrer Kundschaft leben in Russland.„Diese Schule funktioniert vor allem als eine Art Gemeinschaft – ein sicherer Raum, in dem man sich ausdrücken und austauschen kann. Das Schreiben hilft bei der Selbstreflexion und ist eine Art Dokumentation dessen, was aktuell in Russland oder im Exil passiert. Daher wenden sich viele ihren Lebensgeschichten und Erinnerungen zu.“
Uschakova nickt. In der englischen Kleinstadt vermisst sie die russische Community und ist fern von jeglichem politischen Engagement.Daher reist sie häufig nach Berlin, trifft russische Regimekritiker und Oppositionelle, geht für die Ukraine auf die Straße und plant gemeinsam mit Podlyzhnyak die Publikation ihres Gedichtbandes. Sie schreibt auf Englisch. „Für mich ist Russisch eine schmerzhafte Sprache. Sie ist in den letzten Jahren sehr nationalistisch geworden. Ich muss sie mir neu konstruieren“, sagt sie.
In Berlin macht Natascha Podlyzhnyak eine andere Erfahrung. „Ich möchte nicht das Trauma, Opfer einer Diktatur zu sein, mein Leben bestimmt“, sagt sie. Auch ähnliche Gedanken im Buch von Ece Temelkuran hätten ihr gehoffen, das Exil anders wahrzunehmen. „In Berlin habe ich verstanden, dass meine Geschichte nicht einzigartig ist. Viele Menschen aus Venezuela, der Türkei oder Syrien teilen mein Schicksal. “Sie demonstriert mit den Kurden und geht gegen die AfD auf die Straße. „Deren Abschottungsrethorik betrifft uns alle – auch mich“.
Trotzdem wird sie immer wieder gefragt, ob sie auf Putins Tod warte und ob die Russ:innen zurückkehren würden.
„Das nervt.“
Sie weiß, dass jedes System, das lange besteht, später nur sehr schwer zu zerstören ist. Das politische System in Russland sei längt nicht mehr nur von einer einzigen Person – Wladimir Putin – abhängig. „Es ist eine gewaltige Maschine der Repression und Zensur entstanden, die mittlerweile reibungslos funktioniert – mit Verhaftungen, Gefängnisstrafen, Einschüchterung. Und die Propaganda hat schon längst Kindergärten und Schulen erreicht.“ Sie fügt hinzu: „Ich kann nicht ständig mit diesen Gedanken leben. Ich möchte mir hier ein neues Leben aufbauen.“