Kriegsfolgen im Supermarkt: Einkaufsverhalten in jener Krise

Stand: 21.03.2026 • 11:10 Uhr

Wenn Lebensmittel sprunghaft teurer werden, landen andere Produkte im Einkaufskorb. „No Name“ statt Marke, mehr Sonderangebote – und auch beim Bio-Einkauf wird stärker gespart.

Von Steffen Clement, hr

Rund 2.000 Kunden kommen täglich in den Kasseler Edeka-Markt von Marco Wenzel. Seit 30 Jahren ist er im Lebensmitteleinzelhandel und ahnt, was seine Kundschaft demnächst wieder machen wird: sparen, wo es nur irgendwie möglich ist. Denn wie schnell steigende Energiekosten auf die Lebensmittelpreise durchschlagen, haben alle nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 schmerzhaft gelernt.

Damals waren dann günstige Eigenmarken in seinem Markt so stark gefragt, dass er sogar Lücken im Regal hatte. „Das soll mir kein zweites Mal passieren“, sagt Marktinhaber Wenzel. Daher bestelle er schon jetzt deutlich mehr Produkte im Preiseinstiegsbereich, um für den erwarteten Ansturm gerüstet zu sein.

Kein Grund, zu Markenprodukten zurückzukehren

Die Herstellermarken haben in den vergangenen fünf Jahren Marktanteile verloren und kommen inzwischen nur noch auf 50 statt 55 Prozent wie vor der Rekordinflation. Im Gegenzug haben Eigenmarken ihren Marktanteil von 40 auf 46 Prozent gesteigert und profitieren dauerhaft.

Denn obwohl in den vergangenen beiden Jahren die Preise nur noch moderat stiegen, sind die Menschen bei ihrem geänderten Verhalten geblieben. Für den Handelsexperten Robert Kecskes ist das ein plausibles Verhalten. Viele hätten keine Qualitätsunterschiede nach dem Umstieg feststellen können. „Da sehen die Menschen dann auch keinen Grund, zu teureren Marken zurückzukehren.“

Sonderangebote hoch im Kurs

Auch ein zweiter Spartrend könnte in der aktuellen Krise weiter an Attraktivität gewinnen, erwartet der Kasseler Supermarkt-Chef Wenzel: Vor der ersten Krise hat er jedes fünfte Produkt zum Aktionspreis verkauft, inzwischen landet schon jedes vierte Produkt als Sonderangebot auf dem Kassenband.

„Viele Haushalte haben inzwischen gelernt, dass es ihr Lieblingsprodukt beispielsweise alle drei Monate zum Sonderpreis gibt und decken sich vorausschauend damit ein“, sagt Handelsprofi Kecskes. So reiche der Vorrat aus, um das gewünschte Produkt erst wieder in der nächsten Sonderpreisaktion nachkaufen zu müssen.

Wie groß das Einsparpotenzial ist, hat die Preisapp smhaggle für einen Warenkorb mit 15 Alltagsprodukten von der Nuss-Nougatcreme bis zum Käse ausgerechnet. Zum Normalpreis kostet der Einkauf 43,80 Euro, zum Aktionspreis aber nur 21,10 Euro. Das entspricht einer Ersparnis von gut 52 Prozent.

Auch beim Bio-Einkauf lässt sich sparen

Die Deutschen haben neben den beiden Trends zu Eigenmarken und Sonderangeboten noch eine dritte Möglichkeit genutzt, um den Kostenanstieg zu dämpfen. In Zeiten der Rekordinflation sind viele Kunden, die Bioprodukte kaufen, auf günstigere Bio-Angebote umgestiegen.

Die Folgen spürt Thomas Wolff bis heute. Sein Unternehmen Querbeet in der hessischen Wetterau baut hochwertige Bio-Produkte an und vertreibt sie über Wochenmärkte und einen eigenen Lieferdienst bis direkt an die Haustür. Wegen des Preisanstiegs hat er viele Kunden verloren und das vergangene Jahr mit einem Umsatzminus von zehn Prozent abgeschlossen.

Dennoch will er seiner Linie treu bleiben: „Unser Ziel ist auf keinen Fall Billig-Bio mit Bio-Monokulturen“, so Wolff. „Das ist eine ganz andere Ausrichtung von Bio.“ Die findet sich dann auch nicht bei spezialisierten Bio-Händlern, sondern vor allem im klassischen Einzelhandel.

Bio verkauft sich vor allem im gut

So konnten Supermärkte den Umsatz mit ihrem Bio-Sortiment laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) im Vergleich zu 2022 um 19 Prozent steigern. Zu den Gewinnern gehören auch Discounter, bei denen das Bio-Geschäft um 27 Prozent wuchs, und vor allem Drogeriemärkte.

Bei Ketten wie dm oder Rossmann wächst das Angebot von „Trocken-Bio“ wie Haferflocken oder Nüssen neben Bio-Getränken unaufhaltsam, hier wuchs der Umsatz um 53 Prozent. Das Nachsehen haben beispielsweise Hofverkäufe oder Reformhäuser.

Preis ist nicht für alle Kunden entscheidend

Den Bio-Pionieren macht die gestiegene Preissensibilität der Verbraucher schon jetzt zu schaffen. Wenn die Preise nun wegen steigender Produktionskosten noch weiter zulegen, könnten noch mehr Käufer davon abgeschreckt werden. Zugleich macht Handelsexperte Kecskes genau diesen Anbietern von „Edel-Bio“ Hoffnung.

Denn das Preisargument sei nicht für alle Konsumenten das entscheidende Kaufkriterium. Es gebe auch den Trend zu mehr Gesundheit oder mehr Regionalität, um so die ansässigen Landwirte zu unterstützen. „Da sind dann manche durchaus bereit, einen höheren Preis für solche Produkte zu zahlen.“

„No name“ und Discounter als Krisengewinner

Wie stark die Preise für Lebensmittel in Zukunft tatsächlich wieder steigen und wie stark die Kunden ihr Verhalten dann erneut anpassen werden, weiß zu Beginn der neuen Krise niemand. Doch nach der Erfahrung mit der ersten Krise hat Handelsexperte Kecskes mehr als eine Vorahnung, was bei einem neuen Preisschock passieren wird.

„Dann werden wir wieder das Phänomen haben, dass eben günstigere Produkte – und das sind häufig Handelsmarken – in günstigeren Läden – das sind häufig Discounter – wieder stark an Attraktivität gewinnen werden“, sagt Kecskes. So wird der Krieg am Golf ganz konkret beeinflussen, was die Deutschen wo in welcher (Bio)-Qualität in Zukunft einkaufen.

Source: tagesschau.de