Krieg in Libanon: „Die Hizbullah stürzt sich und den Libanon in den Untergang“

Charif Majdalani, wo sind Sie? Und wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Ich bin in Beirut, wo ich mit meiner Familie lebe.

Der Libanon wurde sehr schnell in diesen Krieg hineingezogen. Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

Es ist wie die schreckliche Routine eines Krieges, den wir bereits vor zwei Jahren erlebt haben, und das ist das, was mich am meisten aufregt und deprimiert. Die Dörfer im Süden des Libanon und die gesamten südlichen Vororte von Beirut haben einen Großteil ihrer Einwohner verloren. Zehntausende Familien schlafen in Hotels, in Wohnungen, die zu horrenden Preisen vermietet werden. Diejenigen, die nirgendwo hinkönnen oder nicht genug Geld haben, campen am Fuße der luxuriösen Gebäude an der Küstenstraße. Wir selbst wohnen in den letzten Straßen der sogenannten christlichen Viertel, nicht weit entfernt von denen der Hiz­bullah.

Ihre Viertel steht aber nicht im ­Visier.

Im Prinzip nicht. Aber den ganzen Tag über surren unsichtbare Drohnen wie Rasenmäher über unseren Köpfen. Stundenlang passiert nichts. Ich lese und schreibe. Meine Tochter arbeitet an ihrer Dissertation über Traumata in Gesell­schaften, die von mehreren Krisen heim­gesucht werden. Die Hälfte der Patienten meiner Frau, die Psychotherapeutin ist, will ihre Sitzungen nicht aufgeben. Wenn ich auf meine Terrasse trete, sehe ich die Lieferanten auf ihren Motorrädern, Passanten auf der nicht weit entfernten Allee, der Verkehr fließt, die Geschäfte sind geöffnet, die Cafés werden von ihren Stammkunden frequentiert.

Können Sie die Stimmung beschreiben?

Die Stimmung ist angespannt, aber es ist dennoch sehr seltsam, dieses fast normale Alltagsleben vor den Toren der Kata­strophe und der zerstörten Stadtviertel. Und dann plötzlich gibt es Luftangriffe. Es donnert heftig, oder es grollt lange, oder ein Flugzeug durchschneidet wütend den Himmel, und es folgt das Dröhnen einer Explosion – was bedeutet, dass irgendwo gerade ein Gebäude eingestürzt ist.

Mit seinem jüngsten Buch „Le nom des rois“ stand Charif Majdalani auf der Shortlist für den Prix Goncourt 2025.AFP

Gibt es etwas, das diesen Krieg von dem im Herbst 2024 unterscheidet?

Im Alltag nicht. Und das Schlimmste ist dieses Déjà-vu-Gefühl und der Gedanke, dass es wieder von vorne beginnt, wie 2024. Tatsächlich ist es genau das­selbe: Evakuierungen, überall Vertriebene, zeitweilige Luftangriffe und ein fast ­normales Leben dort, wo keine Bomben fallen.

Von außen betrachtet, hat man den Eindruck, dass dieser Krieg für den Libanon das Ende einer Ära bedeuten könnte – paradoxerweise der Nachkriegszeit, also der Zeit nach dem Bürgerkrieg, der den Libanon zwischen 1975 und 1990 verwüstet hat. Wie würden Sie diese Zeit nach dem Bürgerkrieg beschreiben?

Der Bürgerkrieg endete 1990. Das heißt, damals hörten die Libanesen auf, sich gegenseitig umzubringen. Aber die Umstände, die diesen Krieg möglich gemacht haben, wurden nie analysiert, erklärt und gelöst. Das hat zur Folge, dass wir uns immer noch in einer Logik des ­internen Konflikts mit permanenten Spannungen befinden. Das politische System wurde nie reformiert, seine Mängel – der Kommunalismus, Klientelismus, das ständige Streben nach Konsens – wurden nach dem Ende des Bürgerkriegs sogar noch verstärkt.

Außerdem haben die alten Kriegsherren nach dem Ende des Konflikts die politische Führung des Landes übernommen, sind zu politischen Führern geworden.

Ja, die Milizen wurden zwar entwaffnet, aber eine ist bewaffnet geblieben, nämlich die Hizbullah, angeblich um den Kampf gegen Israel zu führen. In Wirklichkeit ging es jedoch nur darum, die lokale Politik zu dominieren und der Politik des Iran zu dienen. Auch hier haben wir in den letzten Jahrzehnten das gleiche Szenario wie in den Siebzigerjahren erlebt, das den Bürgerkrieg ausgelöst hatte.

Will sagen?

Die Präsenz einer bewaffneten Miliz – damals waren es die palästinensischen Milizen der PLO – hatte seinerzeit die innenpolitische Lage destabilisiert und zum Krieg geführt. Man hat den Eindruck, dass der Libanon nie aus seiner Vergangenheit lernt. Zumal es auch in der Vergangenheit Israel war, das in den Libanon einmarschierte, 1982, um die PLO zu vertreiben, und damit die Voraussetzungen für ein erneutes Chaos im ­Libanon schuf. Was heute mit der Hiz­bullah wieder von vorne beginnt . . .

Würden Sie denn die Ansicht teilen, dass diese Nachkriegszeit jetzt zu Ende geht?

Ich würde sagen, nein, solange die Bedingungen, die sie ermöglicht haben, noch bestehen. Der Kommunitarismus, die Präsenz einer bewaffneten Miliz im Dienst einer Gemeinschaft, die Angst der anderen vor dieser Miliz, die Bedrohung durch Israel und so weiter.

Es gab in den vergangenen Jahren allerdings einige Momente, die diesen Status quo in Libanon bereits erschüttert haben: die große Protestwelle im Jahr 2019, die Demonstrationen nach der Explosion im Hafen im Jahr 2020 . . .

Wir hatten 2019 gedacht, dass wir in eine Phase eintreten würden, in der endlich die Grundlagen des internen Konflikts gelöst würden. Das Volk hatte sich gegen die politische Klasse und gegen die Waffen der Hizbullah erhoben und wollte den Kommunitarismus überwinden. Tatsächlich handelte es sich um große Wut, eine großes Verlangen nach Veränderung, das jedoch von der politischen Klasse manipuliert wurde. Die Bewegung verlor an Schwung, und die Menschen fügten sich wieder. Auch Covid hat dazu beigetragen und die große Explosion im Hafen 2020 hat, anstatt die Wut zu schüren, eher Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht hervorgerufen.

Der Libanon hat seit dem 7. Oktober 2023 eine erhebliche Schwächung der Hizbullah erlebt und damit auch das vermeintliche Ende alter Gewissheiten. Die Erzählung von der Unbesiegbarkeit der Hizbullah, ihrer militärischen Stärke und ihrer Entschlossenheit war lange eine Konstante im kollektiven Bewusstsein, eine unumstößliche Wahrheit, um die sich eine ganze Gesellschaft herum organisiert hatte. Diese Konstante ist so gut wie weg.

Ich habe die berühmte Unbesiegbarkeit der Hizbullah immer infrage gestellt. Erstens, weil keine Kraft auf der Welt jemals unbesiegbar ist, und zweitens, weil mir diese Legende immer als Mittel erschien, um die interne Lage zu beeinflussen und als Abschreckung im Dienst der proiranischen Achse zu wirken. Zwar hat die Hizbullah zwei Siege errungen, 2000 und 2006 gegen Israel. Dabei aber handelte es sich um Guerillakämpfe, um Kriege auf für die Hizbullah günstigem Terrain, und in solchen Fällen sind es immer die Widerstandskämpfer, die sich gegen die schwerfälligen regulären Streitkräfte durchsetzen. Die Israelis waren auch weniger auf einen solchen Widerstand vorbereitet.

Und was ist mit der viel zitierten Abschreckungskraft der Hizbullah?

Sie hat sich als Nebelkerze erwiesen. Selbst die Hizbullah glaubte an die übertriebenen Geschichten, die sie selbst verbreitete. Ihre Arroganz und Selbstsicherheit führten dazu, dass sie seit 2006 nicht erkannte, dass Israel sich auf einen neuen Krieg vorbereitete, allerdings mit ganz anderen Mitteln. 2024 kam die strategische Schwäche der Hizbullah vollends zum Vorschein. Man sah, wie sehr sie von innen ausspioniert worden und wie verwundbar sie war – und vor allem, wie sehr sie glaubte, dass sich die Ereignisse von 2000 und 2006 unverändert wiederholen würden. Sie hat nicht erkannt, wie erheblich sich die Lage auf der anderen Seite verändert hatte. Das war ihr unverzeihlicher Fehler. Die Hizbullah hat dafür einen hohen Preis bezahlt.

Und der Krieg heute?

Die Hizbullah führt ihn in dem vollen Bewusstsein, dass sie sich damit in den Ruin und in den Selbstmord stürzt. Was man ihr heute jedoch vor allem vorwirft, ist, dass sie damit auch den Libanon in den Untergang treibt.

Sie sind also nicht überrascht, dass die Hizbullah so schnell zusammengebrochen ist. Wenn Sie sich umschauen: Wie erleben die Libanesen die neue Situation?

Was die Menschen in Wut versetzt, ist dieser Eindruck, dass die Hizbullah sich nur noch darum kümmert, Iran zu helfen, trotz dessen offensichtlicher Schwäche. Die Hizbullah reizt nur ein Monster, das mit einer Gewalt reagiert, die sie zwar erwartet, die sie aber nicht stört. Die Hizbullah scheint sowohl gegenüber dem Leiden der Bevölkerung und ihren Unterstützern, die nun trotz Angst und Unterdrückung immer offener protestieren, gleichgültig zu sein. Ein großer Teil der libanesischen Bevölkerung wünscht sich, dass die Hizbullah endgültig zusammenbricht. Allerdings müsste man mit einer solchen Situation sehr vorsichtig umgehen. Vor allem was die schiitische Gemeinschaft im Land betrifft, die man beruhigen muss, indem man sie auf gleichberechtigtere Weise in das libanesische Staatsgefüge integriert.

Wie gehen Sie selbst mit der Unsicherheit der aktuellen Lage im Alltag um?

Im Moment versuche ich weiterzuarbeiten und zu schreiben. Das hilft mir sehr, es ermöglicht mir, Abstand zu gewinnen. Ich werde oft gebeten zu erzählen, und so finde ich mich dabei wieder, unseren Alltag zu dokumentieren, Zeugnis abzulegen, so wie ich es gerade ein wenig mit Ihnen tue. Auch das ist hilfreich. Es ermöglicht mir, den Alltag zu bewältigen, indem ich ihn detailliert beschreibe und zum Gegenstand einer Analyse mache.

Die Libanesen haben, wie Sie es einmal formulierten, „diese Routine des Desasters“, soll heißen: Sie sind den Umgang mit Katastrophen gewohnt. Kann eine solche Routine nützlich sein?

Seit Jahren geraten wir von einer Krise in die nächste. Wir sind gezwungen, jedes Mal diesen schrecklichen Ausdruck „Routine des Desasters“ zu verwenden, weil sich immer dasselbe wiederholt. Meine Tochter schreibt, wie gesagt, ihre Doktorarbeit über die Traumata von Menschen in Multikrisensituationen. Sie hat verstanden, dass dies unser Verhältnis zur Zeit verändert. Während in friedlichen Ländern die Lebensgeschichte jedes Einzelnen anhand der Etappen eines normalen Lebens erzählt wird, erzählt man in Ländern, in denen sich Krisen häufen, sein Leben nur anhand der verschiedenen Momente von Traumata, erlittener Gewalt und katastrophalen Ereignissen. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt einen Nutzen hat, außer dass es uns nach außen hin härter und widerstandsfähiger erscheinen lässt, während wir innerlich in Wirklichkeit sehr geschwächt sind.

Charif Majdalani, geboren 1960 in Beirut, ist einer der renommiertesten Schriftsteller des ­Libanons. Er schreibt auf Französisch, zuletzt erschien von ihm „Le nom des rois“ (Éditions Stock, 2025), das auf der Shortlist für den Prix Goncourt stand.

Source: faz.net