Aus einem halben Dutzend Orten in Israel wurden Einschläge gemeldet, nachdem am Montagmittag eine Raketensalve aus Iran abgefeuert worden war. Mehrere Menschen wurden verwundet, und zwei erlitten tödliche Verletzungen – beide in Yehud, in der Mitte des Landes. Die beiden Männer hätten sich auf dem Weg in einen Schutzraum befunden, berichtet Yaron Shiff von der Rettungsorganisation United Hatzalah, der als einer der Ersten am Einschlagsort war. Sie wurden von Raketenteilen getroffen.
Den Einschlagsort beschreibt der Ersthelfer am Telefon so: „Von den Schäden her sah es für mich so aus, als sei es eine kleine Bombe gewesen, die sich von einer großen Rakete abgespalten habe.“ Iran hat möglicherweise Streumunition eingesetzt.
Fachleute können Vorwürfe nicht überprüfen
Solche Berichte haben sich in den vergangenen Tagen gemehrt. In sozialen Netzwerken und von israelischen Medien werden Videoaufnahmen verbreitet, die möglicherweise Streubomben zeigen. Am Nachthimmel sehen sie aus wie ein Haufen von Sternschnuppen: eine Formation heller Punkte, die vergleichsweise langsam auf synchronen Bahnen fliegen.
Von der Cluster Munition Coalition (CMC), einem Zusammenschluss mehrerer Nichtregierungsorganisationen, hieß es auf Anfrage der F.A.Z., allein anhand der Videos könne man den Einsatz von Streumunition „noch nicht bestätigen oder überprüfen“.
Laut israelischen Angaben handelt es sich um Streumunition aus Raketen, die von Israels Abwehrsystem zerstört worden seien – in etwa sieben bis zehn Kilometer Höhe. Dadurch würden die bis zu zwei Dutzend in der Rakete enthaltenen Bomblets freigesetzt, die jeweils zwei bis fünf Kilogramm wögen, erklärt ein Armeevertreter. Diese Submunition sei so klein, dass es sehr schwierig ist, sie noch abzuschießen. Sie „geht frei nieder, wobei sie sich über ein großes Gebiet verteilt und Dutzende von separaten Einschlagstellen erzeugt“.
Das deckt sich mit den Erfahrungen, die Ersthelfer wie Yaron Shiff in diesen Tagen machen. Im Zwölftagekrieg im vergangenen Juni habe man es vor allem mit Einschlägen einer einzelnen Rakete zu tun gehabt, sagt der 60 Jahre alte Israeli. Jetzt gebe es häufiger mehrere Einschlagsorte auf einmal.
Angriffe offenbar schon im vergangenen Sommer
Auch die Folgen unterschieden sich: Während im vergangenen Jahr nach einem Einschlag zahlreiche Gebäude rundherum schwere Schäden davongetragen hätten, halte sich jetzt der Schaden an den einzelnen Einschlagstellen in Grenzen. Von dem Armeevertreter heißt es dazu, die Wirkung eines detonierten Bomblets „ähnelt der Explosion einer Granate – relativ begrenzte lokale Schäden, aber hochgefährlich für alle Personen in der Nähe“. Manchmal explodierten niedergegangene Bomblets auch nicht sofort, was eine weitere Gefahr für die Bevölkerung darstelle.
Israel wirft Iran vor, es setze im aktuellen Krieg Streumunition ein, um den Schaden unter der Zivilbevölkerung zu maximieren. Das verletze internationales Recht. Laut Armeeangaben sind bislang Dutzende Raketen mit Streumunition auf Israel abgefeuert worden. „Fast täglich“ gebe es solche Berichte, sagte Armeesprecher Nadav Shoshani am Montag zu Journalisten. Er hob hervor, dass Iran dabei „bewusst dicht besiedelte Gebiete ins Visier nimmt“.
Laut Angaben des CMC verfügt Iran über mehrere Typen ballistischer Raketen mit Streumunition-Sprengköpfen, darunter die Qadr S, die Zolfaghar und die Khorramshahr-4. Letztere wurde Berichten zufolge zum ersten Mal während des Zwölftagekriegs eingesetzt. In einem Bericht von Amnesty International vom vergangenen Juli wurden drei Einschlagsorte in Israel genannt, die auf den Einsatz von Streumunition hinwiesen. Die Menschenrechtsorganisation hob hervor, dass der Einsatz von Waffen, die von Natur aus wahllos wirken, völkerrechtlich verboten sei und dass wahllose Angriffe, bei denen Zivilisten getötet oder verletzt werden, ein Kriegsverbrechen darstellten.
Setzte auch Israels Armee Streumunition ein?
Die große Gefahr, die von Streumunition für Zivilisten ausgeht, war der Grund, dass 2008 in Dublin das „Übereinkommen über Streumunition“ ausgehandelt wurde. Es verbietet den Einsatz, die Herstellung und die Weitergabe bestimmter Typen von Streu- oder Clustermunition. Derzeit sind 112 Länder dem Abkommen beigetreten. Nicht beigetreten sind unter anderem Iran, Israel und die Vereinigten Staaten. Laut einem Medienbericht unterzeichnete das Pentagon im vergangenen Herbst einen Vertrag mit einer staatlichen israelischen Firma über die Lieferung von Streumunition im Wert von 210 Millionen Dollar.
Diese neu entwickelte Munition ist einem Bericht des „Guardian“ vom November zufolge möglicherweise auch von der israelischen Armee selbst kürzlich verwendet worden: im Süden Libanons. Es wäre der erste nachgewiesene Einsatz von Streumunition durch Israel seit dem Libanonkrieg 2006. Damals verblieben etwa eine Million Blindgänger im Libanon. Dies war ein wichtiger Faktor für das Zustandekommen des Streumunition-Übereinkommens.
Auch jetzt gibt es wieder Vorwürfe, dass Israel in Libanon verbotene Kampfmittel einsetzt. Die Armee habe den Ort Yohmor am Dienstag vergangener Woche mit weißem Phosphor beschossen, berichtete Human Rights Watch am Montag. Dort seien Angehörige des Zivilschutzes im Einsatz gewesen. Der Libanon-Experte der Menschenrechtsorganisation Ramzi Kaiss sagte, die brandfördernde Wirkung von weißem Phosphor könne „zum Tod oder zu schweren Verletzungen führen, die lebenslanges Leiden zur Folge haben“.
Source: faz.net