Der geopolitische Kontext könnte günstiger kaum sein. Am Dienstag hat die französische Regierung zum zweiten „Weltgipfel zur Kernenergie“ nach Paris geladen. Neun Staats- und Regierungschefs haben sich angemeldet, vom ruandischen Präsidenten Paul Kagame über die ukrainische Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko bis zum slowakischen Premierminister Robert Fico. China schickte den Vizeministerpräsidenten Zhang Guoqing, knapp 30 weitere Staaten von Argentinien über die USA, Indien, Italien bis Japan Minister oder andere Regierungsvertreter.
Von deutscher Seite nahmen hingegen nur, digital zugeschaltet, Diplomaten aus der Vertretung bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) teil. Sie hat den Gipfel, wie schon den ersten vor zwei Jahren in Brüssel, mitorganisiert. Die prominenteste Deutsche auf der Veranstaltung, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, grenzte sich gleich zu Beginn klar von der europäischen Atomenergiepolitik der vergangenen Jahre ab und sagte: „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren.“
Der französische Präsident Emmanuel Macron sagt das schon lange und sieht sich durch die Entwicklungen im Nahen Osten bestätigt. „Der Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Tagen zeigt, wie abhängig wir noch immer von fossiler Energie sind“, heißt es im Elysée-Palast. Um den steigenden Bedarf an kohlenstoffarmem Strom zu decken und von der Einfuhr fossiler Brennstoffe unabhängiger zu werden, müsse die Kernenergie die erneuerbarer Energien ergänzen.
15 Prozent des EU-Stroms aus Atomkraft
Von der Leyen argumentiert inzwischen genauso. Die Atom- und erneuerbare Energien seien kein Entweder-Oder – in Kombination miteinander seien sie am stärksten, betonte sie in Paris. Anders als Wind und Sonne könne die Kernenergie zuverlässig und das ganze Jahr über rund um die Uhr Strom liefern: Sie ist grundlastfähig. Von der Leyen will die EU zudem wieder zum Weltmarktführer machen.
Überall auf der Welt wird in die Technik investiert. Chinas bestehende 58 Reaktoren hätten zuletzt einen Anteil von 4,5 Prozent am dortigen Energiemix gehabt, 56 weitere Reaktoren seien im Bau, heißt es in Paris. Indien hat mit sechs im Bau und zehn in der Planung befindlichen Reaktoren das nach China zweitgrößte Atomprogramm auf der Welt. Mit einem Anteil von rund 40 Prozent am Primärenergieverbrauch ist die Kernenergie in Frankreich so bedeutsam wie in kaum einem anderen Land. 57 Reaktoren sind am Netz. In der EU insgesamt ist die Kernenergie hingegen nach wie vor auf dem Rückmarsch. 1990 stammte noch ein Drittel des europäisches Stroms aus der Atomkraft, heute sind es nur noch knapp 15 Prozent.
EU-Kommission will Kleinreaktoren fördern
Die EU-Kommission will das unter anderem mit einer europäischen Strategie für moderne modulare Kleinreaktoren (Small Modular Reactors, SMR) ändern. Anfang des nächsten Jahrzehnts soll die neue Technologie in Europa einsatzbereit sein. Die Kommission will Fördermittel von 200 Millionen Euro aus den Einnahmen des Emissionshandel bereitstellen, Genehmigungsverfahren beschleunigen und die Zusammenarbeit der EU-Staaten fördern, heißt es in einer Strategie, die sie am Dienstag vorgelegt hat.
Der deutsche Umweltminister Carsten Schneider (SPD) widersprach von der Leyen sofort. „Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht“, betonte er. Um nennenswert neue Reaktoren zu errichten, müsse sehr viel Geld in die Hand genommen werden, das dann anderswo fehle. Dazu komme: Die kleinen Atomkraftwerke würden seit Jahrzehnten angekündigt, schafften den Durchbruch aber nicht.
Für die französische Regierung schafft Brüssel indes genau die richtigen Anreize. Die SMR-Technik hat mit dem Scheitern des französischen Start-ups Naarea, das bis Anfang 2028 den Prototyp seines modularen Flüssigsalzreaktors in Betrieb nehmen wollte, zwar tatsächlich jüngst einen Rückschlag erlitten. Würden in Serie neue Reaktoren gebaut, gäbe es aber Lerneffekte und die Kosten je Einheit sänken, beteuert man in Paris. Man müsse der nach einem langen Zick-Zack-Kurs gebeutelten Kernindustrie nur Planungssicherheit geben.
Frankreich plant neben SMR aber auch mindestens sechs weitere konventionelle Reaktoren. Die finale Investitionsentscheidung über die ersten zwei soll noch in Macrons Amtszeit bis Ende dieses Jahres fallen. Hinter Finanzierung und Wirtschaftlichkeit stehen jedoch viele Fragezeichen, so günstig die abgeschriebenen Altreaktoren auch Strom produzieren. Beim jüngsten Neubau in Flamanville gab es enorme Verzögerungen und Kostensteigerungen.
Bau von Reaktoren war Folge der ersten Ölkrise
Billig wird die Renaissance nicht. Darin sind sich alle einig. Die französische Regierung spricht von einem „beispiellosen Maß an öffentlichen und privaten Investitionen“. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur könnten für das Erreichen der Klimaziele für 2050 mehr als eine Billion Dollar nötig sein, um die bestehenden Anlagen zu erneuern, neue zu bauen und den Einsatz von SMR zu fördern.
Für die Regierungen der Welt werde es deshalb „von entscheidender Bedeutung sein, neue, innovative Finanzierungsmechanismen einzuführen, die Subventionen, staatliche Garantien und steuerliche Anreize kombinieren“. Auch die globalen Finanzinstitutionen und multilateralen Entwicklungsbanken seien gefragt. Sie müssten eigene Programme auflegen und ihre Finanzierungskriterien aktualisieren, die als Maßstab für Banken dienen.
Wie sehr die Atomenergie die Folgen hoher Ölpreise abfedern kann, hat die französische Politik in der ersten Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre gezeigt. Während die Bundesregierung in Bonn autofreie Sonntage verhängte, kündigte Frankreichs Premierminister Pierre Messmer eine Beschleunigung des französischen Atomprogramms an. Kein anderer Staat in Europa investierte daraufhin so viel Geld in die Kernenergie wie Frankreich. Quer durchs Land erfolgten von Mitte der 1970er Jahre an die Spatenstiche für den Bau neuer Reaktoren.
Die Abhängigkeit Frankreichs vom Erdöl ist so stark gesunken: Deckte der fossile Energieträger 1973 rund 69 Prozent des Primärenergieverbrauchs, sind es heute etwas mehr als 30 Prozent. Um die Jahrtausendwende ist die Kernenergie zur wichtigsten Energiequelle geworden. In Deutschland rangiert Erdöl mit rund 37 Prozent hingegen weiter an erster Stelle, gefolgt von Erdgas mit 25 Prozent und Kohle mit 14 Prozent.
Dass die französischen Reaktoren derzeit in großem Stil produzieren, mildert in Europa auch die Auswirkungen der hohen Öl- und Gaspreise. Das war nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs vor vier Jahren anders. Wegen Korrosionsschäden und Wartungsarbeiten, die Corona-bedingt teilweise verschoben worden waren, war damals zeitweise nur die Hälfte der Reaktoren am Netz. Das machte eine höhere Verstromung von knappem, teurem Erdgas nötig als für gewöhnlich und verschärfte die Energiekrise zusätzlich.