Krieg | Hormus: Was die Bundesregierung jetzt tun sollte, um nicht in eine Energiekrise zu geraten

Durch den Iran-Krieg und die Hormus-Blockade fehlt der Welt 20-mal mehr Öl als 2022 durch die Russland-Sanktionen. In Asien und Afrika hat das bereits krasse Folgen, in Europa wird es bald ähnlich sein. Was die Bundesregierung tun sollte


Mitglieder der indischen Oppositionspartei „Congress“ protestieren am 13. März 2026 in Neu-Delhi gegen die Preissteigerungen und die Verknappung von Flüssiggas.

Foto: Arun Sankar/AFP/Getty Images


Wir befinden uns mitten in der größten fossilen Energiekrise der Nachkriegszeit. Größer als 2022. Größer als die Krisen von 1973 und 1979. Zum Vergleich: 2022 fehlten zirka 0,5 Prozent des globalen Mineralölangebots wegen der Sanktionen gegen Russland. Jetzt wird etwa 10 Prozent weniger produziert – das Loch ist 20-mal größer.

Ausgelöst durch den illegalen Angriff der USA und Israels auf den Iran, ist es unklar, wie lange die Krise andauern wird. Jeden Tag schlittert die Welt tiefer in eine Wirtschaftskrise – solange Irans Blockade der Straße von Hormus, durch die bis Februar 20 Prozent des globalen Ölangebots floss, anhält – und mehr und mehr Förderanlagen beschädigt werden.

Dünger, Helium, Schwefel, Aluminium und die Abhängigkeit vom Persischen Golf

Es geht nicht nur um Öl. Die globale Produktion von Flüssiggas ist um 20 Prozent eingebrochen. Genau jenes Gas, welches von der Bundesregierung im Februar noch als Versicherung für die zur Neige gehenden Gasspeicher angepriesen hat. Ausgefallen sind auch 30 bis 40 Prozent des globalen Handelsvolumens zweier zentraler Düngemittel, ein Drittel der Heliumproduktion, 45 Prozent des Schwefelexports und 4 Prozent der Primäraluminiumproduktion – all das ist abhängig von der fossilen Energieproduktion am Persischen Golf.

Die Folgen: in vielen Ländern Asiens und Afrikas wird bereits Treibstoff rationiert und dessen Export eingeschränkt, da sie die Hauptabnehmer der Energie vom arabischen Golf waren – sie sind direkt betroffen. Die Heliumknappheit könnte die taiwanesische Mikrochip-Produktion einschränken. Australische Bauern erwägen wegen Dieselmangels weniger Nahrungsmittel anzubauen. Und in Indien muss die Düngerproduktion aufgrund fehlender Energie gedrosselt werden. Man könnte die Liste lange fortschreiben, aber all das bedeutet, dass in den kommenden Wochen und Monaten weniger Güter auf den Weltmarkt kommen und deren Preise steigen, darunter am besorgniserregendsten für die Welt: die Preise für Nahrungsmittel.

Die letzten Tanker vom Golf kommen dieser Tage in Deutschland an

In Deutschland und Europa scheint die Lage bis auf höhere Spritpreise und erste Inflationssignale hingegen ruhig. Das liegt einerseits daran, dass die letzten Tanker, die Ende Februar noch den Golf verließen, erst in den kommenden Tagen hier ankommen. Andererseits daran, dass Europa generell viel weniger direkt von der Energie aus Nahost abhängt, anders etwa als 2022 vom russischen Gas.

Das wird aber nicht so bleiben, wenn der Krieg und die Sperrung der Straße anhalten. Bereits jetzt ist abzusehen, dass es in Europa zu verknappter Energie kommen wird, da Käufer aus Asien – denen der Ernst der Lage vielleicht früher bewusst war – derart hohe Preise zahlten, dass Flüssiggastanker mitten auf dem Atlantik ihren Kurs Richtung Indischem Ozean änderten.

Polen führt gerade Preisobergrenzen für Benzin ein

Die ganze Welt hat bisher davon profitiert, dass der Ölmarkt einen strukturellen Überschuss aufwies und man auf Reserven sanktionierter russischer Öltanker auf See zurückgreifen konnte, während die Industrieländer ihre Ölreserven anzapfen. Diese Puffer sind jetzt aufgebraucht und auf die eine oder andere Weise wird sich nun die globale Nachfrage einem verkleinerten Angebot anpassen müssen – eine erzwungene Kontraktion, die der durchschnittlichen Verringerung des Ölverbrauchs im Corona-Jahr 2020 entspricht.

Solch eine Krise verlangt eine entsprechende Krisenpolitik. Bisher wird in Deutschland zaghaft reagiert, etwa indem Tankstellen weniger oft Preise ändern dürfen, oder am Problem vorbei, wie mit Fracking-Vorschlägen, die nichts zur Lösung der aktuellen Krise beitragen. Andere Länder sind weiter – in Polen werden gerade Preisobergrenzen für Sprit eingeführt.

Die Gaspreisbremse ist ein gutes Vorbild – aber so lange wie 2022 zu warten, wäre töricht

Doch es geht nicht nur darum, die Preise für Energie durch die Bank niederzuhalten. Europa muss sich auch darauf vorbereiten, dass es bald weniger Energie gibt. Wie wird sichergestellt, dass alle ihre Grundbedürfnisse befriedigt sehen und nicht einfach die mit der größten Kaufkraft so wie vorher leben und andere in Not geraten? Die Gaspreisbremse von 2022 könnte ein Modell sein für Ölprodukte und Strom: Ein Grundkonsum bleibt günstig, jenseits davon können hohe Marktpreise sicherstellen, dass die Nachfrage insgesamt genug sinkt, um dem verknappten Angebot zu entsprechen.

Wichtig wäre, diese Maßnahmen jetzt umzusetzen und nicht wie 2022 bis sechs Monate in die Krise hineinzuwarten und zunächst eine weitere Verteuerung zu diskutieren; damals war es die Gasumlage, heute scheint eine Mehrwertsteuererhöhung den Platz einzunehmen.

Übergewinnsteuern auf die Profite der Gewinner dieser Krise

Übrigens gibt es eine Verbesserung gegenüber 2022: die Regierung ist inzwischen technisch in der Lage, Bürgern Geld zu überweisen, wie zum Beispiel das lange versprochene Klimageld. Das wäre allenfalls eine zweitbeste Lösung, da nicht einkommensabhängig überwiesen werden kann. Aber immerhin würde so sichergestellt, dass kaufkraftärmere Haushalte jetzt Unterstützung erhalten und nicht – wenn überhaupt – erst mit der nächsten Steuerabrechnung, wie etwa bei der Pendlerpauschale. Man muss außerdem hoffen, dass die Bundesregierung auch darüber nachdenkt, welche Industriesektoren im Falle einer Mangellage bevorzugt werden.

Ein weiteres Thema ist wichtig, gleich zweifach: die Gewinner der Krise sind fossile Energiekonzerne und ihre Aktionäre. Mit zu erwartenden Rekordgewinnen ist es dringend nötig, Übergewinnsteuern wieder einzuführen. Diese würden sowohl zu einer gerechteren Verteilung der Lasten führen, als auch das wichtige Signal an Investoren senden, dass die fossile Energie nicht unwiderstehlich attraktiv ist. Steuern auf Übergewinne dämpfen zukünftige Profiterwartungen und senken den Druck, in neue Produktion zu investieren und damit die Energiewende weiter vom Kurs abzubringen. Denn machen wir uns nichts vor: wäre in den vergangenen Jahren die Energiewende in Deutschland konsequenter vorangetrieben worden, wäre das Krisenpotenzial heute entsprechend geringer. Polens Maßnahmen umfassen übrigens auch eine Übergewinnsteuer auf Mineralöl.

Befriedung oder Eskalation – und ein US-Exportstopp für Öl

Mit viel Glück könnte die Krise noch relativ glimpflich verlaufen – vielleicht führen die via Pakistan geführten Gespräche zu einer überraschend schnellen Befriedung. Dann käme Europa wohl mit weniger Inflation und Lieferkettenverwerfungen als befürchtet davon. Dünger würde gerade noch rechtzeitig für die anstehende Aussaat in verschiedenen Weltregionen eintreffen.

Es könnte aber auch alles noch viel schlimmer werden. Hier nur ein Beispiel: die Straße von Hormus bleibt länger unpassierbar und aus Sorge über die Zwischenwahlen im November verhängt die US-Regierung einen Exportstopp für Öl. Das wurde in Washington bereits diskutiert; die USA haben bereits in den 1970er Jahren zu dieser Maßnahme gegriffen.

Das Vorsorgeprinzip verlangt bei solch unwägbaren Risiken vorausschauend zu handeln – hoffentlich erkennt das auch die deutsche Politik.

Gregor Semieniuk arbeitet als Ökonom an der US-Universität Massachusetts Amherst. Er forscht zum Strukturwandel in der Energiewende und arbeitete als Klimafolgenökonom für die Weltbank.

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