Krieg Gegen die Ukraine: Bei Eiseskälte ohne Strom und Wärme

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben russische Angriffe in der Nacht abermals weite Teile der Energie- und Wärmeinfrastruktur zerstört. 5635 Mehrfamilienhäuser seien ohne Heizung, teilte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko am Dienstag auf Telegram mit. „Fast 80 Prozent davon sind Gebäude, in denen die Wärmeversorgung nach dem 9. Januar wiederhergestellt wurde.“

An jenem Tag hatten russische Angriffe auf Strom und Heizkraftwerke zu einem Totalausfall bei Energie und Wärme in gut der Hälfte der Wohnhäuser der Metropole geführt. Dabei war den Versorgungsunternehmen zufolge die Infrastruktur so schwer zerstört worden wie noch nie. Zunächst waren 70 Prozent der Stadt komplett ohne Strom.

Seitdem arbeiten Mitarbeiter der Versorgungsunternehmen ununterbrochen daran, die Schäden zu beheben. Bis zum Montag war ihnen das Klitschko zufolge bis auf 16 Häuser gelungen. Damit waren aber immer noch Tausende ohne Licht und Wärme, da die riesigen Apartmentblocks mehrere Hundert Wohnungen haben können.

60 Prozent des Stadtgebiets ohne Strom

Nach den neuerlichen Attacken in der Nacht hätten 60 Prozent des Stadtgebiets keinen Strom, sagte der Chef des staatlichen Netzbetreibers Ukrenergo, Witalij Sajtschenko, dem Portal „Kyiv Independent“ am Dienstagmorgen. Darüber hinaus sei am Dienstag in allen Stadtteilen am linken Dnipro-Ufer, wo mehr als eine Million Menschen leben, die Wasserversorgung ausgefallen. Zurzeit herrschen in Kiew nachts Temperaturen von minus 20 Grad, auch tagsüber bleiben die Werte im zweistelligen Minusbereich.

Wärmezelte in einem Kiewer Stadtteil am linken Dnjepr-Ufer.Stefan Locke

In anderen Stadtteilen gibt es Pläne für An- und Abschaltungen des Stroms. Das Prozedere kennen die Menschen bereits seit Beginn der russischen Großinvasion. Mehrere Einwohner, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat, berichteten jedoch, dass die An- und Abschaltungen seit dem 9. Januar völlig unvorhersehbar geschähen und vor allem die Abschaltungen sehr lange dauerten. Oft gebe es nur wenige Stunden am Tag Strom.

Vor vielen Häusern rattern Notstromaggregate, zudem hat die Stadt zahlreiche sogenannte Wärmezelte aufgestellt, wo sich Anwohner zumindest für einige Zeit aufwärmen können. Durch den Stromausfall funktionieren auch Pumpen nicht, die das Heizungswasser in den zum Teil 25 Stockwerke hohen Apartmentblocks verteilen. Daher bleiben viele Wohnungen selbst bei intakter Wärmeinfrastruktur kalt.

Streit zwischen Selenskyj und Klitschko

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits in der vergangenen Woche aufgrund der schwierigen Versorgungslage den Ausnahmezustand verhängt und die Kiewer Behörden wegen unzureichender Vorsorge scharf kritisiert. Klitschko wehrte sich dagegen mit Verweis auf die von Selenskyj eingesetzte Militärverwaltung Kiews, die formal zwar Verteidigungsaufgaben hat, faktisch aber zu einer Zentralisierung vieler Dienste führt.

Die russischen Angriffe in der Nacht zum Dienstag betrafen zudem andere Teile der Ukraine, darunter die Großstädte Dnipro und Odessa, berichteten die dortigen Militärverwaltungen. Russische Streitkräfte nähmen „zynisch“ die zivile Infrastruktur ins Visier, indem sie über Nacht Wohngebiete und Energieanlagen angriffen, sagte der Gouverneur des Gebiets Odessa, Oleh Kiper.

Selenskyj teilte am Dienstag mit, dass bei dem Angriff „eine beträchtliche Anzahl ballistischer Raketen und Marschflugkörper sowie mehr als 300 Angriffsdrohnen“ eingesetzt worden seien. Viele davon seien abgeschossen worden, nachdem die Ukraine „endlich“ Nachschub an Flugabwehrmunition erhalten habe. Zuvor war die ukrainische Flugabwehr Berichten zufolge in weiten Teilen praktisch blank. Auch das dürfte zu den massiven Zerstörungen der zivilen Infrastruktur in den vergangenen Wochen beigetragen haben.

Hauptaufgabe der ukrainischen Diplomaten sei es nun, das Land mit ausreichend Mitteln zur Flugabwehr zu versorgen, sagte Selenskyj. Die Behörden in der Ukraine forderte er auf, alles zu tun, um die schwierige Versorgungslage zu stabilisieren. Zugleich appellierte er an die Partner seines Landes: „Sie dürfen uns nicht im Stich lassen, denn Raketen für die Luftverteidigung sind ein echter Schutz menschlichen Lebens.“

Source: faz.net